Soziales NetzwerkFacebook riskiert seine Popularität

Der Plan, Facebook-Mitglieder zu Kuratoren ihres gesamten Lebens zu machen, ist nicht ungefährlich. Der Spaß am Netzwerk droht verloren zu gehen. Kommentar von 

Facebook soll, wenn es nach Gründer Mark Zuckerberg geht, das komplette Leben von 800 Millionen Menschen abbilden.

Facebook soll, wenn es nach Gründer Mark Zuckerberg geht, das komplette Leben von 800 Millionen Menschen abbilden.  |  © Kimihiro Hoshino/AFP/Getty Images

Das neue Facebook, das Mark Zuckerberg am Donnerstag angekündigt hat, steht im Wesentlichen auf zwei Säulen. Die eine könnte den Kerngedanken der sozialen Netzwerke auf eine neue Ebene heben. Die andere hat das Potenzial, Facebook nachhaltig zu beschädigen.

Beeindruckend an der ersten Säule ist, was den Mitgliedern künftig geliefert wird: Netflix, Hulu und viele andere Plattformen speisen ihre Inhalte nun über Apps bei Facebook ein (allerdings noch nicht in Deutschland, weil die Rechtsfrage noch ungeklärt ist). Mitglieder können sich dann in das, was ihre Freunde hören oder sehen, einklinken. Ein solches soziales Echtzeit-Netzwerk wäre derzeit konkurrenzlos.

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Allein die Größe der Partner-Plattformen deutet an, wie wichtig Facebook als Netz im Netz geworden ist. Selbst die Washington Post und der Guardian haben Facebook-Apps veröffentlicht, mit denen ihre Artikel innerhalb des Netzwerks gelesen und kommentiert werden können.

Dahinter steckt der Gedanke, dass die Suche nach Inhalten etwa bei Google zunehmend abgelöst wird von der Empfehlung von Inhalten durch Freunde und Bekannte. Verlassen muss Facebook dann niemand mehr, alles findet innerhalb der Seite statt.

Irrwitzig aufwändig

Bedrückend ist hingegen, was die Mitglieder selbst liefern sollen. Das ist die zweite Säule. In der sogenannten Timeline jedes Mitglieds will Zuckerberg dessen gesamte Lebensgeschichte sehen. Angefangen beim ersten Foto nach der Geburt, bis hin zu jeder Nichtigkeit der Gegenwart. Selbst wenn sich die Mehrzahl der Nutzer darauf einlassen sollte: Das Kuratieren des gesamten eigenen Lebens wird zeitlich geradezu irrwitzig aufwändig. Ständig müssen sich die Nutzer fragen: Welche Fotos bilden mein Leben ab? Wer darf welche Information sehen? Und wie muss ich sie formulieren, damit sie mir auch in einem Jahr oder fünf nicht schaden können?

Leserkommentare
  1. Schon alleine die Ankündigung sollte dazu reichen das viele Menschen dieser Datenkrake den Rücken kehren.
    Das Netz vergisst nie!

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    Also ich frag mich echt was noch alles passieren muß
    damit die Leute endlich mal raffen was fb eigentlich für ein unnützer Mist ist.
    Ich glaube wenn facebook den Todeszeitpunkt voaussagen könnte erst dann würde sich mal jemand anfangen zu wundern....
    Die ganzen ahnungslosen sitzen alle diesem digitalen Selbstdarstellerdeppen auf.
    Unglaublich....

    • Hendrix
    • 23. September 2011 23:20 Uhr

    Das Universum auch nicht!

    Bisher habe ich vergeblich bei Facebook den Button "Account löschen" gesucht. Kennen Sie ihn?

    (Wenn es keine Account-Löschung gäbe, wäre es übrigens auch kein Wunder, dass die Nutzerzahlen so hoch sind.)

    Ich will meinen Account bei Facebook nämlich abschaffen, konnte es bisher aber tatsächlich nicht.

