Albert Wenger ist Partner der New Yorker Risikokapitalfirma Union Square. Dort investiert er in Unternehmen wie Twitter, Tumblr, Zynga, Etsy, Kickstarter, SoundCloud oder Foursquare. Firmen, von denen der studierte Informatiker und Volkswirt glaubt, dass sie ihre Branche umwälzen könnten.

ZEIT ONLINE: Herr Wenger, in diesen Tagen sieht sich Facebook mit seiner vielleicht größten Vertrauenskrise konfrontiert. Das Unternehmen hat Fehler im Datenskandal eingeräumt. Dennoch sieht es sich auch als Opfer von Cambridge Analytica, jener Firma, die Daten von 50 Millionen Facebook-Profilen gesammelt hat, um damit die US-Präsidentschaftswahl zugunsten von Donald Trump zu beeinflussen. Inwieweit dies jedoch gelungen ist, ist unklar. Überrascht Sie der Skandal?

Albert Wenger: Nein. Aber Facebook ist hier kein Opfer. Den Verantwortlichen ist im Umgang mit Cambridge Analytica nicht etwa technisch etwas entgangen. Cambridge Analytica hat Facebook genauso verwendet, wie es von Facebook vorgesehen war. Viele Menschen wussten nur nicht, dass ihre Informationen durch ihre Freunde weiterverbreitet wurden. Facebook hat ihnen schlicht das Gefühl gegeben, dass ihre Daten geschützter waren, als das tatsächlich der Fall war. Das ist, glaube ich, in vielerlei Hinsicht immer noch so.

Die Idee, dass mir meine Daten ganz allein gehören, ist schwierig.
Albert Wenger, Risikoinvestor

ZEIT ONLINE: Brauchen wir also einen strengeren Datenschutz, um zu verhindern, dass so etwas noch einmal passiert?

Wenger: Nein. Ich bin in Deutschland mit dem Wort Datenschutz aufgewachsen. Und ich glaube, dass allein schon in der Wortbildung der falsche Ansatz liegt. Letztendlich geht es nicht darum, Daten zu schützen. Es geht darum, Menschen zu schützen. Aber die Idee, dass mir meine Daten ganz allein gehören, ist schwierig. In dem Moment, in dem ich sie jemand anderem schicke, hat derjenige auch eine Kopie von ihnen. Facebook kann zwar sagen, dass ihre AGB verlangen, dass Nutzerdaten, die es weitergibt, irgendwann gelöscht werden müssen, aber ob jemand wie Cambridge Analytica sie dann auch wirklich löscht oder nicht, ist schwer nachzuvollziehen.

Albert Wenger begann nach seiner Promotion am Massachusetts Institute of Technology (MIT) bei Delicious. Aus dem Bookmarkingservice machte er eine Firma und verkaufte sie an Yahoo. Seither ist er als Investor tätig. Er ist auch ein gefragter Redner für Vorträge unter anderem auf TED-Konferenzen. © privat

ZEIT ONLINE: Aber nur, weil es schwierig ist, heißt das doch nicht, dass Facebook es nicht hätte versuchen sollen.

Wenger: Der Versuch, einen sehr strikten Datenschutz durchzusetzen, wird negative Konsequenzen für Innovation, aber auch für die Gesellschaft haben.

ZEIT ONLINE: Welche Konsequenzen meinen Sie?

Wenger: An Datenschutz zu arbeiten, wird oft genau den gegenteiligen Effekt haben, den man sich davon erhofft. Wir leben in einer Welt, in der ein paar Staaten und ein paar Konzerne extrem viele Daten haben und alle anderen datenarm sind. Oft ist die Programmierung einer Software günstig, aber die Einhaltung von Datenschutzrichtlinien teuer. Je schwieriger man es für Firmen macht, gesetzliche Vorgaben einzuhalten, desto weniger Firmen werden sich das leisten können. Viele der bestehenden Regulierungen führen dazu, dass das Verhältnis zwischen einem Staat und großen Firmen auf der einen Seite und dem Bürger und kleinen Firmen auf der anderen Seite unausgeglichen wird. Nehmen Sie beispielsweise eine aktuelle Technologie wie die Gesichtserkennung. Hilft es dem Einzelnen wirklich, wenn wir sie verbieten, weil sie seine Privatsphäre verletzen könnte? Letztendlich bedeutet so ein Verbot nur, dass der Staat und die großen Firmen diese Technologie benutzen, aber alle anderen nicht. Das ist ein gefährliches Ungleichgewicht.

ZEIT ONLINE: Sollen wir also gar nicht erst versuchen, die Privatsphäre des Einzelnen zu schützen?

Wenger: Strikte Privatsphäre und technologischer Fortschritt sind unvereinbar. Das heißt zwar nicht unbedingt, dass ich alle meine Daten veröffentlichen muss. Aber oft sind die Sorgen um Privatsphäre nicht berechtigt. Wenn beispielsweise die Steuererklärung von allen eigentlich geheim ist, Ihre eigene aber im Internet steht, dann könnte das zu Nachteilen für Sie führen. Aber in einem Land wie Schweden, wo alle Steuererklärungen öffentlich sind, ist niemand benachteiligt, weil die eigenen Unterlagen öffentlich sind. Privatsphäre ist kein Wert an sich. Ich glaube, dass wir sie geschaffen haben, um andere Werte zu schützen.

ZEIT ONLINE: Welche anderen Werte sind das?

Wenger: Zum Beispiel die Freiheit des Denkens, die Freiheit sich auszudrücken oder die Freiheit vor Verfolgung durch den Staat oder durch andere.

