Griechische und US-Fahnen während der Olympischen Spiele in Athen © Doug Pensinger/Getty Images

Wer die NSA in sein Haus einlädt, bekommt sie so schnell nicht mehr hinaus. So könnte man die jüngsten Enthüllungen des Portals The Intercept zusammenfassen. Mithilfe bis dato unveröffentlichter Snowden-Dokumente zeigen die Journalisten, wie der amerikanische Geheimdienst während der Olympischen Spiele in Athen im Jahr 2004 die Kommunikation in Griechenland überwachte – und danach offenbar ohne Erlaubnis weitermachte. Die Dokumente liefern somit neue Hinweise darauf, dass tatsächlich die USA hinter der als "Griechisches Watergate" bekannten Überwachungsaffäre zwischen 2004 und 2005 steckten.

"Die NSA hatte seit den Spielen 1984 in Los Angeles eine aktive Rolle bei Olympia", heißt es in einem internen Dokument aus dem Jahr 2003. Die Spiele in Athen aber stellten eine neue Herausforderung dar – und eine neue Gelegenheit. Nur drei Jahre nach 9/11 galt Olympia wie jedes sportliche Großereignis als potenzielles Ziel für Terroristen. Es war auch dieser Angst geschuldet, dass der griechische Geheimdienst EYP mit der NSA kooperierte. Man wolle "Informationen sammeln und den EYP über mögliche terroristische oder kriminelle Aktivitäten informieren", heißt es in einem Schreiben der NSA.

Spätestens 2003 begann die NSA mit ihren Vorbereitungen. Der Geheimdienst plante damals, das "größte Personalkontingent der Geschichte" nach Athen zu schicken. Zehn Analysten sollten bereits 30-45 Tage vor dem Beginn der Spiele anreisen, um die Vorbereitungen zu treffen. Später kamen noch Experten der Abteilung für maßgeschneiderte Operationen (TAO) hinzu, die als interne "Hackereinheit" der NSA immer dann auftritt, wenn es um das Eindringen in fremde Netzwerke geht. Mitarbeiter der Commercial Technologies Group sammelten nach Angaben von Spiegel Online Informationen über die Infrastruktur in Griechenland. Insgesamt sollen mindestens elf Abteilungen der NSA an dem Programm beteiligt gewesen sein.

Malware im Vodafone-Netz

Wie die neuen Dokumente zeigen, waren die Überwachungsmöglichkeiten der Griechen im Vorfeld von Olympia sowohl juristisch als auch technisch eingeschränkt. Die NSA bat die griechische Regierung deshalb darum, zusätzliche Technik zur sogenannten lawful interception, also rechtmäßigen Überwachung, in den griechischen Netzen zu aktivieren und gleichzeitig das Abhören einzelner Ziele zu erlauben, jedenfalls für die Dauer der Olympischen Spiele und der folgenden Paralympics. Die Regierungsvertreter stimmten zu, die Aktion selbst war als geheim eingestuft.

Gewissermaßen war diese Erlaubnis der Türöffner für die NSA. Wie The Intercept berichtet, war die NSA nämlich nicht nur an der rechtmäßigen Überwachung interessiert, sondern vor allem daran, die Abhörsoftware der TAO in das griechische Mobilfunknetzwerk von Vodafone einzuschleusen. Mithilfe dieser Software konnten sie, ohne Spuren zu hinterlassen, einzelne Gesprächs- und Verkehrsdaten auf sogenannte Schattentelefone umleiten. Möglicherweise konnte die NSA mithilfe eines Vodafone-Mitarbeiters ihre Malware installieren; dass der Geheimdienst gezielt Mitarbeiter von ausländischen Telekommunikationsunternehmen rekrutiert, ist aus anderen Snowden-Dokumenten bekannt.

Während der Olympischen Spiele überwachten die Mitarbeiter der NSA in 24-Stunden-Schichten den Mobilfunkverkehr mithilfe der neu installierten Technik und Software. Nach den Paralympics schaltete der Geheimdienst einen Teil davon wieder ab und vermittelte den Griechen so den Eindruck, die Überwachung sei vorbei. In Wirklichkeit aber lief das Programm mithilfe der installierten Malware weiter. "Wenn du einmal Zugriff hast, hast du Zugriff", wird ein früherer ranghoher NSA-Mitarbeiter zitiert. Der Journalist und Sicherheitsforscher Morgan Marquis-Boire sieht darin den Beweis, dass Geheimdienste die Schwachstellen rechtmäßiger Überwachung missbrauchen können.

Kommt mit Olympia die NSA ins Land?

Erst im darauffolgenden Januar 2005 rief ein verkorkstes Update in der NSA-Software die Techniker von Vodafone auf den Plan. Nach wochenlangen Untersuchungen fanden Experten von Ericsson heraus, dass eine ausgeklügelte Malware in dem System steckte. Gleichzeitig fanden sie heraus, dass mehr als hundert Mobiltelefone angezapft wurden, darunter die Anschlüsse des damaligen griechischen Ministerpräsidenten Kostas Karamanlis und seiner Familie, des Bürgermeisters von Athen und von Kabinettsmitgliedern.

Die Enthüllung war nicht nur ein politischer Skandal; es folgten Klagen und Schadenersatzforderungen gegen Vodafone, und der mysteriöse Suizid eines Netzwerktechnikers sorgte für weitere Spekulationen. The Intercept bricht das auf die Frage herunter, ob die NSA in irgendeiner Form mitschuldig ist am Tod des Mannes.

Die neuen Dokumente und Recherchen untermauern die vorherrschende Annahme, dass tatsächlich die USA und ihre Geheimdienste hinter dem "griechischen Watergate" steckten. Dieser Meinung waren die griechischen Offiziellen zwar schon länger, bislang fehlten aber eindeutige Beweise. Die liefern die Dokumente zwar ebenfalls nicht, sie zeigen aber, dass die NSA in großem Stil während der Olympischen Spiele in Athen tätig war und die technische Infrastruktur zur Überwachung aufgebaut hat.

Und sie zeigen noch etwas: Nämlich dass Großereignisse wie die Olympischen Spiele möglicherweise unter dem Deckmantel der Terrorprävention die US-Geheimdienste anlocken. Das sollte ein wichtiges Signal für Hamburg sein, das sich bekanntlich für Olympia 2024 bewirbt. Andererseits müsste die NSA aber vielleicht gar nicht so viel investieren wie noch vor elf Jahren in Athen. Dass sie bereits in Deutschland aktiv ist und hierzulande sowohl heimlich als auch mit dem Segen deutscher Geheimdienste überwacht, ist schließlich hinreichend bekannt.