Der Leitende Kriminaldirektor Karl Geyer vom Polizeipräsidium Mittelfranken erklärt Precobs. © Daniel Karmann/dpa

Gebersdorf ist ein eher langweiliger Vorort von Nürnberg, keine Villen, sondern solide Häuser, enge Straßen, hohe Hecken. Am 7. Februar 2015 wurde dort in eines der Einfamilienhäuser eingebrochen. Einer von ungefähr 650 Einbrüchen im Jahr, allein in Nürnberg. Das Ganze ging schnell, die Täter knackten ein Fenster, durchsuchten das Haus, stahlen Bargeld. Als die Polizei kam, waren sie längst verschwunden. Also nahmen die Beamten die Tat auf, dann fuhren auch sie wieder weg. Traurige Routine. 

Doch dieser Einbruch war anders, denn "Precobs" schlug danach Alarm. Nachdem die Polizisten ihre Meldung geschrieben und ins interne Datensystem eingegeben hatten, erkannte Precobs darin ein Muster. Precobs ist eine Software, die die Einbruchsberichte der bayerischen Polizei durchsucht und diese mit früheren Taten vergleicht. Der Name ist eine Abkürzung für Pre Crime Observation System. Es soll professionelle Einbrecher finden, ihre Taten vorhersagen, damit die Polizei kommen kann, bevor etwas passiert. Früher hatten die Beamten Karten mit bunten Stecknadeln in ihren Büros hängen, um solche Muster zu sehen, jetzt machen das Computer. Predictive Policing heißt so etwas, vorausschauende Polizeiarbeit.

Bei der Polizei in Zürich läuft das schon im Dauerbetrieb, in Bayern wird es seit Oktober 2014 getestet. Andere Bundesländer sind ebenfalls interessiert, vor allem Nordrhein-Westfalen, aber auch Berlin. Software in Polizeidaten nach Mustern suchen zu lassen, ist ein echter Trend. 

Inzwischen verkauft ein halbes Dutzend Unternehmen solche Prognose-Programme. Die erste Software für die Vorhersage kommender Straftaten hat IBM gebaut. Auf der Basis des in der Wissenschaft seit Langem verwendeten Statistikprogramms SPSS entwickelte das Unternehmen im Jahr 2006 ein Programm namens Blue CRUSH. Die Polizei von Memphis in den USA nutzt es, um Ort und Zeitpunkt von Straftaten vorherzusagen. 

Zwei Jahre später entstand aus Algorithmen, die eigentlich programmiert worden waren, um bei Erdbeben Nachbeben vorherzusagen, eine Software namens PredPol. Die Polizei von Los Angeles und die Metropolitan Police in London greifen darauf zurück. Auch Oracle ist in das Geschäft eingestiegen. Genau wie Palantir, das Softwareunternehmen, das für die US-Regierung eine datengestützte Strategie entwickeln sollte, um WikiLeaks am Veröffentlichen weiterer Dokumente zu hindern.

Was wurde wie gestohlen?

Nicht nur für Einbrüche wird so etwas genutzt. Jede Form von Massenkriminalität eignet sich prinzipiell dafür. Precobs-Entwickler Thomas Schweer sagt: "Wir können keine Täter heilen, dadurch dass wir ihnen die Chance versauen. Das ist auch nicht die Aufgabe der Software, wir suchen nach Schwerpunkten." 

Bei Wohnungseinbrüchen gebe es drei Tätertypen, sagt Karl Geyer, Leitender Kriminaldirektor im Polizeipräsidium Mittelfranken. Da seien die Gelegenheitsdiebe, die aus Geldnot hin und wieder einbrächen, daneben die Beschaffungstäter, die ihre Sucht finanzierten, – und eben Professionelle. "Wir schätzen, dass ein erheblicher Anteil der Einbrüche auf professionelle Täter zurückgeht", sagt Geyer. Geringes Risiko und hohe Beute. Das locke Profis und auch Banden an. 

Profis handeln nach rationalen Kriterien. Sie beobachten die Gegend, die Häuser, die Fluchtwege. Und sie verstehen ihr Handwerk, machen sich also eher am Schloss zu schaffen, als eine Tür einzutreten. Vandalismus beispielsweise interessiert sie nicht, sie wollen schnell Geld verdienen. Mit anderen Worten: Sie hinterlassen zwar kaum Spuren, dafür aber wiedererkennbare Muster. 

"Wenn der Fernseher geklaut wird, ist das kein Profi", sagt Günter Okon. "Es fällt auf, wenn man nachts um zwei mit einem Fernseher durch die Straßen läuft." Okon ist Erster Kriminalhauptkommissar beim bayerischen Landeskriminalamt in München. Er leitet dort die Analyseabteilung und verantwortet den Precobs-Test in Bayern. Auch ein Brautkleid würden Profis nie mitgehen lassen, egal wie teuer es war. "Profis nehmen Geld, Schmuck, vielleicht ein Handy. Nur das, was in die Socke passt, haben wir früher gesagt." 

Der zweite nur allzu menschliche Punkt, auf dem die Analyse basiert: Auch Verbrecher haben Gewohnheiten. Was einmal klappt, klappt vielleicht wieder. Mehr vom selben, nannte es der aus Österreich stammende Soziologe und Psychotherapeut Paul Watzlawick. Precobs nutzt diese Annahme und sucht Muster im Verhalten bei der Tat, um Vorhersagen über künftige Einbrüche zu machen.