US-Präsident Barack Obama hat am Wochenende dem US-Techblog re/code ein Interview gegeben. Eine der ersten Fragen lautet: Wie können die USA verlangen, von Hackerangriffen durch andere Staaten wie Nordkorea verschont zu bleiben, wenn sie selbst etwas Vergleichbares tun? Obama antwortet mit einem Vergleich aus dem Sport: "Es ist mehr wie Basketball als wie Football, es gibt keine klare Trennung von Defensive und Offensive. Es geht ständig hin und her." Er wolle nicht lügen, sagt er: "Wenn man ausgefeilte Abwehrtechniken entwickelt, kann man mit dem Wissen potenziell auch einen Angriff starten."

Tatsächlich wird jeder Sicherheitsforscher und Hacker das bestätigen: Um sich bestmöglich verteidigen zu können, muss man die Methoden der Angreifer beherrschen. Aber die Snowden-Enthüllungen und nun auch der Kaspersky-Bericht über die Equation Group, die höchstwahrscheinlich im Umfeld der NSA anzusiedeln ist, legen nahe: Obamas "Basketballmannschaft" besteht aus begnadeten Offensivspezialisten. Und die spielen foul.

Die Ziele der Equation Group waren laut Kaspersky unter anderem Regierungen und diplomatische Vertretungen, Militärs, Forschungsanlagen für Nukleartechnik, Finanzinstitute sowie Telekommunikations-, Luftfahrt-, Energie- und Nanotechnologie-Unternehmen. Was soll das noch mit Defensive zu tun haben? Fürchten die USA einen Angriff von Nanoterroristen?

Nein, die Hacker-Gruppe hat kaum vorstellbare Anstrengungen unternommen, Industrieanlagen und Firmennetzwerke auszuspionieren. Das ist pure Offensive. Nur zu welchem Zweck? Obama sagt im Interview mit re/code: "Wir betreiben schlicht keine Industriespionage, so wie es viele andere Länder tun, die staatlich unterstützte Operationen durchführen, um kommerziell verwertbare Informationen zu stehlen." Es fällt immer schwerer, das zu glauben.

Selbst wenn es stimmt: Seit der Enttarnung von Stuxnet weiß die ganze Welt, dass die US-Regierung in Computersabotage die Fortsetzung ihrer Außenpolitik mit anderen Mitteln sieht. Diplomatie und Sanktionen haben das iranische Atomprogramm nicht stoppen können – der Computerwurm Stuxnet aber hat zumindest mehrere Hundert Zentrifugen in der Urananreicherungsanlage in Natanz zerstört und das Atomprogramm des Iran damit zurückgeworfen. Dass die USA solche Mittel auch in Zukunft nutzen wollen, geht unmissverständlich aus den NSA-Unterlagen hervor, aus denen der Spiegel kürzlich zitierte.

Die Angriffswerkzeuge der Equation Group sind weitere Manifestationen dieser Politik, die über das bloße Überwachen hinausgeht. Von Obama ist nicht zu erwarten, dass er daran etwas ändert.

"Irgendwann", sagt er im Interview, "müssen wir eine internationale Übereinkunft schließen, die klare Grenzen setzt, ähnlich wie über den Einsatz von Atomwaffen. Wir müssen verstehen, dass es besser für uns alle ist, wenn wir bestimmte Regeln befolgen. Bis es so weit ist, haben wir ausreichende Fähigkeiten, uns zu verteidigen." Anders gesagt: Derzeit gibt es nach Ansicht des Präsidenten keine Regeln, an die sich sein Basketballteam halten muss.