Eine Google-Vermeidungsmaschine aus Deutschland drängt auf den internationalen Markt. Schon bisher hatte der Browser Cliqz eine  hauseigene Suchmaschine und ein Anti-Tracking-System, das nicht zuletzt Googles Werbegeschäft zumindest ein wenig ausbremst. Nun soll der Browser durch die Verschmelzung mit einem weltweit bekannten Add-on attraktiver für Nutzer werden, die nicht quer durchs Internet verfolgt werden wollen: Die Cliqz GmbH aus München, eine Tochter des Verlags Hubert Burda Media, kauft die Marke Ghostery und deren Tracking-Blocker-Technik.

Was ist Cliqz?

Ursprünglich war Cliqz nur eine Erweiterung für den Firefox-Browser. Vor knapp einem Jahr dann hat die Cliqz GmbH die Version 1.0 ihres gleichnamigen Browsers veröffentlicht. Er basiert auf dem Firefox-Code und ist kostenlos erhältlich für Windows, OS X, Linux (Debian), iOS und Android. Seine erste Besonderheit ist die aus dem Add-on bekannte, in der Adresszeile untergebrachte Schnellsuchfunktion. Wer einfache Suchbegriffe wie "Wetter Berlin" eingibt, bekommt die Vorhersage direkt angezeigt, ohne die aktuelle Website verlassen zu müssen. Das funktioniert auch mit Flugnummern, Währungsumrechungen und einigen anderen typischen Suchbegriffen. Alternativ zeigt Cliqz drei Linkvorschläge, die aus wenigen Schlagworten und der Adresse bestehen. Der Umweg über eine externe Suchmaschine ist nicht nötig – aber natürlich möglich, wenn man zum Beispiel komplexere Abfragen starten will.

Zweitens richtet sich die Gewichtung der Suchergebnisse in Cliqz nicht nach den üblichen Kriterien wie Inhalt, Verlinkungen durch andere oder sonstige Maßnahmen zur Suchmaschinenoptimierung. Stattdessen entscheidet die Masse der Nutzer: Cliqz analysiert, welche Suchbegriffe genutzt und welche Ergebnisse dann angeklickt werden, das Kriterium lautet also: Relevanz für die Nutzer. Human Web nennt das Unternehmen den so entstandenen Index, der zumindest theoretisch immer besser wird, je mehr Daten vorliegen. Von zentraler Bedeutung ist dabei, dass diese Daten komplett anonymisiert sind. Alles, was einzelne Nutzer identifizieren könnte, etwa die IP-Adressen, wird vor der Analyse aussortiert. Wer trotzdem nicht mitmachen möchte, kann die Datenübertragung auch stoppen.

Die dritte Besonderheit von Cliqz ist der Tracking-Schutz. Er blockiert Skripte von Google, Facebook und den vielen, auf Onlinewerbung spezialisierten Diensten in der Standardeinstellung nicht ganz, sondern verändert die übertragenen Nutzerdaten nur so, dass sie nicht mehr einer einzelnen Person zuzuordnen sind. (Weitere Details finden sich hier und hier.) Eine vollständige Blockade ist aber optional einstellbar. Die Manipulation der Daten soll auch das sogenannte Browser-Fingerprinting erschweren, bei dem übertragene Daten zur Bildschirmauflösung, installierten Schriftarten und Betriebssystem ein wiedererkennbares Profil bilden. In einem Kurztest der Stiftung Warentest im April 2016 war das Fingerprinting allerdings durchaus möglich.

Mittlerweile ist Cliqz bei Version 1.10 angelangt, hat einige neue Funktionen bekommen – darunter die Betaversion eines Werbeblockers und das sogenannte Transparenz-Cockpit, das in Echtzeit anzeigt, welche Daten bei der Nutzung von Cliqz entstehen – und ist client-seitig quelloffen. Das heißt, wie der Browser funktioniert, können unabhängige Experten jederzeit hier einsehen.

Echtzeitinformationen zu den von Cliqz generierten Daten im Transparenz-Cockpit © Screenshot ZEIT ONLINE

Was ist Ghostery?

Ghostery hat ein ähnliches Ziel wie Cliqz: Mit der Browser-Erweiterung für Firefox, Safari, Chrome, Opera Edge, Internet Explorer, iOS und Android können Nutzer derzeit knapp 2.500 verschiedene Tracking-Skripte komplett blockieren. Blacklisting heißt das Prinzip, die schwarze Liste der Tracker ist nach Angaben von Ghostery "die größte im Internet". Die Feineinstellungen ermöglichen es aber auch, das Tracking auf einzelnen Seiten komplett zuzulassen oder die Blockade zumindest zu pausieren – etwa wenn man die Betreiber einer werbefinanzierten Website unterstützen möchte und dafür in Kauf nimmt, getrackt zu werden, oder wenn die Seite sonst nicht richtig funktioniert.

Hinter dem Add-on stecken aber nicht mehr seine Entwickler, sondern seit 2010 die US-Firma Ghostery, Inc., ehemals Evidon, ehemals Better Advertising. Sie entwickelt Software für Werbenetzwerke, Verlage und andere Unternehmen – also jene, die eigentlich möglichst viel über die Nutzer von Websites wissen wollen. 2013 berichteten erst Chip und später auch Technology Review, Ghostery reiche Nutzerdaten an die Werbewirtschaft weiter. Das Unternehmen stritt das nicht ab, betonte aber, es seien keine Daten darunter, die für zielgerichtete Werbung oder zur Identifikation einzelner Nutzer verwendet werden könnten. Außerdem müssten Nutzer zuvor die Funktion Ghostrank aktivieren. Ohne diesen Opt-in würden ihre Daten gar nicht erst gesammelt. Die offizielle Erklärung steht hier. Seit 2015 erlaubt sich Ghostery zudem über seine standardmäßig aktivierte Consumer Messaging Platform, seinen Nutzern Werbebotschaften und Produktankündigungen einzublenden – für ein Tool, das Werbeskripte stoppen soll, eine vorsichtig gesagt ungewöhnliche Funktion.

Warum kauft Cliqz jetzt Ghostery?

Mit dem Zukauf der Marke Ghostery will Cliqz zum einen seine Nutzerbasis ausbauen. Bisher verwenden nach Angaben der Firma nur etwa 75.000 Nutzer den deutschen Browser auf einem Windows-PC, 8.000 auf einem Mac oder MacBook, 60.000 auf einem Android-Gerät und 7.000 auf iOS. Die Firefox-Erweiterung Cliqz, also der Vorgänger des kompletten Browsers, ist immerhin 550.000 Mal in Gebrauch. Ghostery hingegen ist nach Angaben des Anbieters schon mehr als 50 Millionen Mal installiert worden und täglich kommen 30.000 neue Downloads hinzu. Cliqz rechnet etwas zurückhaltender und geht von immerhin zehn Millionen Ghostery-Nutzern in aller Welt aus.

Zum anderen soll der deutsche Browser um den auf Blocklisten basierenden Trackingschutz von Ghostery erweitert werden – und umgekehrt. Cliqz-Sprecher Thomas Konrad schreibt in einer E-Mail an ZEIT ONLINE: "Wir werden die beiden Ansätze derart kombinieren, dass Nutzer von der umfassenden Cliqz-Sicherheit profitieren, aber da, wo es sinnvoll ist, vollständiges Blockieren einstreuen, um eine noch bessere Performance zu erreichen." Das könne auch geschehen, "wenn wir feststellen, dass bestimmte Tracker besonders bösartig immer wieder versuchen, Tracking-Schutz zu umgehen."