Überwachung ist so einfach. Die weiße, runde Kamera dieses bekannten US-Herstellers aus der Verpackung nehmen, an den Strom anschließen, auf dem Smartphone eine App installieren, das heimische WLAN-Passwort eingeben, in der App den QR-Code auf der Kamera scannen, Kamera befestigen. Das dauert insgesamt nur ein paar Minuten. Schon wacht sie über einen, die Überwachungskamera. Das suggeriert sie zumindest. Eigentlich aber zeichnet sie nur ununterbrochen das Kommen und Gehen vor der eigenen Haustür auf.

Sicherheit habe noch niemals so gut ausgesehen, sagt der Werbespruch des Herstellers. Sicherheit? Zugegeben, das kleine Ding führt anfangs zu einigen neuen Einblicken. Am Morgen kann man sich beim Weggehen auf den eigenen Hinterkopf schauen. Am Vormittag streunt offensichtlich der Nachbarshund gern durch den Vorgarten und kackt auf den Rasen. Und wenn die Kinder am Nachmittag nach Hause kommen, bringen sie dabei gern mal Freunde mit. Am Abend kann man sich dann schließlich, wenn man denn will, beim Heimkommen selbst ins Gesicht sehen.

Alles wird von der Weitwinkellinse erfasst, minutengenau, der Postbote genauso wie die Müllabfuhr. Die kleine Kamera schickt jede Bewegung als Abbild in die große Datenwolke. Registriert sie auch nur das kleinste Zucken vor der Haustür, speichert sie das Davor und Danach. Auf Wunsch schickt sie es anschließend per Mail als kleines Video. Von jedem Ort aus lässt sich dann dank Smartphone in der Hand anschauen, was vor der eigenen Haustür geschehen ist.

Die Gäste fragen: "Wo wird das gespeichert?"

Natürlich kann man sich mit Hilfe der App auch jederzeit live dazu schalten und sehen, ob der Nachbarshund gerade wieder zugange ist. Oder ihm zubrüllen, er solle bitte woanders hinkacken. Denn ein Mikrofon (und einen Lautsprecher) hat das kleine Ding auch.

Das wirkt alles unglaublich praktisch. Und ist doch beängstigend.

Als erstes reagieren die Kinder. Sie winken in die Kamera, wenn sie von der Schule kommen. Aus Spaß? Vielleicht. Vielleicht aber auch, weil sie annehmen, dass Papa ständig zuschaut und sie nicht so recht wissen, was sie angesichts dessen tun sollen. Anruf am Nachmittag zu Hause: "Hallo Kind, wie geht es dir?" Skeptische Antwort: "Warum rufst du an? Das machst du doch sonst nicht. Hast du mich in der Kamera gesehen?"

Auch Gäste sehen die stumme Linse und sind irritiert. Sie fragen sich und den Überwacher, was das soll und wo das gespeichert wird.

Schließlich reagiert auch das eigene Über-Ich. Beim Laubharken im Vorgarten fühlt es sich die ganze Zeit von der weißen Kugel über der Tür beobachtet. Wohlwissend, dass niemand sonst Zugriff auf die Bilder hat. Theoretisch zumindest. Denn sehen kann sie nur der Inhaber der mit der Kamera verknüpften App – solange die nicht gehackt wird. Oder irgendeine andere Panne die Bilder zum öffentlichen Gut macht. Soll ja vorkommen.

Überwachung wirkt. Auf die Überwachten. Weil sie sich beobachtet fühlen, ändern sie ihr Verhalten, ob sie nun etwas angestellt haben oder nicht. Mehr Sicherheit? Nicht unbedingt. Ganz sicher aber mehr Selbstkontrolle, Selbstzensur und damit weniger Freiheit.

Das Ansehen all der kleinen Videos wird außerdem schnell zur Last. Der Kamera ist es egal, ob sich ein Einbrecher vor der Tür bewegt, eine Taube, oder ein Sonnenstrahl. Wenn sie sich sicher ist, meldet sie, dass sie "eine Person" erkannt hat. Wenn sie sich nicht sicher ist, signalisiert sie nur "eine Aktivität". Gibt es auch nur ein wenig Hin und Her vor der Tür, sammeln sich schnell Dutzende E-Mails mit Filmchen, pro Tag und pro Nacht.

