Hätte ich doch vor Jahren schon in Bitcoin investiert – das dachten in diesem Sommer viele Menschen. Im August war ein Bitcoin kurzzeitig über 4.000 Euro wert, es war der bisherige Höchststand für die Kryptowährung. Am Wochenende sagte sogar IWF-Chefin Christine Lagarde, die Finanzbranche solle virtuelle Währungen ernst nehmen. Noch seien sie "schwankend, zu riskant, zu umständlich", doch eines Tages könnten sie "einfacher und sicherer sein". So positiv haben sich Vertreter der traditionellen Geldpolitik selten geäußert.

In der Bitcoin-Szene herrscht seit einigen Monaten die sprichwörtliche Goldgräberstimmung und nun entdecken sowohl die Werbebranche als auch die Entwickler und Vertreiber von Schadsoftware die Kryptowährung für sich. Die Kosten tragen die Internetnutzer: Sie bezahlen häufig, ohne es zu wissen, mit ihrer Rechenleistung.

Zum Beispiel auf der Website des US-Kabelsenders Showtime. Dort entdeckten Nutzer in der vergangenen Woche im Quellcode ein Skript, das beim Besuchen aktiviert wird. Anschließend nutzt es die Prozessorleistung der Besucher, um über den Browser im Hintergrund Kryptowährung zu schürfen. Gerade bei mobilen oder älteren Geräten kann das dazu führen, dass sowohl die Akkuleistung sinkt als auch das gesamte Betriebssystem spürbar langsamer arbeitet.

Gemeinsam schürft es sich besser

Möglich macht das die Technik hinter Bitcoin und anderen virtuellen Währungen. Die Anzahl der Einheiten ist begrenzt; neue Bitcoin werden durch komplexe Berechnungen erstellt (im Englischen heißt das mining, also schürfen) und somit in Umlauf gebracht. Je mehr Einheiten es schon gibt, desto aufwendiger wird dieser Prozess. Zum Erstellen neuer Bitcoin benötigt es inzwischen extrem viel Rechenleistung und Energie, weshalb ganze Serverfarmen darauf spezialisiert sind. Bei anderen, noch unbekannteren Kryptowährungen ist es einfacher. Sie können auch mit gewöhnlichen PCs generiert werden. Schneller geht es in jedem Fall, wenn mehrere Tausende Menschen gleichzeitig schürfen.

So wie im Fall von Showtime. Inzwischen ist das Skript von der Seite verschwunden. Der Sender hat noch nicht offiziell gesagt, ob es ein Experiment war oder es unerlaubt durch Dritte eingeschleust wurde. Transparenter war die Filesharing-Plattform Pirate Bay: Auch sie setzte kürzlich das gleiche Skript ein. Man wolle es anstelle klassischer Werbeanzeigen testen, schrieben die anonymen Betreiber. Etwa 20 bis 30 Prozent der Rechenleistung sollte der Prozess in Anspruch nehmen.

Beide Websites nutzten ein Skript des Anbieters Coinhive, das in den vergangenen Wochen auch bei zahlreichen anderen Angeboten im Netz auftauchte. Die Entwickler preisen ihr Modell als Alternative zu Werbeanzeigen an. Wer Coinhive nutzt, kann das Skript auf seiner Website einbinden. Die Besucher schürfen anschließend die Kryptowährung Monero. Die kann vergleichsweise einfach mit Prozessoren in PCs und Laptops berechnet werden. Wie Bitcoin erlebte sie in den vergangenen Monaten einen Kursgewinn.

Bitcoin statt Werbebanner

Je mehr Menschen eine Website gleichzeitig besuchen, desto erfolgreicher der Ertrag. 30 Prozent des geschürften Monero-Wertes behält Coinhive für sich, der Rest wird ausgezahlt. Wie die Anbieter schreiben, lohnt sich das Modell vor allem für Onlinegames oder Streamingsites. Also Angebote, auf denen die Nutzer längere Zeit verbringen und das Skript länger aktiv sein kann.

Statt nervige Werbebanner ertragen zu müssen, bezahlen die Nutzer also mit ihrer Rechenleistung. Das klingt nach einem fairen Deal – oder nicht? Coinhive weist seine Kunden darauf hin, möglichst transparent zu sein. Die Besucher sollen über das Verfahren informiert werden und im besten Fall dem Schürfen zunächst über eine Schaltfläche zustimmen.

Die Idee ist nicht neu. 2013 gründeten Studenten aus Boston das Start-up Tidbit mit der Absicht, nicht genutzte Rechenleistung von Websitebesuchern zu nutzen. 2014 experimentierte das Onlineportal Quartz mit einer ähnlichen Technik: Wer die Artikel lesen wollte und zustimmte, berechnete im Hintergrund Bitcoin. Eine "Cryptopaywall" nannten die Betreiber das. Es war ein eher halb ernst gemeinter Versuch, die Verluste aus dem klassischen Anzeigenverkauf aufzufangen.