Vor Kurzem präsentierte Google auf seiner Entwicklerkonferenz I/O einen neuen, beeindruckenden bis leicht gruseligen Fotodienst. Google Fotos analysiert jedes von den Nutzern hochgeladene Bild, verschlagwortet es nach Kriterien wie "Winter" oder "Essen" und erkennt die Gesichter der Menschen im Bild wieder – mitunter auch dann, wenn Fotos fast zwei Jahrzehnte alt sind.

Auch Facebook investiert seit Jahren in automatische Gesichtserkennung. Wie weit sie fortgeschritten ist, zeigt die neue App des sozialen Netzwerks: Facebook Moments ist ein Dienst zum privaten Teilen von Bildern. Moments sortiert die Aufnahmen nach Zeitpunkt und Ort, erkennt automatisch Personen und bietet anschließend die Möglichkeit, die Bilder mit eben diesen zu teilen.

Ein Beispiel: Auf einer Hochzeit machen zehn auf Facebook miteinander befreundete Personen Fotos und laden sie anschließend in Moments. Die App erkennt anhand des Zeitpunkts und der Geodaten, dass diese Bilder auf derselben Veranstaltung entstanden sind, erstellt eine Gruppe und scannt sie auf bekannte Gesichter. Anschließend können die Nutzer einzelne Bilder auswählen und sie für andere Gruppenmitglieder zur Synchronisation freigeben. Jedes Mitglied bekommt somit auf Wunsch ein privates Fotoalbum der Hochzeit, das nicht nur die eigenen Fotos enthält, sondern auch die Fotos, auf denen man selbst zu sehen ist.

Gesichtserkennung für die Massen

Im Test von Wired erkannte Moments kein Gesicht falsch, was einerseits für die Leistungsfähigkeit der Erkennungssoftware spricht. Andererseits gibt es seit Jahren Diskussionen darüber, inwieweit Gesichtserkennung eingesetzt werden sollte, was sie genau erkennen darf und wie sich die Menschen davor schützen können. Häufig geht es in der Debatte um Behörden wie das FBI, die massenhaft biometrische Daten sammeln, oder um die Auswertung von Überwachungsbildern. Doch auch die Gesichtserkennung von Google oder Facebook, deren Datenbanken Milliarden Nutzerfotos enthalten, steht regelmäßig in der Kritik.

Zum einen wird kritisiert, dass sich durch das Verknüpfen von Gesichtern und persönlichen Informationen noch detaillierte Nutzerprofile erstellen lassen. Schon jetzt hat Facebook Zugriff auf Informationen wie den Standort der Nutzer, die Freundesliste und Vorlieben in Form von Likes – alles Daten, die das Netzwerk verwendet, um die persönliche Timeline zu optimieren und gezielte Werbung zu schalten. Fotos wären der nächste Schritt. Technisch gesehen könnte Facebook einzelne Nutzer selbst dann erkennen, wenn sie selbst gar keine Fotos hochgeladen haben. Das würde dazu führen, dass die Nutzer nicht wissen, wann und zu welchen Zwecken ihr Gesicht analysiert wird. Die Datenrichtlinien sagen bereits, dass Facebook "die Bilder deines Freundes mit Informationen vergleicht, die wir aus deinen Profilbildern und den anderen Fotos zusammengetragen haben".

Zum anderen machen Dienste wie Facebook Moments und Google Fotos die Gesichtserkennung massenfähig. Je mehr Dienste die Technik nutzen und sie quasi im Vorbeigehen einsetzen, um den Nutzern mehr Bequemlichkeit zu bieten, desto schneller wird sie akzeptiert. In Zukunft könnte es für viele Menschen ganz normal sein, dass ihre Fotoverwaltung automatisch nach den Bildern von Freunden sucht. Ebenso normal, wie viele Menschen mittlerweile ihre Fotos mit Geodaten versehen, weil beliebte Apps wie Instagram das nun einmal unterstützen und Fotos auf eine hübsche Weltkarte platzieren. Was viele vergessen: Je mehr Bilder mit Ortsangaben man öffentlich teilt, desto leichter ist es, daraus Bewegungsprofile zu erstellen.

Denkt man die Gesichtserkennung noch weiter, könnte sie nicht von den Anbietern, sondern auch von anderen Nutzern missbraucht werden. Jeff John Roberts von Fortune zeichnet ein Szenario, in dem die Menschen vor einer Aids-Klinik oder einer Moschee fotografiert werden. Für die Identifizierung könnte Facebook sorgen. Wohlgemerkt wäre das aber nur dann möglich, wenn das Netzwerk tatsächlich die Funktion öffnet, wonach es zurzeit nicht aussieht. Im Fall von Moments ist die automatische Erkennung auf die Personen der eigenen Freundesliste beschränkt.