Einer der ungewöhnlichsten Tresore der Welt ist 180 Meter tief vergraben. Im Permafrost von Spitzbergen, der Inselgruppe im Nordatlantik, liegt der Svalbard Global Seed Vault. Etwas außerhalb der größten Siedlung Longyearbyen ragt sein Eingang wie ein Monolith aus dem Berg heraus. Nachts erhellt das bunkerähnliche Gebäude die arktische Dunkelheit. Drinnen, hinter gesicherten Luftschleusen, lagern bei -18 Grad Celsius in meterlangen Regalen derzeit mehr als 930.000 Saatgut-Samen aus aller Welt. Sie sollen aufbewahrt werden, um die genetische Vielfalt der Pflanzen zu garantieren. Und um eine Sicherheitskopie zu haben. Für den Fall der Fälle.

Was für Saatgut geht, soll auch für Daten funktionieren. Das norwegische Unternehmen Piql hat zusammen mit der norwegischen Regierung gerade einen zweiten Permafrost-Tresor in Spitzbergen erschaffen. In einem Schacht einer ehemaligen Kohlemine, der nahe des Global Seed Vaults liegt. Hier, im Arctic World Archive, sollen Kunden Sicherheitskopien ihrer kostbarsten Daten einlagern können – geschützt vor Hackern, Manipulationen, Kriegen und Naturkatastrophen.

In der englischsprachigen Berichterstattung ist angesichts der abgelegenen Lage des Arctic World Archives häufig vom Doomsday Vault die Rede – einem Ort, der selbst dann noch sicher ist, wenn der Rest der Welt zugrunde geht. Projektleiter Rune Bjerkestrand von Piql sieht die Sache weniger apokalyptisch denn pragmatisch: "Festplatten, CDs, Flashspeicher – all diese Speichermedien haben eine vergleichsweise kurze Lebensdauer", sagt Bjerkestrand im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Zudem werde Hardware immer schneller obsolet, weshalb Daten immer wieder neu kopiert werden müssen. Das koste Zeit, Geld und sei anfällig für Fehler. Die mutmaßliche Lösung: Einmal im Permafrost eingelagert und bis zu 1.000 Jahren Ruhe. Theoretisch.

Digitale Daten werden auf analogem Film gespeichert

Um die Daten so lange aufbewahren zu können, nutzt Piql nicht etwa eine neue, sondern eine ziemlich alte, analoge Speichertechnik: fotografischen Film. Die Kunden schicken sämtliche Daten, seien es Dokumente, Fotos oder Videos auf einem Speichermedium ihrer Wahl oder digital an Piql. Dort werden sie zunächst in allgemein zugängliche Formate umgewandelt. Ein Word-Dokument etwa, was ein von Microsoft entwickeltes, proprietäres Format ist, wird in den mittlerweile frei verfügbaren Standard PDF umgewandelt, erklärt Bjerkestrand. Durch die Verwendung von Open-Source-Formaten soll die Gefahr minimiert werden, dass ein Dateiformat eines Tages verschwindet.

Anschließend werden die Daten auf eine Filmrolle übertragen. Man kann sich das vorstellen wie hochauflösende QR-Codes, die auf einen optischen Film geschrieben werden. Alternativ ist es auch möglich, die Daten direkt lesbar auf den Film zu übertragen: Fotos, Texte oder Videos könnten dann wie auf klassischen Filmrollen mit bloßem Auge betrachtet werden. Effizienter ist es allerdings, die Daten digital auf den analogen Film zu speichern. Rund 120 Gigabyte soll eine Filmrolle, die in einem gesicherten und feuerfesten Container gelagert wird, dann enthalten können. Durch weitere Entwicklungen könnte die Kapazität noch erhöht werden.

Aber wieso überhaupt analoger Film? Ist das nicht ein veraltetes Medium? "Film gibt es seit gut 140 Jahren. Filmrollen, die seit den vierziger Jahren genutzt werden haben sich erstaunlich gut gehalten", sagt Bjerkestrand. Sein Unternehmen habe in den vergangenen Jahren mehrere Haltbarkeitsstudien durchgeführt. Dabei haben sie die Filme künstlich altern lassen und anschließend versucht, die Daten zu lesen. Je kälter die Lagerbedingungen, desto besser waren die Ergebnisse. So wie der Permafrost auf Spitzbergen die Haltbarkeit von Samen verlängert, verlängert er ihn auch von Filmrollen. 500 Jahre Speicherzeit verspricht Piql – dank der Bedingungen auf Spitzbergen könnten es sogar bis zu 1.000 Jahren sein, glaubt Bjerkestrand.

