Screenshot der Software VeriFinger mit dem Fingerabdruck Ursula von der Leyens © Jan Krissler

In Deutschland werden Fingerabdrücke seit 1903 dazu verwendet, Täter zu identifizieren. Damals begann der Dresdner Polizeipräsident Paul Koettig, eine entsprechende Sammlung aufzubauen. Seitdem gilt die Daktyloskopie als eine der wichtigsten Waffen von Kriminalisten, auch wenn der genetische Code wichtiger wird. Die größte Datei dieser Art besitzt das Bundeskriminalamt, seit 1993 gibt es dort das Automatisierte Fingerabdruck-Identifizierungs-System (AFIS). Nach Angaben des BKA sind darin 2,8 Millionen Fingerabdruckblätter gespeichert, die jeweils einen bis zehn Abdrücke enthalten können.

Der Wert von Fingerabdrücken bei der Suche nach Straftätern ist unstrittig. Das aber hat in den vergangenen Jahren zu einem Missverständnis geführt: Zu dem Glauben, sie würden deshalb auch dazu taugen, Pässe, Türschlösser oder Smartphones sicherer zu machen. Das tun sie nicht, wie Krissler nun beweist. Zu leicht lassen sich die Fingerabdrücke von fremden Menschen beschaffen und missbrauchen, um solche Sicherungen zu knacken. Die Fotofinger zeigen das eindrücklich.

200-Millimeter-Teleobjektiv

Zudem haben Betroffene das Problem, dass sie ihren "Schlüssel" nicht beliebig oft ersetzen können. Passworte lassen sich ändern, Fingerabdrücke nicht. Sind erst einmal alle zehn Fingerbilder in den Händen von Unbefugten, sind sie zur Sicherung wertlos. Dass Fingerabdrücke in der Debatte um biometrische Ausweise als Sicherheitsmerkmal bezeichnet wurden, wirkt angesichts dessen absurd. Schlimmer noch: Die Methode, die Krissler entwickelt hat, lässt sich auch dazu nutzen, Fingerabdrücke anderer Menschen eben an Orten zu hinterlassen, die diese niemals betreten haben.

Im Auftrag von ZEIT ONLINE haben Fotografen versucht, weitere Fingerabdrücke von Politikern zu sammeln. Zugegeben, in der Praxis ist das nicht ganz so leicht. Unter Laborbedingungen können auch Laien noch aus sechs oder sieben Metern Entfernung problemlos Fotos machen, auf denen sich die Abdrücke identifizieren lassen. Bei Veranstaltungen, wo das Licht diffus ist und Menschen sich bewegen, ist das mühsamer. Aber es funktioniert, wie die Versuche gezeigt haben.

Dazu braucht es ein Teleobjektiv, eine Kamera, deren Bildsensor einige Megapixel Auflösung hat, und guten Lichteinfall. Denn das Bild der Finger muss scharf sein. Das ist bei großer Brennweite nicht leicht, weil die Fotos dann kaum noch Tiefenschärfe besitzen. Außerdem müssen die Finger direkt von vorne fotografiert werden. Gelingt das, kann Krissler die Fingerabdrücke scannen und anschließend manuell nachbarbeiten, um daraus einen Abdruck zu machen.

Merkel-Raute schützt vor Abdruckscan

Schwer fiel es, ein entsprechendes Foto von den Fingern der Bundeskanzlerin zu machen. Angela Merkel gestikuliert wenig, sie versteckt ihre Hände geradezu. Auch ihre Technik, alle Finger zur Raute aneinanderzulegen, erwies sich als guter Schutz gegen das Ausspähen. Aus Sicht der Sicherheit ist die Haltung nur jedem zu raten. Innenminister Thomas de Maizère hingegen ließ sich leichter ablichten und auswerten. Auch er gestikuliert beim Reden, vor allem sein Daumen ist oft genug gut sichtbar.

Die Hände der Bundeskanzlerin sind schwer zu fotografieren, dieses Bild hier genügte nicht für einen Fingerabdruck. © ZEIT ONLINE

Krissler ist vermutlich nicht der Erste, der auf diese Idee kam. Die Digitale Fotografie kann die nötigen hohen Auflösungen schon seit einigen Jahren liefern, auch die Software zum Umwandeln in klare Abdrücke ist alt.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit nutzen Geheimdienste solche Verfahren längst. Der Bundesnachrichtendienst jedenfalls will biometrische Verfahren in den kommenden Jahren genauer erforschen. Er plant gleich mehrere Projekte dazu, wie aus geheimen Haushaltsunterlagen hevorgeht, die ZEIT ONLINE ausgewertet hat.

Krissler denkt derweil darüber nach, wie sich die Methode verbessern lässt. Zur Analyse wandelt er die Fotos in Schwarzweiß-Bilder um, um den Kontrast zu erhöhen. Das brachte ihn auf die Idee, von vornherein eine kontrastreichere Methode zu verwenden. So kam er auf Infrarotkameras, die noch viel bessere Ergebnisse liefern. Vor allem, wenn sie mit einem Infrarotblitz ausgestattet sind.

"Man kann Politikern nur empfehlen, in der Öffentlichkeit künftig immer Handschuhe zu tragen", sagt Krissler und lacht. Auch Sonnenbrillen wären nicht schlecht. Denn Scans der Augen lassen sich aus Fotos ebenfalls problemlos fertigen, wie Krissler und Fiebig zeigen können. Noch sind solche Irisbilder nicht sehr verbreitet und werden selten eingesetzt. Doch auch sie gelten fälschlicherweise als Sicherheitsmerkmal.

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