Die US-amerikanische Website The Intercept hat mehrere ausführliche Nutzerhandbücher des Spionagesoftwareherstellers Hacking Team veröffentlicht. Aus den Unterlagen geht hervor, wie die Nutzer des Programms in die Computer und Mobiltelefone von Zielpersonen eindringen und die Geräte überwachen können. Das Programm mit dem Namen Remote Control System (RCS) nutzt dabei zahlreiche bekannte Angriffsszenarien wie das Einschleusen von Code über infizierte Downloaddateien oder Websites. Auch listet das Handbuch verschiedene Verfahren auf, um Geräte in offenen oder geschützten WLAN-Netzen zu infizieren.

Die italienische Firma Hacking Team ist neben dem deutsch-britischen Unternehmen Gamma/Finfisher inzwischen der bekannteste Hersteller von Spionagesoftware weltweit. Ebenso wie Finfisher steht auch Hacking Team in dem Ruf, seine Programme an repressive Staaten zu verkaufen. Dem Bericht von The Intercept zufolge versicherte das Unternehmen jedoch, nicht in Länder zu exportieren, die auf schwarzen Listen stünden oder die schwere Menschenrechtsverstöße ermöglichten. Hacking Team wollte aber keine Angaben dazu machen, welche Kunden nicht beliefert worden seien.

Die von The Intercept veröffentlichten Handbücher stammen vom September 2013 und sind zum Teil fast 200 Seiten lang. Sie wenden sich an Analysten, Administratoren, Techniker und Systemadministratoren. Während das Analysten-Handbuch vor allem die Funktionen des Spähprogramms zur Überwachung beschreibt, werden den Technikern die verschiedenen Einbruchswerkzeuge und Spähmodule von RCS 9 erläutert.

Hacking Team wirbt für RCS 9 mit dem Slogan "Internetüberwachung leicht gemacht". Das Programm ermöglicht dabei das vollständige Auslesen der Nutzerdaten: von A wie Adressbuch bis U wie die URL der besuchten Websites. Überwacht werden können Anwendungen wie Skype, die Passwörter des Nutzers, Bildschirm, Tastatur, Kamera, Mikro und die geographische Position. Ein Mausmodul zeichnet beim Klicken kleine Ausschnitte um den Mauszeiger auf, um virtuelle Tastaturen auszulesen, die einen Keylogger umgehen sollen. Die gewonnenen Daten können so aufbereitet werden, dass Verbindungen zwischen überwachten Personen deutlich werden. Dies gilt beispielsweise, wenn zwei Zielpersonen mit einem gemeinsamen Bekannten telefonieren oder sich zeitgleich am selben Ort aufhalten.

Methoden von Kriminellen

Um die Geräte von Verdächtigen zu infizieren, nutzt Hacking Team Methoden, die auch von Kriminellen oder Geheimdiensten verwendet werden. Der sogenannte Network Injector erlaubt es den Ermittlern demnach, die "http-Verbindungen abzuhören und ein Programm auf dem Gerät einzuschleusen". Dazu gibt es zwei Methoden: Zum einen kann ein Server bei einem Netzwerkprovider den Traffic überwachen und manipulierten Code zurückgeben, zum anderen kann ein Laptop genutzt werden, um in der Nähe der Zielperson über LAN und WLAN den Code einzuschleusen.

Das Programm erlaubt es den Ermittlern, verschiedene Suchbegriffe wie Downloads oder Websites einzugeben, die dann manipuliert werden. Explizit wird dabei die Exe-Datei des Firefox-Setups genannt. Dem Handbuch zufolge kann aber jede beliebige Exe-Datei infiziert werden. Als Beispiel für eine infizierte Website wird www.oracle.com erwähnt. Der Network Injector kann jedoch keine FTP- oder HTTPS-Verbindungen überwachen. Die Internetverbindung kann unter anderem durch die Eingabe von IP- und Mac-Adressen oder Adressbereichen identifiziert werden.

Eindringen ins fremde WLAN

Neben Exe- und HTML-Dateien gibt es noch die Möglichkeit, beim Nutzer Flash-Videos zu blockieren und ihn zum Installieren eines manipulierten Flash-Updates aufzufordern. Auch kann der Rechner über ein angebliches Update der Java Runtime Environment informiert werden, so dass eine manipulierte Version heruntergeladen wird. 

Das sogenannte taktische Kontrollzentrum wird auf einem Laptop der Ermittler installiert. Damit kann in LANs oder WLANs eingedrungen werden, um die Spähprogramme einzuschleusen. Im Fall eines geschützten WLANs muss dabei zuvor das Passwort geknackt werden. Zu diesem Zweck nennt das Handbuch drei Methoden: eine WPA/WPA2-Attacke mit Wörterbüchern der häufigsten Passwörter sowie zwei Bruteforce-Angriffe auf das verschlüsselte WEP-Passwort und die WPS-PIN. Nicht identifizierte Geräte können dabei zur Authentifizierung gezwungen werden. Auch besteht die Möglichkeit, einen Access Point zu emulieren und die Zielperson in dieses Netz zu locken.

Einzelne Methoden von RCS waren in den vergangenen Monaten bereits von der kanadischen Forschungseinrichtung Citizen Lab veröffentlicht worden. Verschiedene Anbieter wie YouTube und Microsoft haben nach Angaben des Citizen Lab inzwischen auf die Berichte reagiert und verschlüsseln ihren Traffic mit HTTPS.