Gebersdorf ist ein eher langweiliger Vorort von Nürnberg, keine Villen, sondern solide Häuser, enge Straßen, hohe Hecken. Am 7. Februar 2015 wurde dort in eines der Einfamilienhäuser eingebrochen. Einer von ungefähr 650 Einbrüchen im Jahr, allein in Nürnberg. Das Ganze ging schnell, die Täter knackten ein Fenster, durchsuchten das Haus, stahlen Bargeld. Als die Polizei kam, waren sie längst verschwunden. Also nahmen die Beamten die Tat auf, dann fuhren auch sie wieder weg. Traurige Routine. 

Doch dieser Einbruch war anders, denn "Precobs" schlug danach Alarm. Nachdem die Polizisten ihre Meldung geschrieben und ins interne Datensystem eingegeben hatten, erkannte Precobs darin ein Muster. Precobs ist eine Software, die die Einbruchsberichte der bayerischen Polizei durchsucht und diese mit früheren Taten vergleicht. Der Name ist eine Abkürzung für Pre Crime Observation System. Es soll professionelle Einbrecher finden, ihre Taten vorhersagen, damit die Polizei kommen kann, bevor etwas passiert. Früher hatten die Beamten Karten mit bunten Stecknadeln in ihren Büros hängen, um solche Muster zu sehen, jetzt machen das Computer. Predictive Policing heißt so etwas, vorausschauende Polizeiarbeit.

Bei der Polizei in Zürich läuft das schon im Dauerbetrieb, in Bayern wird es seit Oktober 2014 getestet. Andere Bundesländer sind ebenfalls interessiert, vor allem Nordrhein-Westfalen, aber auch Berlin. Software in Polizeidaten nach Mustern suchen zu lassen, ist ein echter Trend. 

Inzwischen verkauft ein halbes Dutzend Unternehmen solche Prognose-Programme. Die erste Software für die Vorhersage kommender Straftaten hat IBM gebaut. Auf der Basis des in der Wissenschaft seit Langem verwendeten Statistikprogramms SPSS entwickelte das Unternehmen im Jahr 2006 ein Programm namens Blue CRUSH. Die Polizei von Memphis in den USA nutzt es, um Ort und Zeitpunkt von Straftaten vorherzusagen. 

Zwei Jahre später entstand aus Algorithmen, die eigentlich programmiert worden waren, um bei Erdbeben Nachbeben vorherzusagen, eine Software namens PredPol. Die Polizei von Los Angeles und die Metropolitan Police in London greifen darauf zurück. Auch Oracle ist in das Geschäft eingestiegen. Genau wie Palantir, das Softwareunternehmen, das für die US-Regierung eine datengestützte Strategie entwickeln sollte, um WikiLeaks am Veröffentlichen weiterer Dokumente zu hindern.

Was wurde wie gestohlen?

Nicht nur für Einbrüche wird so etwas genutzt. Jede Form von Massenkriminalität eignet sich prinzipiell dafür. Precobs-Entwickler Thomas Schweer sagt: "Wir können keine Täter heilen, dadurch dass wir ihnen die Chance versauen. Das ist auch nicht die Aufgabe der Software, wir suchen nach Schwerpunkten." 

Bei Wohnungseinbrüchen gebe es drei Tätertypen, sagt Karl Geyer, Leitender Kriminaldirektor im Polizeipräsidium Mittelfranken. Da seien die Gelegenheitsdiebe, die aus Geldnot hin und wieder einbrächen, daneben die Beschaffungstäter, die ihre Sucht finanzierten, – und eben Professionelle. "Wir schätzen, dass ein erheblicher Anteil der Einbrüche auf professionelle Täter zurückgeht", sagt Geyer. Geringes Risiko und hohe Beute. Das locke Profis und auch Banden an. 

Profis handeln nach rationalen Kriterien. Sie beobachten die Gegend, die Häuser, die Fluchtwege. Und sie verstehen ihr Handwerk, machen sich also eher am Schloss zu schaffen, als eine Tür einzutreten. Vandalismus beispielsweise interessiert sie nicht, sie wollen schnell Geld verdienen. Mit anderen Worten: Sie hinterlassen zwar kaum Spuren, dafür aber wiedererkennbare Muster. 

"Wenn der Fernseher geklaut wird, ist das kein Profi", sagt Günter Okon. "Es fällt auf, wenn man nachts um zwei mit einem Fernseher durch die Straßen läuft." Okon ist Erster Kriminalhauptkommissar beim bayerischen Landeskriminalamt in München. Er leitet dort die Analyseabteilung und verantwortet den Precobs-Test in Bayern. Auch ein Brautkleid würden Profis nie mitgehen lassen, egal wie teuer es war. "Profis nehmen Geld, Schmuck, vielleicht ein Handy. Nur das, was in die Socke passt, haben wir früher gesagt." 

