Er hat in Stanford über künstliche neuronale Netze promoviert, die Datenstrategie von Amazon mitentwickelt, lehrt heute in Berkeley und berät Unternehmen und Organisationen wie Alibaba, Goldman Sachs, Lufthansa, SAP und das Weltwirtschaftsforum: Andreas Weigend hat jahrzehntelange Erfahrung mit dem Sammeln und Analysieren von Nutzerdaten.

Nun hat der gebürtige Deutsche, der in San Francisco und Shanghai lebt, ein Buch veröffentlicht: Data for the People. Darin beschreibt er in zahlreichen, oft kaum bekannten Beispielen, wo wer wie Nutzerdaten sammelt – sowie einen Datenschutz-Ansatz, der nichts mit Datensparsamkeit oder -vermeidung zu tun hat. Stattdessen fordert Weigend von datenverarbeitenden Unternehmen eine Reihe von Zugangs-, Kontroll- und Bearbeitungsrechten. Er will, dass sie ihm Werkzeuge zur Verfügung stellen, mit denen er seine Daten einsehen, ergänzen, unkenntlich machen, damit experimentieren und sie zu anderen Diensten mitnehmen kann.

Am heutigen Dienstag spricht er darüber auf der re:publica in Berlin.

ZEIT ONLINE: Sie schreiben in Ihrem Buch, Privatsphäre sei eine Illusion und sie hielten es für sinnvoll, wenn "jedes Baby gleich nach der Geburt" ein Facebook-Konto bekäme, weil dann jeder Mensch "eine einzigartige, zuverlässige Kennung" hätte. Wie mehrheitsfähig ist diese Haltung wohl hierzulande?

Andreas Weigend: Ich sehe die Beschreibung als Status quo an. Selbst wenn die Eltern keine Babyfotos hochladen, dann tun es deren Freunde und schreiben so etwas wie "Da kommt die Kleine in zwei Monaten auf die Welt".

ZEIT ONLINE: Wann kamen Sie für sich zu der Erkenntnis, dass Datenvermeidung keine Option mehr ist?

Weigend: Das war nach 9/11, damals war ich bei Amazon in den USA. Ein Beispiel: Ich arbeitete mit einem Professor aus Chicago zusammen, der sagte mir, eine Woche nach dem Anschlägen sei der Geheimdienst bei ihm gewesen, weil er zuvor die Flugnummern der später entführten Maschinen gegoogelt hatte. Da war klar, die NSA liest alles mit.

ZEIT ONLINE: Sie wollen "lieber Regeln für die Realität der Gegenwart und die Möglichkeiten der Zukunft entwickeln, als die Privatsphäre zu romantisieren". Aber können Sie den Wunsch nach Privatsphäre, nach Zurückhaltung verstehen?

Weigend: Klar. In China werden die elektronischen Türschlösser in Hotels von der Polizei geliefert. Die bekommt jedes Mal ein Signal, wenn so eine Tür geöffnet wird. Wenn dann in einer Nacht so eine Tür siebenmal geöffnet wird, schaut man mal nach, weil es sich um Drogenhändler oder Prostituierte handeln könnte. Denn normalerweise geht man ja nicht siebenmal in einer Nacht aus seinem Hotelzimmer. Auch die Kameras in jedem Hotel sind von der Polizei. Das ist wirklich Orwells 1984.

ZEIT ONLINE: Angesichts der Tatsache, dass heute massenweise Daten über uns erhoben werden, ohne dass wir das verhindern könnten, raten Sie zur Vorwärtsverteidigung: Wir sollen von den datenverarbeitenden Unternehmen, die Sie Datenraffinerien nennen, weitgehende Kontroll-, Zugriffs- und Administrationsrechte einfordern, um wenigstens selbst den maximalen Nutzen aus den Daten ziehen zu können.

"Data For the People", Murmann, April 2017, 352 Seiten, 26,90 Euro © Murmann

Weigend: Es ist noch etwas mehr: Ich fordere auch, dass die Unternehmen uns Tools zur Verfügung stellen. Gestern habe ich zum ersten Mal eine E-Mail von Google mit meinen Standortdaten aus dem vergangenen Monat bekommen. So etwas gefällt mir. Werkzeuge, die mir Einsichten in die Interpretation meiner Daten liefern, sind viel interessanter für mich als irgendwelche juristischen Datenschutzerklärungen.

ZEIT ONLINE: Sie wollen also Werkzeuge von den Datenraffinerien, um Probleme zu lösen, die Sie ohne die Unternehmen nicht hätten.

Weigend: Das würde ich so nicht sagen. Wir bekommen dafür ja neue Einsichten in unser Leben. Vielleicht bin ich als Physiker aber auch eine Ausnahme, weil ich mir gerne Zahlen angucke.

ZEIT ONLINE: Ein Beispiel dafür aus Ihrem Buch: Sie schreiben, mit einer Software zur Gangerkennung ließe sich erkennen, wie jemand über ein Firmengelände geht – und dass Veränderungen im Gangmuster frühzeitig auf sich anbahnende gesundheitliche Probleme hinweisen könnten. Das wäre für Sie ein guter Deal? Die Erfassung sämtlicher Bewegungen der Arbeitnehmer und im Gegenzug fernmedizinische Diagnosen, die als allererstes der Arbeitgeber bekommt?

Weigend: Dass ein Arbeitgeber das zuerst sehen könnte, ist natürlich ein Problem.