Die Kamera nimmt mehr auf, als sie darf

Der Nachbarshund bei seinem Tun. © Kai Biermann

Die Neugier wird dabei schnell enttäuscht. Um die wenigen, unerwarteten Ereignisse sehen zu können, müssen viele erwartete oder völlig nichtssagende Bilder angeschaut werden.

Die gespeicherten Videos lassen sich auch nicht im Schnelldurchlauf betrachten. So schieben sich die Sekunden zäh vorbei, während man auf das unveränderte Bild der eigenen Rosenstöcke schaut und auf den Moment wartet, der erklärt, warum das Ding jetzt schon wieder eine Warnmail versendet hat. Ah, es war nur ein Spaziergänger vor dem Zaun.

Das ist natürlich verboten. Der eigene Grund und Boden darf nach Herzenslust gefilmt werden, mehr aber auch nicht. Datenschutz. Das ist jedoch gar nicht so einfach. Der Winkel der Linse ist so groß und der Vorgarten so klein, dass immer auch ein Stück Gehweg auf dem Bild erscheint.

Die Kamera abschalten – ist das nicht verdächtig?

Schon nach wenigen Tagen dann wächst der Gedanke, dass die Kamera, die doch eigentlich Bösewichte aufzeichnen soll, vor allem eines tut: ein Profil des eigenen Lebens erzeugen. Sie schafft ein Gesamtbild des familiären Verhaltens, das es vorher außerhalb der eigenen Familie nicht gab. Nun existieren Bilder, Zeitpunkte, nachvollziehbare Bewegungsmuster und liegen irgendwo auf Rechnern im Internet.

Videoüberwachung verhindert keine Taten. Im besten Fall kann sie Dinge speichern und so hinterher bei der Aufklärung helfen. Im schlechtesten Fall wendet sie sich gegen den Besitzer. Nicht nur, weil Einbrecher das weiße Ding an der Wand entdecken und dann eben die Balkontür nehmen. Sondern vor allem, weil man selbst zum Überwachten wird, wenn so etwas vor der eigenen Behausung hängt. Die kleine Kamera ist als Schutz gedacht und wird doch zur Bedrohung. Wie eines Tages das Auto, das alle Daten speichert und der Versicherung verrät, dass der Besitzer gern ein wenig riskanter fährt. Oder wie das Fitnessarmband, das der Krankenkasse mitteilt, welch faulen Sack sie da versichert hat.

Überwachung erzwingt vor allem Transparenz. Die mag man gut finden, solange es nur die anderen sind, die zur Offenheit gezwungen werden. Aber so funktioniert das nicht, auch das eigene Verhalten wird für andere nachvollziehbar. Die Technik zeichnet den Einbrecher und den Paketboten genauso auf wie zum Beispiel die heimliche Geliebte oder den heimlichen Geliebten.

Eine Woche Selbstüberwachung ist genug

Natürlich kann man per App die Kamera abschalten, bevor man das eigene Haus mit der fremden Frau betritt. Aber wenn sie vorher doch wochenlang lief, schürt das Misstrauen. Der Zugriff zur Kamera lässt sich schließlich teilen, auch das ist praktisch, vier Augen sehen mehr als zwei. Doch wie erklärt man der besten Ehefrau von allen, dass die Weitwinkellinse ein paar Stunden lang blind war? Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten? Ein dummer Satz, denn niemand ist unfehlbar und die Technik kann sich gegen jeden wenden.

Oder sie kann einfach abhanden kommen. Denn wer bei diesem US-Hersteller hielt es eigentlich für eine gute Idee, dass die nicht ganz billige Kamera nur von einem Magneten gehalten wird? Ein kurzer Ruck, ein Zug am Kabel, und die angebliche Sicherheit ist beendet.

Ja, das Ding hat ein paar Vorteile. Die Nachteile aber wiegen sehr viel schwerer. Eine Woche Selbstüberwachung ist genug. Wer lange in einen Abgrund blickt, muss fürchten, dass der Abgrund irgendwann auch in ihn hineinschaut.

Die Kamera liegt wieder in dem Pappkästchen, in dem sie kam. Die App ist gelöscht. Und die Videos? Sicher, da war ein Löschknopf. Aber was heißt das schon im Internet der Dinge, in dem Daten die Währung sind? Wahrscheinlich schwirren sie nun auf ewig in der Wolke.