  2. Das Facebook immer größer werden würde, immer mehr Daten umfassen würde, war wohl jedem klar, der Mark Zuckerbergs Philosophie kennt.
    Für die meisten Nutzer hört sich das sicher nicht schlecht an, da sie gern alles teilten und ansahen.
    Aber das das für Zuckerberg bedeutet, dass jeder Nutzer mit dem Lebenslauf pratkisch den gesamten Lebensinhalt mit allen Freunden teilen soll, geht denke ich für einige zu weit.
    Es wird ein Problem werden, dass dieser Lebenslauf jedem Freund zur Verfügung steht, niemand wird sich den Aufwand machen, für jeden einzelnen Freund die Zugangsrechte zu definieren.
    Ich halte es ebenfalls für möglich, dass bald ein Boykott droht, denn für Facebook nutzer heißt das Leben online stellen, den ganzen Tag auf Facebook zu verbringen und nicht dort seine Memoiren nieder zuschreiben.

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    • jrnsg
    • 23. September 2011 15:38 Uhr

    Wieso? Man kann auch freiwillig darauf verzichten - und sollte es auch, wenn man so wenig Ahnung von der Materie hat und sich allen ernstes von FB gezwungen sieht, alles zu veröffentlichen.

    • Arril
    • 23. September 2011 15:34 Uhr

    ... wird klar, was von Anfang an das eigentliche Ziel von Facebook war: alle Informationen jederzeit über jedermann abrufen zu können. Sicher auch sehr nützlich für Strafverfolgungsbehörden und Geheimdienste. (Und fürs Zuschütten mit Werbung sowieso.) Hurra. Als ob ich z.B. zukünftigen Arbeitgebern meine Babyfotos (und somit detailliertere Informationen über meinen familiären Hintergrund als jeder Lebenslauf sie liefern könnte) liefern wollen würde. Und meine Nachbarn brauchen nicht im Einzelnen zu wissen, mit wem ich befreundet bin, in welchen Restaurants ich esse und welche Bücher ich lese. Ich weiß schon, warum ich mich bei diesem Verein niemals angemeldet habe...

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    • jrnsg
    • 23. September 2011 15:41 Uhr

    ...der sich für die Babyfotos von Max Mustermann interessiert.

    Und der Arbeitnehmer, der seinem Arbeitgeber Zugriff auf sein privates Profil gibt, ist selber schuld. Und hat - schon früher, aber mit den mittlerweile noch vereinfachten Listen bei Facebook - wegen völliger Computerlegasthenie im Internet insgesamt nichts verloren.

    • jrnsg
    • 23. September 2011 15:37 Uhr

    Ein wunderbarer Artikel, der ehrlichste und sachlichste, den ich bisher zum Thema Internet+Social Networking gelesen habe. Unaufgeregt, großartig.

    Es geht hier nicht um Datenkrake, wie der erste Kommentator schon wieder schreit - jeder mag selbst entscheiden, was er posten möchte - und wem. Längst sieht bei mir kaum noch jemand alles, bis auf einen winzigen Kreis der auch so mein Leben gut kennt. Interessanterweise schrumpft der Kreis sogar eher, als dass er mit der steigenden Freundeszahl steigt.

    Auch ich glaube dennoch, ähnlich wie im Artikel beschrieben, dass Facebook zwar mit der neuen Chronik eine großartig umgesetzte Funktion erschaffen hat, aber zugleich auch am eigenen Ast sägt. Eine Lebenschronik dort, die will man nicht mehr mit kurzlebigem Allerlei versauen! Ich kann mir vorstellen, dass tendenziell das Engagement der Mitglieder sinken wird. Genau das zu steigern war aber das Ziel, da die 800+ Millionen Mitglieder kaum noch Luft nach oben lassen.

    Es bleibt spannend, aber so wie es derzeit aussieht hat FB mir den Wechsel zu G+ leicht gemacht. Und vielleicht auch zurück zum demnächst, so munkelt man, relaunchten StudiVZ? Die machen dann das "Alltagsnetworking", zu FB kommen die großen Momente. Die "Sternstunden" um es mit den Worten eines Automobilkonzerns zu sagen, oder das "Sommerkino" in der Sprache des Fernsehens. Große Momente, ggf mit schönen Symbol- und Landschafts-/Stadtfotos garniert - dafür ist die neue FB Chronik ideal.

    Man wird sehen!

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    Um was geht es Facebook sonst, wenn ich mal fragen darf?

    Nur die Funktion der Datenkrake (und die letztliche Verknüpfung und Vermarktung der 'gewonnenen' Daten) stellt für FB einen Wert dar - sonst nichts.

    Könnte es sein, dass Sie ein bisschen naiv sind?

    "Es geht hier nicht um Datenkrake, wie der erste Kommentator schon wieder schreit - jeder mag selbst entscheiden, was er posten möchte - und wem."