Die Vorteile von Film als Speichermaterial und ehemalige Minen als Lagerort haben andere schon eher erkannt. In Deutschland etwa werden im Barbarastollen im Schwarzwald schon seit vielen Jahren kulturell wertvolle Dokumente und Fotografien in Form von Filmrollen eingelagert. In 1.400 Behältern lagern dort mittlerweile rund 880 Millionen Archivseiten. Es ist damit das größte Langzeitarchiv in Europa – aber im Gegensatz zum Arctic World Archive werden die Daten fotografisch auf den Film übertragen und die Archivierung ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Die Anleitung ist auf dem Film gespeichert

Projektleiter Rune Bjerkestrand (3.v.l.) mit Vertretern der Nationalarchive von Mexiko und Brasilien © Piql

Jeder Kunde bekommt ein Inhaltsverzeichnis aller von ihm im Arctic World Archive gespeicherten Daten, das sich auf Wunsch auch online einsehen lässt. Sollte ein Original verloren gehen, kann der Kunde Piql kontaktieren und eine Wiederherstellung verlangen. In diesem Fall müsste ein Mitarbeiter in Spitzbergen in den Lagerraum gehen, den jeweiligen Container mit der Filmrolle suchen, diese in ein Lesegerät einlegen und die gewünschte Stelle digitalisieren und anschließend verschicken. Das eigentliche tatsächliche Scannen ginge, je nach Größe, innerhalb weniger Minuten, sagt Bjerkestrand. Insgesamt könne es aber, je nach Tageszeit, zwischen 24 und 48 Stunden dauern bis die Daten wiederhergestellt seien.

An diesen Prozess schließt sich die nächste Frage an: Mit dem Arctic World Archive möchte Piql der technischen Obsoleszenz entgegenwirken. Gleichzeitig vertraut das Unternehmen aber auf ein Medium, das seinerseits ebenfalls die richtige Technik benötigt, um gelesen werden zu können. Kaum jemand hat heute noch einen Filmprojektor zu Hause. Wer soll dann erst in 500 Jahren noch die Rollen im Datentresor von Spitzbergen wieder digitalisieren, also lesbar machen können?

"Mal angenommen, jemand würde ohne weitere Informationen eines Tages einen Container finden. Dann könnte er die Rolle ins Licht halten und würde eine Anleitung finden, wie sich die Inhalte lesen lassen", sagt Bjerkestrand. Auf jeder Filmrolle sei nämlich die Information im Klartext gespeichert, welche Technik es dafür benötigt. Im Kern sei das lediglich eine Kamera, eine Lichtquelle und ein Computer. So wie Smartphone-Kameras QR-Codes lesen können, könnten die Smartphones der Zukunft möglicherweise auch den Mikrofilm scannen. Derzeit benötigt es dafür noch eine höherauflösende Kamera. Was die Software angeht, nutzt Piql die bereits erwähnten Open-Source-Lösungen, die ein Software-Entwickler in der Zukunft wiederherstellen könne.

Bislang kein Angebot für Privatpersonen

Vorausgesetzt, es gibt in dieser Zukunft überhaupt noch Computer. Die Verantwortlichen des Arctic World Archive vertrauen also doch ein bisschen darauf, dass die Welt nicht komplett untergeht und es auch in einigen Hundert Jahren noch Hard- und Software geben wird, mit denen sich die archivierten Daten lesen lassen. Sollte Piql zwischenzeitlich dichtmachen, sei das übrigens auch kein Problem: "Sämtliche Container sind das Eigentum der jeweiligen Kunden", sagt Bjerkestrand, "jeder Kunde bekommt ein entsprechendes Zertifikat ausgehändigt." Die Mine, in der sie eingelagert sind gehört der norwegischen Regierung, die, gemessen am aktuellen Weltgeschehen, als relativ stabil gilt.

Zwei prominente Kunden konnte das Projekt zum Start überzeugen. So haben die Nationalarchive von Brasilien und Mexiko einige ihrer wichtigsten Dokumente archivieren lassen. Darunter befinden sich unter anderem der erste Verfassungstext Brasiliens sowie historische Fotografien. Mexiko hat neben der Verfassung Karten, Illustrationen und ein Buch aus dem Jahr 1552 eingereicht. Mittelfristig will Piql neben Regierungen aber vor allem Unternehmen als Kunden gewinnen, die damit weniger Geld in ständige Archivierung stecken müssen. Privatpersonen können derzeit noch nicht auf das Angebot zurückgreifen und auch feste Preislisten für die Archivierung gibt es nicht. Der Preis ergibt sich aus der Größe der Daten und der Arbeit, die in die Konvertierung in die richtigen Formate anfällt.

Ob eine Firma ihre kostbarsten Daten tatsächlich einzig in einer Mine am Polarkreis lagern würde? Das ist eine andere Frage und unwahrscheinlich. In jedem Fall bietet das Arctic World Archive eine Form der Archivierung, die gerade im Zeitalter von Cyberangriffen und Datenmanipulationen attraktiver denn je sein könnte. "Wir bedienen einen Nischenmarkt, und zwar den der ultrasicheren Datenspeicherung", sagt Bjerkestrand. Eine Kopie der Daten zu haben, die garantiert nicht verändert werden kann, werde in den kommenden Jahren wichtiger werden. Bleibt nur zu hoffen, dass niemand einen Raubüberfall plant und die Container ganz klassisch aus dem eisigen Tresor stielt.