ZEIT ONLINE: Frau Poitras, Ihr Film Citizenfour über Edward Snowden und die NSA-Enthüllungen kommt am 6. November in die deutschen Kinos. Er endet mit dem Bild von Edward Snowden und seiner Lebensgefährtin Lindsey Mills, wie sie in ihrer Moskauer Wohnung das Abendessen zubereiten, gefilmt von außen durchs Fenster. Es ist die einzige Szene, in der Sie mit Ihrer Kamera weiter als drei Meter von Snowden weg sind. Ein Zeichen, dass sich Ihre Wege nun trennen werden?

Laura Poitras: Nein, ich habe das so gemacht, um den beiden Raum zu geben. Ich wollte nur zeigen, dass sie zusammen sind, ohne dabei aufdringlich zu werden.

ZEIT ONLINE: Ich frage, weil zuletzt mehrere Artikel erschienen sind, die wie eine Art Abschlussberichterstattung wirken. Wired hat einige der ersten E-Mails veröffentlicht, die Snowden Ihnen geschrieben hat. Micah Lee, heute technischer Berater bei The Intercept, hat ausführlich beschrieben, wie er Ihnen am Anfang half, sicher miteinander zu kommunizieren, und was dabei schief ging. Solche und ähnliche Artikel klingen nach "jetzt, wo es vorbei ist, können wir's ja sagen".

Poitras: Oh. Ich hoffe, der Film transportiert etwas anderes, nämlich dass es nicht vorbei ist. Dass die Geschichte über den Film hinaus geht. Dass nach den Enthüllungen nun wir, die Bürger, an der Reihe sind, Entscheidungen zu treffen. Ich hoffe, der Film ruft eher ein Gefühl der Unruhe hervor als eines von "Es ist vorbei".

ZEIT ONLINE: John Young von der Leakingplattform cryptome.org findet, Snowdens charakterliche Entwicklung werde in Citizenfour sichtbar: Er sei zu Beginn voller Hoffnungen und Wünsche und sagt selbst, er habe keine Ahnung davon, wie Medien funktionieren. Am Ende jedoch sei er gereift, aber auch skeptisch und misstrauisch und habe sehr genau verstanden, wie Medien funktionieren – und sei keineswegs glücklich damit. Stimmt das so?

Poitras: Ja, dem stimme ich zu. Man sieht diese Entwicklung von einem Mann, der anfangs sehr offen ist und dann einen Preis dafür bezahlt, zur öffentlichen Figur zu werden. Ich finde, man sieht seinem Gesicht und seinem Körper an, was er durchmacht.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie selbst in dieser Zeit gelernt?

Poitras: Ich habe mich definitiv verändert, aber nicht erst im vergangenen Jahr. Ich war noch naiv, als ich 2005 in den Irak gegangen bin, um dort den Film My Country, My Country zu drehen. Wir sind auf einem falschen Weg, dachte ich, aber es wird irgendeine Art von Korrektiv geben. Stattdessen wurden die falschen Methoden institutionalisiert. Ich meine, wenn nicht einmal Obama dafür sorgen kann, dass Guantanamo geschlossen wird, werden wir es dann immer haben? Bis die Menschen, die noch dort sind, sterben? Für mich ist immer noch unverständlich, dass wir ein Gefängnis haben, in dem Menschen seit 2002 sitzen, ohne jemals angeklagt worden zu sein. Wir halten uns doch für eine Demokratie. Jedenfalls habe ich meine Naivität verloren, als ich verstand, dass die USA ihren Kurs nicht ändern, sondern weiter auf dem Pfad der zunehmenden Überwachung und der außergerichtlichen Tötung von Menschen gehen. Ich weiß nicht, wann sich daran etwas ändern wird. Ich hoffe, dass es sich ändern wird.

ZEIT ONLINE: Sie und der Fotograf Trevor Paglen gehören zu den ganz wenigen, die etwas Visuelles zu den Snowden-Enthüllungen und diesem furchtbar abstrakten Thema Überwachung beitragen.

Poitras: Ja, Trevor ist fantastisch, er setzt den Maßstab, an dem wir anderen uns orientieren. Zuletzt ist er mit einem Hubschrauber über die Zentrale des britischen Geheimdienstes GCHQ geflogen und hat Aufnahmen gemacht, um ein Video daraus zu machen. Seine Bilder sind unglaublich. Er hat auch einiges zu Citizenfour beigetragen, weil ich nicht nach Großbritannien reisen wollte. Meine Anwälte haben mir davon abgeraten.

ZEIT ONLINE: Sie verfolgen ohnehin einen anderen Ansatz als er.

Poitras: Ja, ich kümmere mich eher um Menschen und die Konsequenzen ihres Handelns. Citizenfour beschäftigt sich mit der Frage, warum ein so junger Mann wie Edward Snowden, der so viel zu verlieren hat, so viel riskiert. Und damit, dass man ihm wenigstens zuhören sollte, wenn er schon so viel riskiert. Zeitungsartikel können Fakten vermitteln, aber visuelles Storytelling, visueller Journalismus erreicht die Menschen besser auf dieser emotionalen Ebene.

ZEIT ONLINE: Citizenfour führt dem Zuschauer sehr genau vor Augen, wie intensiv, nervenaufreibend und anstrengend es war, mit Snowden und den Geheimdienst-Dokumenten zu arbeiten, und gegen einen sehr mächtigen Gegner. Gemessen an dieser Anstrengung: Sind Sie zufrieden damit, wie Politik und Gesellschaft auf die Enthüllungen reagiert haben?

Poitras: Im Film versuchen wir, eine dunkle, ominöse Regierungspräsenz herüberzubringen. Die gibt es ja auch wirklich, wir haben sie nicht erfunden. Aber es ist sehr ermutigend, wie das Publikum darauf reagiert. Viele haben tatsächlich das Gefühl, ihre Smartphones ausschalten und die Batterie herausnehmen zu müssen, um nicht überwacht werden zu können.