Der zweite nur allzu menschliche Punkt, auf dem die Analyse basiert: Auch Verbrecher haben Gewohnheiten. Was einmal klappt, klappt vielleicht wieder. Mehr vom selben, nannte es der aus Österreich stammende Soziologe und Psychotherapeut Paul Watzlawick. Precobs nutzt diese Annahme und sucht Muster im Verhalten bei der Tat, um Vorhersagen über künftige Einbrüche zu machen. 

Precobs allein verhindert keine Verbrechen

In Gebersdorf muss ein solcher Profi am Werk gewesen sein. Seine Beute und die Art, wie er ins Haus gekommen war, wiesen darauf hin. Doch nicht nur Diebesgut und Modus Operandi ließen die Software anschlagen. Die Tat geschah auch in einer Gegend, die das Programm als Risikogebiet eingestuft hat, als eine Region also, in der schon mehrfach eingebrochen wurde. 

Die These der Kriminologie dazu heißt "Near Repeats": Verbrechen treten in bestimmten Regionen häufiger auf als in anderen. Wenn Kriminelle halbwegs überlegt vorgehen – und nur diese Täter kann Precobs vorhersagen –, dann werden sie sich Opfer suchen, bei denen sie ohne viel Aufsehen zum Ziel kommen. Waren sie erfolgreich, werden sie ähnliche Objekte bevorzugen oder gar ein zweites Mal in dasselbe Haus einsteigen. Das bedeutet, dass auch die Nachbarn nach einem Einbruch stärker gefährdet sind, vor allem, wenn es eine Gegend mit ähnlichen Häusern und ähnlichen Sicherheitsmaßnahmen ist. 

In Nürnberg sagte die Software voraus, dass innerhalb von bis zu sieben Tagen im Umkreis von wenigen hundert Metern ein weiterer Einbruch passieren wird. Precobs war sich sicher, das Programm meldet so etwas nur, wenn die rechnerische Wahrscheinlichkeit dafür 75 Prozent oder höher ist. Und Precobs hatte recht: Drei Tage später gab es drei Querstraßen weiter die nächste Tat. Wieder ein Einfamilienhaus, wieder kamen der oder die Diebe durchs Fenster, wieder suchten sie offensichtlich nur Bargeld.

Jeder Vorschlag der Software wird einzeln geprüft

Eigentlich soll mit Precobs genau so etwas nicht mehr passieren. "Es waren zwar Kräfte draußen, es konnte dieses Mal aber leider nicht verhindert werden", sagt Andreas Riedelmeier. Der Polizeihauptmeister ist selbst viele Jahre lang Streife gefahren. Inzwischen sitzt er in Nürnberg im Polizeipräsidium an einem Schreibtisch und ist einer von drei Precobs-Operatoren. Er sichtet die Alarmmeldungen der Software und entscheidet, ob eine Streife losgeschickt wird oder nicht. Denn längst nicht alles, was der Computer auswirft, macht aus Sicht der Ermittler Sinn, jeder Fall muss einzeln geprüft werden. 

Aber selbst wenn eine Warnung sinnvoll erscheint, ist sie kein Garant dafür, dass auch ein Täter gefasst wird. Eigentlich geht es darum nicht einmal, Predictive Policing will Prävention sein, nicht Repression. "Täter festzunehmen ist kein Erfolgskriterium dabei. Es braucht so viele Zufälle, um jemanden auf frischer Tat zu erwischen, das ist selten", sagt Kriminalhauptkommissar Okon. Die Software soll der Polizei die Chance geben, ihre Beamten besser einzusetzen, die Täter zu verscheuchen. Sie soll vor allem vergrämen. Nur ungefähr 15 Prozent der Einbrüche in Bayern werden aufgeklärt, in Berlin sind es sogar nur sieben Prozent. Wohnungseinbrüche sind so häufig und für die Täter so risikolos, dass die Polizei für jede Unterstützung dankbar ist. Noch dazu, da die Zahl der Einbrüche deutschlandweit seit Jahren steigt. 