    Und wenn Sie sich die AGB von Facebook mal durchlesen, werden Sie feststellen, dass SIE eben NICHT entscheiden, WEM sie Daten vorlegen und wem NICHT.

    • brean
    • 23. September 2011 16:23 Uhr

    @ 4. Treffend ehrlich

    Völlig OT, aber dennoch ging mir dies durch den Kopf als ich ihren guten Kommentar las:

    "Sternstunde" ist kein Wort eines Autokonzerns, sondern erlangte kulturelle Bedeutung durch Stefan Zweigs "Sternstunden der Menschheit". Seitdem ist "Sternstunde" ein alltagskulturell etablierter Begriff in der deutschen Sprache. Dass irgendwelche Markting-Fuzzis eines Autokonzerns dies aufnehmen ist nebensächlich.

    Die grandiose Aussage "ich kann selber entscheiden was ich poste" ist nicht zu toppen.
    Tatsaechlich zwingt Facebook Sie nicht irgendetwas zu schreiben. Wow! Die Frage ist, wie anschliessend das geschriebene verwertet wird.

    und um diesen Sachverhalt zu unterstreichen und Facebook zu loben, greifen Sie völlig unreflektiert auf die Lyrik zurück, die Ihnen von Werbeorganisationen um die Ohren gehauen wird, damit Sie Dinge kaufen, die Sie sonst nicht gewollt hätten.

    q.e.d.

    • jrnsg
    • 23. September 2011 15:38 Uhr

    Wieso? Man kann auch freiwillig darauf verzichten - und sollte es auch, wenn man so wenig Ahnung von der Materie hat und sich allen ernstes von FB gezwungen sieht, alles zu veröffentlichen.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Stetiges Wachstum"
    • Oli.M
    • 23. September 2011 15:40 Uhr

    [...]

    Aber leider fallen immer mehr Menschen der Cyber und Ersatzbefriedigung zum Opfer.

    Schein statt sein und mit Facebook lässt sich der Schein halt besonders schön polieren.

    Hoffentlich wachen die Menschen auf und besinnen sich auf das Echte und Wahre!

    Ein frommer Wunsch im Zeitalter vom Fratzenbuch, GNTM und DSDS...

    ...aber die Hoffnung stirbt zuletzt!

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Danke, die Redaktion/se

    Eine Leserempfehlung
    • jrnsg
    • 23. September 2011 15:41 Uhr

    ...der sich für die Babyfotos von Max Mustermann interessiert.

    Und der Arbeitnehmer, der seinem Arbeitgeber Zugriff auf sein privates Profil gibt, ist selber schuld. Und hat - schon früher, aber mit den mittlerweile noch vereinfachten Listen bei Facebook - wegen völliger Computerlegasthenie im Internet insgesamt nichts verloren.

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Spätestens jetzt..."
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    nicht für einen Lebenslauf eines Bürgers.
    Vergleichen Sie aber doch einfach mal die Daten, auf die Facebook zugreifen kann, mit den Daten, die die Stasi gesammelt hat. Facebook stellt eine Datenbank und eine Suchmaschine für so ziemlich jede persönliche Suchanfrage dar und der Nutzer füllt sie ganz automatisch und geordnet, ohne dass man noch irgendwelche Schnüffler bezahlen müsste. Ich persönlich finde das sehr problematisch, auch ohne dass einer den Chef in sein privates Profil einlädt.

    Aber mal ehrlich: Käme eine Freundschaftsanfrage Ihres Chefs, würden Sie die so einfach ignorieren?

    Das ist doch der Witz an FB !!!

    Die können die/Ihre Daten verkaufen an wen und wie sie wollen.

    Der Arbeitnehmer kann zwar sein Profil für den Arbeitgeber nicht freigeben... Allerdings haben Sie die Rechte an den Daten an FB abgetreten, sodass Sie FB erlauben, die persönlichen Daten gegebenenfalls an den dritte zu verkaufen!

    Also FB ist Prinzip der Shoppingstore für einen jeden Stalker der was von sich hält ;)

    Bitte korrigieren Sie mich falls ich falsch liegen sollte, jedoch habe ich meinen Stand der Kenntnisse widergegeben ;)

  3. Seit ich rein virtuell im Iran wohne, ist FB vollkommen werbefrei ;-)

    9 Leserempfehlungen
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