FBI-Direktor James Comey ist ein hervorragender Motivator. Auf einer Abendveranstaltung am Mittwoch sagte er: "Wer meine geheimen Accounts bei Instagram und Twitter als Erster findet, gewinnt!"

Genau genommen war der Wortlaut ein anderer. Comey sagte, auch er sei "jetzt auf Twitter" und außerdem habe er einen geschlossenen Instagramaccount mit nur neun Followern, allesamt nahe Verwandte sowie der feste Freund einer seiner Töchter. Niemand sonst solle seine dort veröffentlichten Fotos sehen, er legen "großen Wert" auf seine "Privatsphäre und Sicherheit im Internet".

Aber das hier ist das Internet, und das Internet liebt Herausforderungen. Vier Stunden später war er mit großer Sicherheit enttarnt. Gewonnen hat die Journalistin Ashley Feinberg von Gizmodo. Ihren Recherchen zufolge hat Comey zumindest bis gestern unter den Namen Reinhold Niebuhr die beiden sozialen Netzwerke genutzt.

Twitteraccount @projectexile7 © Screenshot ZEIT ONLINE

Feinberg begann mit der Suche nach Comeys Familie und fand als erstes den Tweet des Basketballteams am Kenyon College, für das Comeys Sohn Brien einst gespielt hatte. Der Tweet zeigte Brien Comey auf einem Foto und erwähnte den Twitteraccount @twittafuzz. Der gehört mittlerweile zwar offenbar jemand anderem, aber Feinberg fand über Twitter selbst (nicht über Google) diesen alten Tweet, in dem jemand @twittafuzz gratuliert, dass sein Vater zum FBI-Direktor ernannt wurde – kurz nach den ersten, noch nicht offiziellen Meldungen.

Mit der Information, dass Brien Comey für ein Kenyon-Team aktiv war, fand Feinberg einen weiteren Tweet, in dem er erwähnt wurde – inklusive eines Links auf ein Instagramfoto. Klickt man darauf, sieht man, dass hier der Nutzername @bcomey steht. Das dürfte also Brien Comeys Instagramname sein. Der Account ist nicht öffentlich, aber Feinberg stellte über einen eigenen Fake-Account einfach eine Anfrage an Comey für einen Zugang.

Das war der entscheidende Punkt der Recherche. Denn der Accountinhaber muss die Zugangsanfrage gar nicht beachten, trotzdem schlägt Instagram dem Anfragenden passende andere Nutzer vor. Passend hieß in diesem Fall: andere Nutzer aus Brien Comeys Umfeld, darunter mehrere Comeys sowie zwei Menschen mit ganz anderen Namen und ohne Profilfotos. Einer davon hatte sehr wenige Follower: reinholdniebuhr.

Viele Indizien deuten auf James Comey hin

Eine Googlesuche ergab, dass James Comey zu College-Zeiten mal eine Forschungsarbeit über den Theologen Reinhold Niebuhr geschrieben hatte. Hinter dem Instagramaccount reinholdniebuhr steckt also mit hoher Wahrscheinlichkeit der FBI-Direktor James Comey.

Auf Twitter wiederum gab es zum Zeitpunkt der Recherche sieben Konten, in denen "Reinhold Niebuhr" in irgendeiner Variante im Profil auftaucht. Nur eines davon war auffällig inaktiv: Reinhold Niebuhrs alias @projectexile7. So hieß ein Polizeiprogramm, das Comey in seiner Zeit als Staatsanwalt mitentwickelt hat.

Der einzige Follower des Profils war zunächst Benjamin Wittes, Chefredakteur von Lawfare (einer Website mit juristischen Einschätzungen rund um das Thema Nationale Sicherheit) und nach eigenen Angaben ein persönlicher Freund von James Comey.

Dafür folgt @projectexile7 seinerseits vielen Reportern, die über das FBI berichten, sowie dem College von James Comey. Und gelikt hat der Accountinhaber mehrere Artikel über das FBI oder Comey selbst.

Soziale Netzwerke sind nicht auf unsoziale Nichtvernetzung ausgelegt

Mittlerweile hat der Account mehr als 8.000 Follower. Die Story von Feinberg dürfte sie auf das Profil gelockt haben.

Der Inhaber hat ihn daraufhin aber geschützt, was bedeutet, dass nur noch die bis dahin bestätigten Follower die Tweets und Details dieses Accounts sehen können. Wer ihm noch rechtzeitig folgte, bekam am Donnerstag dieses Bild zu sehen:

Im wahrscheinlich von Comey genutzten Instagramaccount tauchte dieses Gif auf:

An der Recherche von Feinberg – so effektiv sie war – ist nichts wirklich ungewöhnlich. Journalisten lernen so etwas in Seminaren, um Social-Media-Accounts verifizieren oder Informationen über bestimmte Personen finden zu können, die sich nicht einfach googeln lassen.

Wahrscheinlich kann Comey auch damit leben, dass seine Accounts nun bekannt sind. Hätte er sie unter allen Umständen geheim halten wollen, hätte er sie wohl einfach nicht öffentlich erwähnt. Die beiden Accounts stehen nun natürlich unter Beobachtung. Comey wird sich also möglicherweise neue zulegen – oder hat das längst getan. (Wie man ein wirklich anonymes Twitterkonto einrichtet und betreibt, steht hier. Zusammenfassung: Es ist kompliziert.)

Eines aber zeigt der Gizmodo-Recherchepfad eindrucksvoll – insbesondere der Punkt, an dem Instagram vorschlägt, bestimmten Nutzern zu folgen: Soziale Netzwerke sind, wie der Name schon sagt, von ihren Betreibern nicht dafür ausgelegt, dauerhaft anonym und unvernetzt genutzt zu werden. Twitter und Facebook samt seiner Tochterfirmen nutzen alle ihnen zur Verfügung stehenden Signale und Informationen, um ihre Netzwerke auszubauen, oftmals ohne aktives Zutun der Nutzer.

Facebook zum Beispiel nutzt unter anderem Handynummern und Kontakte aus dem Adressbuch der Nutzer, um ihnen neue Facebookfreunde vorzuschlagen. Im Hintergrund kann das Unternehmen aber auch analysieren, wer alles die gleichen Nummern in seinem Adressbuch hat und dann diese Menschen einander vorschlagen, auch wenn sie sich noch nicht kennen. Es reicht dann, dass sie gemeinsame Bekannte haben. Wahrscheinlich haben zum Beispiel die Patienten einer Psychiaterin aus den USA auf diese Weise voneinander erfahren, wie in diesem Artikel beschrieben wird.

"Netzwerke lassen Informationen durchsickern"

Die Ärztin selbst hätte einem Patienten keinen anderen vorstellen dürfen, das verbieten der Datenschutz und die Schweigepflicht. Die Netzwerkbetreiber kennen so eine Pflicht aber nicht. Ihr Geschäftsmodell beruht darauf, möglichst viel Vernetzung und damit Aktivität zu generieren, um mehr Gelegenheiten zu haben, Anzeigen einzublenden. Die wiederum auf den Daten beruhen, die ein Nutzer preisgibt, ob wissentlich oder nicht.

Kontaktvorschläge, schreibt die Soziologin Zeynep Tufekci, "sind nicht nur Vorschläge; es sind auch Informationen darüber, wer man ist, mit wem man vernetzt ist, was man mag". Und weiter: "Die Grenzen um Informationen herum sind nicht mehr stabil, denn Netzwerke lassen Informationen durchsickern."