Doch ob solche Systeme überhaupt etwas bringen, ist gar nicht klar. Die Firmen werben mit tollen Zahlen. IBM beispielsweise wirbt damit, dass dank seiner Software "Blue CRUSH" die Kriminalität in Memphis, im US-Bundesstaat Tennessee bei schweren Verbrechen um 30 Prozent gesunken ist. Gewaltverbrechen hätten um immerhin 15 Prozent abgenommen. PredPol wirbt teilweise sogar mit noch höheren Zahlen

"Predictive Policing ist bislang nirgendwo als wirksam evaluiert", sagt hingegen Joachim Eschemann, Leitender Kriminaldirektor beim Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen. Er leitet die Abteilung, die untersuchen soll, ob solche Software angeschafft wird. "Wir sind der Auffassung, dass Predictive Policing nicht so einfach ist, wie es dargestellt wird. Bringen diese Produkte wirklich einen Mehrwert für die Polizei? Für mich ist das eine völlig offene Frage, die wir mit unserer Forschung klären wollen." Die Aussagen zu Erfolgen stammten entweder von Firmen und "stellen eine Kausalität in den Vordergrund, zwischen der Entwicklung von Kriminalität und dem Einsatz von Predictive Policing, die nicht nachgewiesen ist".

Dürftige Daten über Qualität der Vorhersage

Auch beim LKA Niedersachsen hat man Zweifel. Alexander Gluba von der Kriminologischen Forschungsstelle des Landeskriminalamtes schrieb 2014 eine "Bestandsaufnahme" zu dem Thema. Die Frage, ob Predictive Policing wirke, könne "derzeit noch nicht beantwortet" werden, die Datenlage sei dürftig, unabhängige Studien gebe es nicht. Die Behauptungen der Hersteller zur Wirkung beruhten auf "nicht zulässigen Kausalschlüssen". 

In Nürnberg hofft man auf eine Wirkung, ist sich aber nicht sicher. Im Herbst 2014 sank dort die Zahl der Einbrüche, obwohl in der dunklen Jahreszeit immer mehr eingebrochen wird als im Sommer. Die Polizei frohlockte schon, dass Precobs helfe. Aber "im Dezember gingen die Fallzahlen wieder deutlich nach oben", sagt Kriminaldirektor Geyer. Möglicherweise sind es neue Täter. Oder auch nicht. Kriminalität ist komplex, viele Faktoren spielen eine Rolle. "Wir sind überzeugt, dass das Potenzial vorhanden ist", sagt Geyer über Precobs. Auch wenn das Programm bislang nicht "die Quote liefert, die die Macher versprechen." 

Das Problem: Die Vorhersagen gelten nur für professionelle Täter, und niemand weiß genau, wie viele Einbrüche von Profis verübt werden. Kriminaldirektor Geyer ist überzeugt: "Der Anteil der professionellen Täter ist erheblich. Ob er bei 40 Prozent liegt, bei 50 Prozent oder noch höher, können wir allerdings nicht sicher sagen. Die Ermittlungserfolge bei Banden gehen jedoch in diese Richtung." 

Genau das ist eine Kritik an dem System. Aufgrund der hohen Dunkelziffer ist unklar, wie viel Kriminalität sich mit Systemen wie Precobs überhaupt bekämpfen lässt. Möglicherweise verschärfen sie sogar das Problem: Da das Programm nur mit Daten von Delikten gefüttert wird, die die Polizei registriert, sucht es auch nur entsprechende Muster. Unter Umständen engt die Software so den Blick der Beamten auf bestimmte Orte ein. 

Daten zur Infrastruktur, zum Einkommen, zum Wasserverbrauch

In Nürnberg haben sie beispielsweise viele Einbrüche beobachtet, die Precobs nicht vorhergesehen hatte. Die Einbrecher suchten neue Gegenden heim und verhielten sich auch sonst nicht so, wie gedacht, obwohl es offensichtlich Serientäter waren. Es brauchte in diesem Moment die Erfahrung der Polizisten, um die Software neu zu justieren. 

Unklar ist auch, ob die Kriminellen nicht einfach ausweichen – auf andere Gegenden oder andere Taten. "Die Täter reagieren natürlich auf polizeiliche Maßnahmen und könnten beispielsweise in andere Regionen ausweichen", sagt Eschemann. "Wenn ich das nicht im Blick habe, erzeuge ich einen Scheinerfolg, der aus polizeilicher Sicht gar keiner ist." 

Könnten mehr Daten die Prognosen der Software vielleicht besser machen? Precobs sei "datensparsam", versichern die Entwickler und die damit befassten Beamten. Es nutze nur die Adresse des Tatortes, die Beute und das Vorgehen der Täter. Die Entscheidung, was nach einer Analyse passiere, treffe immer ein erfahrener Polizist, nie der Computer. Der bayerische Datenschutzbeauftragte hat es geprüft und für unbedenklich befunden. "Das derzeit verwendete Analysesystem ist in der aktuellen Ausgestaltung datenschutzrechtlich nicht zu beanstanden", erklärte die Behörde. 

