Facebook und Tor pflegen bereits seit Ende 2014 eine sonderbare Beziehung. Damals hatte Facebook unter https://facebookcorewwwi.onion eine eigene Adresse im Tor-Netzwerk eingerichtet, einen sogenannten Hidden Service. Wer über Tor auf das Internet zugreift, kann seitdem Facebook nutzen, ohne dass dieses denkt, der Account sei gehackt worden, weil die IP-Adresse sich ständig verändert. Denn genau das ist Sinn und Zweck von Tor: Es verschleiert den genauen Standort des Nutzers und erschwert damit Zensur und Überwachung.

Auf dem Chaos Communication Congress (32c3) zum Jahreswechsel zeigte sich der Tor-Aktivist Jacob Applebaum in einem Vortrag erfreut über die Kooperation zwischen Facebook und Tor. Gleichzeitig kündigte er einen Ausbau der Zusammenarbeit an. Nun ist klar, um was es sich dabei handelt: Wie Facebook in einem Blogbeitrag mitteilte, enthält die kommende Version von Facebooks Android-App die Option, sich mit dem Tor-Netzwerk zu verbinden.

Das bedeutet nicht, dass Tor nun fest in der Facebook-App eingebaut ist. Die Nutzer müssen zunächst die App Orbot aus dem Play Store installieren, einer der beliebtesten Tor-Dienste für Android. Anschließend gibt es in den App-Einstellungen von Facebook die Option, Tor via Orbot zu nutzen. Der Datenverkehr der Facebook-App wird dadurch verschleiert, Mobilfunkunternehmer können nicht mehr einfach sehen, wann welcher Nutzer auf das Netzwerk zugreift.

Gegen Zensur und Netzsperren

Wohlgemerkt ist das Feature weniger dafür gedacht, sich anonym im Netz zu bewegen. Wer sich mit Facebook verbindet, einloggt und persönliche Informationen, Fotos oder Kontaktdaten hochlädt, teilt diese natürlich weiterhin mit Facebook. Für die meisten Nutzer in Deutschland oder anderen westlichen Ländern ist die Option deshalb vermutlich wenig interessant, wenn sie nicht auch sonst ihren kompletten Datenverkehr verschlüsseln und verschleiern.

Anders sieht das in Ländern aus, in denen der Zugriff auf Facebook eingeschränkt oder gesperrt ist. Hier können die Nutzer staatliche Zensurmaßnahmen umgehen, sich auf Facebook einloggen und mit anderen Menschen austauschen. Kate Krauss, die Sprecherin des Tor-Projekts, sagte: "Jeder Mensch benötigt mehr Privatsphäre im Internet und fast jeder ist Mitglied bei Facebook." Die Menschen hätten nun die Möglichkeit, ihren Standort zu verschleiern. Für einige sei das zumindest angenehm, für andere könnte es "lebensrettend" sein.

Weiterhin keine gute Lösung für iOS

Facebook schreibt, nach der Einrichtung der Adresse im Tor-Netzwerk habe es immer wieder den Wunsch gegeben, weitere Zugriffsmöglichkeiten zu implementieren. Ein Praktikant habe im vergangenen Sommer deshalb eine Initiative gestartet, die anschließend von einem Team in London übernommen wurde.

In jedem Fall zeigt Facebook, dass es durchaus gewollt ist, seinen Nutzern zumindest einige Hilfsmittel an die Hand zu geben, um sich vor Überwachung durch Dritte zu schützen. Und das zu einer Zeit, in der US-Politiker mit Technikunternehmen über Verschlüsselung und mögliche Hintertüren debattieren wollen. Die Integration des Tor-Netzwerks direkt in die App dürfte jedenfalls deutlich komfortabler sein, als im Smartphone-Browser die Onion-Seite aufzurufen.

Das gilt allerdings nur für Android-Nutzer. Für iOS gibt es noch keine konkreten Pläne, eine ähnliche Funktion anzubieten. Das liegt weniger an Facebook, sondern sowohl an Apple als auch an Tor. Bislang gab es nur Browser wie Red Onion für iOS, die das Tor-Netzwerk nutzten, aber keine appübergreifenden Dienste wie Orbot. Mit der Einführung von iOS 9 im vergangenen Herbst aber gibt es mehr Möglichkeiten für die Entwickler. Im Oktober sagte der Tor-Entwickler Nathan Freitas dem Portal Daily Dot, man arbeite an mehreren Projekten, um endlich gute Tor-Lösungen in iOS zu bringen. Falls es soweit ist, könnte auch Facebook wieder anklopfen.