"Denken Sie immer noch so?", fragte ein Nutzer auf Twitter den ZEIT-ONLINE-Kollegen Kai Biermann am vergangenen Samstag, einen Tag nach den Anschlägen in Paris. Der Tweet, auf den er sich bezog, stammt aus dem März und verlinkt zu einem Kommentar zum Thema Vorratsdatenspeicherung: Daten auf Vorrat zu speichern ist und bleibt eine schlechte Idee, heißt es darin. Die Überwachung der Bürger teils aus Bequemlichkeit, teils aus Panikmache zu legitimieren, sei ein Angriff auf deren Freiheit.

Acht Monate später ermorden sieben Angreifer in Paris mindestens 129 Menschen. Videos von Schüssen in der Innenstadt, Bilder schockierter Menschen und blutiger Bürgersteige gehen um die Welt. Elf Jahre nach dem Attentat von Madrid, zehn Jahre nach den Anschlägen in London ist der Terrorismus für viele, vor allem junge, Europäer näher denn je.

Die Angst vor weiteren Anschlägen ist spürbar. Deshalb ist die Frage verständlich: Kann man immer noch guten Gewissens sagen, dass Überwachung mehr schadet als hilft? Kann man schreiben, dass das Speichern von Verbindungsdaten keine gute Idee ist, weil es Millionen von Bürgern zu Verdächtigen macht? Oder ist es an der Zeit, umzudenken: Wenn die Überwachung aller Menschen am Ende auch nur ein einzelnes Leben rettet, ist sie dann nicht schon gerechtfertigt?

Terror in Paris - Frankreich stellt Sicherheit vor Stabilitätspakt

Dass Politiker und Sicherheitsbehörden nun nach mehr Überwachung, mehr Datensammlung, mehr Geheimdiensten rufen, ist angesichts der Taten verständlich. Sie zeigen damit vor allem: "Hey, wir tun etwas." Sie hoffen, damit bei vielen Menschen für ein Gefühl der Sicherheit zu sorgen.

Doch der Wunsch nach mehr Überwachung zieht die falschen Schlüsse. Er geht davon aus, dass private Kommunikation der Feind ist, und dass sich mit mehr Kontrolle und mehr Daten die Ursachen des Terrorismus bekämpfen lassen. Aber das tun sie nicht. Solche Maßnahmen doktern nur ein wenig an den Symptomen herum, und selbst das nicht zuverlässig.

Kritik an Whistleblowern und anonymen Diensten

Trotzdem dauerte es erwartungsgemäß nicht lange, bis die ersten Vertreter von Polizei und Politik sich entsprechend äußerten. Der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Jörg Radek, hat bereits am Samstag eine längere Speicherung der Verbindungsdaten gefordert. In Großbritannien werden die Rufe lauter, das geplante Gesetz zur Supervorratsdatenspeicherung schneller als geplant zu verabschieden, zudem sollen die Geheimdienste personell aufgestockt werden. In Frankreich wurde bereits nach den Anschlägen auf das Satiremagazin Charlie Hebdo im Januar ein weitreichendes Überwachungsgesetz verabschiedet; eine Ausweitung ist bereits geplant.

Neben den Forderungen nach mehr Überwachung richteten sich zahlreiche Kommentare auch gegen Edward Snowden und andere Whistleblower. Sie sollen den Terroristen überhaupt erst verschlüsselte Kommunikation, möglicherweise über den Messenger Telegram, schmackhaft gemacht haben, lautet die Theorie. An anderer Stelle ist von semi-anonymen Internetdiensten wie Pastebin die Rede, über den sich IS-Mitglieder austauschen und Bekennerschreiben veröffentlichen. Und im nur über das Tor-Netzwerk erreichbaren Deep Web befinden sich islamistische Propagandaseiten.

Das ist alles nicht neu, Terroristen nutzen seit jeher die ihnen und allen anderen Menschen frei verfügbare Technik. Der Journalist Glenn Greenwald hat nachgezeichnet, wie bereits in den neunziger Jahren, lange vor den Angriffen auf das World Trade Center, die US-Behörden warnten, Terroristen könnten Verschlüsselung nutzten. Jetzt plötzlich Whistleblower wie Edward Snowden dafür verantwortlich zu machen, ist billige Propaganda. Und die Annahme, dass die Technik letztlich für die Anschläge verantwortlich war, ist ebenso hypothetisch wie die Annahme, dass sich Terrorismus endgültig stoppen lässt.

Vorratsdaten haben die Pariser Anschläge nicht verhindert

Seit 9/11 wurde nicht nur in den USA mit dem Patriot Act die Überwachung der Bürger massiv ausgebaut. Der Geheimdienstverbund Five Eyes hat das Internet in einem zuvor nicht für möglich gehaltenen Maß ausspioniert, Bündnispartner wie Deutschland haben fleißig mitgeholfen und sich der Rhetorik bedient, im Sinne der Terrorismusbekämpfung zu arbeiten, obwohl die Überwachungsprogramme nachweislich vielen anderen Zielen galten.

Das gleiche gilt für die Vorratsdatenspeicherung. Auch deren Zweckmäßigkeit ist bis heute nicht bewiesen. In Frankreich werden die Verbindungsdaten der Kommunikation bereits seit 2006 für 12 Monate gespeichert. Es hat die Pariser Anschläge nicht verhindert, trotz Überwachungsmaßnahmen konnten die Attentäter durchschlüpfen.