Internet der Dinge bietet massenhaft Informationen

Aber Precobs ist nur der Anfang. Dieter Schürmann würde am liebsten noch viel mehr Daten in solche Systeme speisen. Schürmann ist Landeskriminaldirektor im Innenministerium von NRW, der höchste Kriminalbeamte in Nordrhein-Westfalen. Seine Ideen zu Vorhersageprogrammen gehen genau in die Richtung, vor der sich Datenschützer und Bürgerrechtler fürchten. 

Beim Europäischen Polizeikongress sagte er Ende Februar in Berlin, das Ziel müsse sein, möglichst viele Informationen aus Polizeidatenbanken in Echtzeit zu nutzen. Jede Strafanzeige, jeden Tatortbericht, jede Fallanalyse will Schürmann automatisch durchforstet sehen. Außerdem gebe es noch viel mehr Daten, die interessant sein könnten, sagte er: Daten zur Infrastruktur, zum Einkommen, zum Wasserverbrauch, zur Auslastung von Kommunikationsnetzen, zum Stromverbrauch, zum Wetter, Daten zur Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs oder auch aus der Konsumforschung. 

Schürmann sah darin kein Problem: "Das alles geht ohne personenbezogene Daten und dazu werden auch keine neuen Daten erhoben sondern nur bereits vorhandene genutzt." Das Internet der Dinge werde solche Informationen in Zukunft massenhaft zur Verfügung stellen. 

"Wir schauen, ob sich aus unseren polizeilichen Daten in Kombination mit statistischen Daten zur Bevölkerungsstruktur oder zur Infrastruktur Korrelationen erkennen lassen, die darauf hindeuten, dass in bestimmten Gebieten zu bestimmten Zeiten und bei bestimmten Umständen die Wahrscheinlichkeit eines Einbruchs höher ist", sagt LKA-Abteilungsleiter Eschemann. Er soll erforschen, welche Zusammenhänge es zwischen Kriminalität und äußeren Umständen gibt. "Wenn ich weiß, dass viele Menschen bei einer Großveranstaltung sind, kann ich als Täter hoffen, dass niemand zu Hause ist", sagt er. Warum also nicht auch Daten über Veranstaltungen in der Stadt nutzen?

Kritiker fürchten Rasterfahndung

Kritiker sehen darin den Ansatz für eine flächendeckende Überwachung. Vor allem, da es bereits Überlegungen gibt, auch Echtzeitdaten aus sozialen Netzwerken in die Analysen einzubeziehen

Und schließlich sind die Analysen auch eine Form der Rasterfahndung – eine anlasslose und automatisierte Suche in beliebigen Daten, um bestimmte Verhaltensmuster zu finden und zu hoffen, dass diese Muster für einen Tätertyp stehen.

Eben das, was Schürmann sich vorstellt. Dafür aber gibt es enge rechtliche Grenzen. Das Bundesverfassungsgericht fordert in einem Urteil aus dem Jahr 2006, die Polizei dürfe nur rastern, wenn eine "konkrete Gefahr für hochrangige Rechtsgüter wie den Bestand oder die Sicherheit des Bundes oder eines Landes oder für Leib, Leben oder Freiheit einer Person gegeben" sei. 

Bei Precobs geht es um Orte, nicht um Personen. Andere Systeme wie Blue CRUSH oder Predpol jedoch suchen bereits gezielt nach bestimmten Menschen oder Menschengruppen. Das gibt es noch nicht in Deutschland, aber in den USA. In Chicago werden so beispielsweise Menschen identifiziert, die in nächster Zeit an einem Gewaltverbrechen beteiligt sein könnten. "Heat List" heißt die Sammlung der Gefährder. Sie werden anschließend gezielt von der Polizei angesprochen. 

Der Beratungskonzern Accenture hat für die Londoner Polizei nach Gangmitgliedern gesucht. Anhand von mehr als 20 verschiedenen Faktoren sollten gewalttätige "Hoch-Risiko-Mitglieder" identifiziert werden. Eine Liste mit 300 Namen erstellte Accenture, sechs davon kannte die Polizei bis dahin nicht. Von diesen sechs hätten fünf in den kommenden Wochen Gewalttaten begangen, sagte ein Vertreter von Accenture auf dem Polizeikongress.

Hierzulande glaubt die Polizei nicht an solche Ansätze, noch nicht. Eschemann sagt: "Dem sind natürlich Grenzen gesetzt. Die Annahme, man könnte konkrete Taten vorhersagen, also vor dem Täter am Tatort sein, erachte ich als illusorisch."

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