Wer schickt heutzutage eigentlich noch Faxe? In erster Linie wohl Behörden und Ministerien. Lohnende Ziele für die NSA also, die sich längst nicht auf das Aufspüren von Terroristen beschränkt. Ein bisher unbekanntes Dokument zeigt, dass ihre Überwachungswut selbst vor der etwas angestaubten Technik nicht haltmacht. Laut der Präsentation mit dem Titel Intro to the Fax Exploitation Process, die ZEIT ONLINE an dieser Stelle exklusiv veröffentlicht, und die Sie auch auf slideshare.net einsehen können, beschäftigt der US-Geheimdienst eine eigene Einheit, die sich ausschließlich um das Abfangen und Auswerten von Faxen kümmert.

Das Dokument ist allerdings nicht echt. ZEIT ONLINE hat es selbst erstellt, nach der Vorlage des in Berlin lebenden neuseeländischen Künstlers, Hackers und Critical Engineers Julian Oliver.

Die Snowden-Templates nennt Oliver sein Werk. Es basiert auf diesem echten NSA-Dokument über Angriffe auf VPN-Verbindungen (Virtual Private Networks). Der Spiegel hatte es vor einigen Tagen veröffentlicht. Oliver hat die Logos und Grafiken beibehalten, den Originaltext aber entfernt und durch eine Anleitung zum Ausfüllen ersetzt. Die Vorlage hat er als LibreOffice-Präsentation online zur Verfügung gestellt.

Wo dort als Titel The Something Something Exploitation Process steht, kann nun jeder eine beliebige fiktive NSA-Enthüllung eintragen, inklusive der Beschreibung eines möglichst "kafkaesken Überwachungskomplexes, der ein Zehntel der US-Bevölkerung und einige deiner Freunde beschäftigt", wie es in der Anleitung heißt. Das dann folgende "düstere Mission-Statement" soll einen selbstherrlichen Text enthalten, der die Verachtung von Privatsphäre und verfassungsmäßigen Rechten zum Ausdruck bringt, und außerdem mindestens einen Rechtschreibfehler, wie sie auch in den echten NSA-Präsentationen immer mal wieder auftauchen. 

Sogar die Schaubilder kann man selbst beschriften, zum Beispiel mit fantasievollen Codenamen für Programme und Datenbanken. Wer mag, kann sich auch welche von einem NSA-Codename-Generator vorschlagen lassen.

Mit den ausgedachten Enthüllungen ließe sich zum Beispiel der Recherchewille von Journalisten prüfen, schreibt Oliver auf der Projektseite. Er hält es für möglich, dass manche Medien die Fälschungen für echt halten und ohne weitere Nachfragen darüber berichten. Der Neuseeländer ist aber nicht in erster Linie auf Medienschelte aus. Die Templates sind auch eine Warnung, schreibt er in einer E-Mail an ZEIT ONLINE: "Ich zweifle zwar nicht an der Wahrhaftigkeit vieler Snowden-Dokumente. Aber es ist wichtig, dass wir wachsam bleiben und unser implizites Vertrauen ständig herausfordern, damit wir nicht manipuliert werden." Er meint das nicht nur inhaltlich, sondern auch technisch: "Immerhin sind PDFs eine bekannte Methode, um Schadsoftware auf fremde Computer zu bringen." Außerdem will er die Templates als Spiel mit der Angst verstehen, dass wir alle genarrt werden. Eine Angst, die es schon vor den Snowden-Dokumenten und den Verschwörungstheorien darum gab.

Die Snowden-Enthüllungen beschäftigen Oliver schon länger. Er hat das Überwachungsprogramm Prism bereits 2013 in einem Werk thematisiert und war zeitweise in der Berliner Cryptoparty-Szene aktiv. Sein Ansatz, sich kreativ mit dem Snowden-Archiv auseinander zu setzen, kommt eineinhalb Jahre nach den ersten Enthüllungen möglicherweise zum richtigen Zeitpunkt. Künstler haben die Totalüberwachung durch Geheimdienste bisher nur selten thematisiert. Oliver glaubt, dass es in diesem Jahr mehr wird. Er schreibt: "Ich hoffe, dass Medienkünstler sich nicht auf Blendwerk und blinkende LEDs beschränken, sondern Überwachung aktiv als Medium nutzen, indem sie das Publikum in Kontakt mit den Mechanismen und Strategien bringen, die ihre Grundrechte kompromittieren."

Zwar werden immer noch neue Dokumente veröffentlicht, das Thema ist in den Medien wie auch in der Politik – zum Beispiel im NSA-Untersuchungsausschuss – weiterhin präsent. Doch der längst bestehende Eindruck, alles und jeder werde immer und überall überwacht, lässt sich nicht mehr steigern.

Die zuletzt vom Spiegel veröffentlichten Dokumente über die Bemühungen der NSA und ihrer Partner, Verschlüsselungstechniken zu hacken, zu schwächen und zu umgehen, stecken voller relevanter Informationen vor allem für Entwickler und Systemadministratoren. Aber sie sind wegen der kryptischen Abkürzungen, der vielen Codenamen und der wirren Schaubilder schwer zu verstehen. Im besten Fall hat Julian Oliver nun einen Anreiz für viele geschaffen, sich eingehender mit ihnen zu beschäftigen. Denn wer eine glaubwürdige NSA-Präsentation erstellen will, muss sich mit alledem auskennen.

Update: Die NSA liest tatsächlich Faxe mit, darauf haben uns zwei Leser hingewiesen. Der US-Geheimdienst tat das schon zu Zeiten von Echelon, heute heißt das entsprechende Überwachungsprogramm DROPMIRE. Wir bedanken uns für die Hinweise und damit die Bestätigung dafür, dass es gar nicht so einfach ist, sich eine einigermaßen absurde NSA-Präsentation auszudenken, die von der Realität nicht noch übertroffen wird.