"Facebook übernimmt die Kontrolle über unsere Geräte"

ZEIT ONLINE: Gerade wenn es um die Verfolgung durch den Staat geht, denken viele sicher an Informanten oder Whistle-Blower wie Edward Snowden. Die haben ein legitimes Bedürfnis nach einem Schutz vor Überwachung.

Wenger: Es wird immer Menschen geben, die aus legitimen Gründen ein Bedürfnis für eine verschlüsselte und anonyme Kommunikation haben. Diese Möglichkeiten sollte man auch nicht ausschließen. Manche Leute haben vielleicht auch Angst, weil die NSA ihnen zuhören könnte. Aber all das ist kein Thema für die Masse an Menschen.

ZEIT ONLINE: Was wäre denn das Massenthema?

Wenger: Sie zeichnen unser Gespräch gerade mit einem Handy auf. Das Handy ist ein Supercomputer. Vor ein paar Jahren hätte das ganze Geld der Welt nicht so viel Rechenkraft kaufen können, wie in diesem Gerät stecken. Außerdem ist dieses Gerät mit allen Menschen der Welt verbunden. Und jetzt gibt es diesen seltsamen Zustand: Wenn Sie hier ein App-Icon aufrufen, zum Beispiel das Facebook-Icon, dann übernimmt Facebook die Kontrolle über Ihr Gerät, über Ihren Supercomputer. Und das, obwohl Sie für das Handy bezahlt haben, es aufladen und den Datenplan dafür zahlen. Das ist meines Erachtens ein extrem schlechter Zustand.

ZEIT ONLINE: Wieso?

Wegner: Am Ende hat Facebook die Kontrolle über Ihren Computer. Dann verwendet Facebook Ihren Computer mehr oder weniger gegen Sie. Denkt man das weiter, bemerken wir kaum, dass wir manipuliert werden. Nur Facebook allein sieht seinen ganzen Datensatz, so kann niemand sagen, wie viele Nutzerinnen und Nutzer zum Beispiel einen russische Propagandaspot gesehen haben. Wir müssen uns darauf verlassen, dass uns Facebook schützt und uns die richtige Antwort auf unsere Fragen gibt.

Menschen werden immer manipuliert, wenn Facebook entscheidet, was ich sehe und was nicht.
Albert Wenger, Risikoinvestor

ZEIT ONLINE: Womit wir wieder bei der Manipulation und damit bei Cambridge Analytica sind. Glauben Sie, dass das Unternehmen die Menschen wirklich so manipulieren konnte, wie es behauptet?

Wenger: Mit einem schnellen Analysesystem, bei dem man sehen kann, worauf Menschen reagieren, kann man jedenfalls Experimente laufen lassen, in denen man verschiedenen Menschen verschiedene Dinge zeigt. Dass man sie damit sehr effektiv manipulieren kann, ist überhaupt keine Frage. Das gilt nicht nur für Cambridge Analytica, sondern generell immer, wenn Facebook entscheidet, was ich sehe und was nicht.

ZEIT ONLINE: Im TV-Sender CNN hat Facebook-Chef Mark Zuckerberg gesagt, dass er die Datenschutzbestimmungen jetzt strenger gestalten wird, damit Dritte nicht mehr so leicht an Nutzerdaten kommen.

Wenger: Das ist genau der falsche Ansatz. Damit kriegt Facebook nur immer mehr Macht für sich. Mir geht es darum, den Endnutzerinnen und Endnutzern wieder die Macht über ihre Daten zu geben. Darüber wird überhaupt nicht gesprochen.

ZEIT ONLINE: Wie ließe sich das denn umsetzen?

Wenger: Wir könnten zum Beispiel sagen: Wenn eine Plattform oder ein System eine Million Nutzerinnen und Nutzer hat, dann muss es Ihnen eine elektronische Schnittstelle, eine API (application programming interface) zur Verfügung stellen. Mein Handysupercomputer kann dann Facebook für mich genau so gestalten, wie ich das will. Diese Art von Regulierung würde dem Endnutzer wirklich wieder Macht geben.

Mir geht es darum, den Endnutzerinnen und Endnutzern wieder die Macht über ihre Daten zu geben.
Albert Wenger, Risikoinvestor

ZEIT ONLINE: Wie würde das aussehen?

Wenger: Wenn jeder über eine API auf Facebooks Daten zugreifen kann, dann würden viele neue Service-Apps gebaut werden. Zum Beispiel könnte es eine neue Bedienungsoberfläche geben, über die ich Facebook und Twitter und vielleicht noch einen anderen dritten Service gleichzeitig verwenden könnte. Oder es könnte eine neue Suchmaschine gebaut werden, bei der die Suche einen oder zwei Euro im Monat kostet, die dafür aber keine Werbung anzeigt und die Daten nicht an Dritte verkauft. Momentan ist das nicht umzusetzen, weil niemand in den Wettbewerb einsteigen kann.

ZEIT ONLINE: Halten Sie das denn für eine realistische Zukunftsvision?

Wenger: Grundsätzlich bin ich optimistisch, dass wir als Gesellschaft wirklich neue Gesetze in dieser Hinsicht schaffen können. Wir sollten nicht wie jetzt gerade zu sehr darüber nachdenken, was mit einer Person im bestehenden System passiert, sondern darüber, wie alternative Systeme aussehen könnten. Eine Welt also, in der wir Technologien selbst kontrollieren und sie nicht der Willkür einiger weniger monopolistischer Unternehmen überlassen.