Neue Smart-TVs von Samsung © REUTERS/Kim Hong-Ji

Parker Higgins gehört zu den wenigen Menschen, die Datenschutzbestimmungen und Endbenutzer-Lizenzverträge (EULA) lesen. Was für die meisten wohl der langweiligste Lesestoff der Welt ist, erinnert den Mitarbeiter der Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) aber mitunter an Weltliteratur. An George Orwells Überwachungsdystopie 1984, um genau zu sein.

Am Wochenende hat Higgins die EULA für Samsungs Smart-TVs gelesen und unter dem Stichwort Spracherkennung fand er folgenden Satz: "Samsung könnte Sprachbefehle sammeln, um Ihnen Spracherkennungsfunktionen anzubieten und diese zu evaluieren und zu verbessern. Bitte beachten Sie, dass Ihre gesprochenen Worte, die persönliche oder andere sensible Informationen beinhalten, unter jenen Daten sein werden, die aufgenommen und an einen Drittanbieter übertragen werden, wenn Sie die Spracherkennung nutzen." Während das Mikro des Fernsehers aktiv ist, sollte man also im Wohnzimmer besser nichts allzu Privates besprechen.

Eine Szene, die Higgins gleich bekannt vorgekommen ist. In Orwells Roman 1984 versucht ein Winston Smith sich dem Überwachungsstaat zu entziehen. Darin heißt es: "Jedes von Winston verursachte Geräusch, das über ein ganz leises Flüstern hinausging, wurde von ihm [dem "Televisor" genannten Fernsehapparat – Anm. der Red.] registriert. Außerdem konnte Winston, solange er in dem von der Metallplatte beherrschten Sichtfeld blieb, nicht nur gehört, sondern auch gesehen werden. Es bestand natürlich keine Möglichkeit festzustellen, ob man in einem gegebenen Augenblick gerade überwacht wurde. Wie oft und nach welchem System die Gedankenpolizei sich in einen Privatapparat einschaltete, blieb der Mutmaßung überlassen."

Der Vergleich ist natürlich überzogen. Samsungs Smart-TVs hören standardmäßig nicht permanent zu, was im Raum gesagt wird. Die Spracherkennung lässt sich auch komplett deaktivieren, wie aus dem Lizenzvertrag hervorgeht. Samsung hat auf Nachfrage von TechCrunch zudem klargestellt, dass es Sprach- und Suchkommandos nicht dauerhaft speichert oder an Dritte verkauft. Was die Drittanbieter, auf deren Servern die Sprachkommandos zunächst in Text umgewandelt und damit maschinell verwertbar gemacht werden, mit den aufgezeichneten Daten anstellen, sagt Samsung in dem Dokument allerdings nicht.

Klarer wird das in der deutschen Fassung der Datenschutzbestimmungen, die alle Käufer von Samsungs Smart-TVs akzeptieren müssen, ehe sie die Sprachsteuerung benutzen können. Der Blogger Lars Siebenhaar, selbst Besitzer eines Samsung-Fernsehers, hat sie hier veröffentlicht. Der Drittanbieter, der die Spracheingaben verwertet, ist die Firma Nuance, die auch Apples virtuelle Assistentin Siri entwickelt hat und die Daten auf Servern in Irland sammelt. Die Erklärung beantworte zwar nicht alle Fragen, verrät Lesern aber leicht verständlich, was bei der Sprachsteuerung passiert. Siebenhaar findet das nicht gruselig, sondern sogar vorbildlich.

Letztlich weist Parker Higgins lediglich auf ein mögliches Problem hin, das spätestens seit Siri millionenfach verbreitet ist: Sprachsteuerung, die über eine beschränkte Anzahl festgelegter Kommandos hinausgeht, funktioniert derzeit nicht lokal, sondern immer cloudbasiert. Alle Kommandos nach dem initialen Startbefehl werden aufgezeichnet und an Server geschickt, von wo aus sie beantwortet werden. Das gilt für Smartphones, Smart-TVs, Spielekonsolen, Amazons elektronischen Assistenten Echo und alle anderen sprachgesteuerten Systeme in Autos, Haushaltsgeräten oder Unterhaltungselektronik.

Was dabei genau passiert – wie viel von wem aufgezeichnet, gespeichert oder gar weitergegeben wird – können Nutzer allenfalls dann nachvollziehen, wenn sie die Nutzungs- und Datenschutzbestimmungen lesen. Wer noch Lesestoff für lange Winterabende sucht, wird bei Apple, Google, Amazon ebenso fündig wie den Herstellern von Smart-TVs wie zum Beispiel Samsung und LG.