Der Clown Sadwick hat es nicht leicht. Im Zirkus muss er als lebende Kanonenkugel herhalten, nachts plagen ihn seltsame Alpträume. Bis er eines Tages aus seinem Zirkuswagen tritt und in die weite Welt hinausmarschiert. Sadwick ist der Hauptdarsteller in Daedalics neuem Adventure The Whispered World , das Ende August in den Handel kam. Das Spiel machte nicht nur auf sich aufmerksam, weil es aus dem Mainstream-Spielemarkt so angenehm herausstach. Viele Spielezeitungen berichteten, dass Daedalic bewusst auf übliche Kopierschutzmaßnahmen verzichtet hat.

Spieler und Hersteller stehen sich beim Thema Kopierschutz seit Langem unversöhnlich gegenüber. Laut einer Studie der Entertainment Software Association (ESA) in mehr als 223 Ländern haben Spieler seit Dezember 2008 nahezu 6,5 Millionen illegale Kopien heruntergeladen. Dieser Wert würde die Summe verkaufter Spiele mit Abstand übersteigen, klagt die ESA. "Den Leuten muss klar sein: Wenn keiner für ein Produkt zahlt, wird es das Produkt bald nicht mehr geben", so auch Dirk Hassinger vom deutschen Hersteller Zuxxez unlängst gegenüber der Zeitschrift GameStar . Das Strategiespiel Spore etwa wurde in einem Zeitraum von 12 Tagen alleine über Bittorrent 171.402 Mal heruntergeladen, berichtete forbes.com. Die illegalen Downloads begannen schon vor dem offiziellen Spielstart. Aufs ganze Jahr 2008 sei Spore mit 1,7 Millionen Schwarzkopien einsamer Piraterie-Spitzenreiter gewesen, schätzt das Blog TorrentFreak. Der Kopierschutz "SecuRom" konnte das Desaster nicht verhindern, im Gegenteil: Die Spore -Käufer fühlten sich gegängelt, auf Amazon hagelte es Strafbewertungen.

SecuRom ist eines von mehreren "Digital Rights Management Systeme" (DRMS), mit denen die Hersteller ihre Spiele zu schützen versuchen. DRMS kommen auch bei Musik, Filmen und elektronischen Dokumenten zum Einsatz und gehen weit über frühere Kopierschutzvorrichtungen wie der Piraten-Drehscheibe oder dem reinen CD/DVD-Check hinaus. Die SecuRom-Variante, die bei Spore ursprünglich zum Einsatz kam, war äußerst restriktiv: Die Installation setzte eine Online-Aktivierung zwingend voraus, zudem konnte das Spiel nur auf maximal drei verschiedenen Rechnern installiert werden - wer mehr wollte, musste das über die Telefon-Hotline beantragen. Wieder einmal sahen sich viele Spiele-Fans durch Spore darin bestätigt, dass "DRM" eigentlich für "Digital Restrictions Management" steht. Erst nach massiven Protesten veröffentlichte Electronic Arts ein "De-Autorisierungs-Tool", mit dem sich das Spiel vollständig vom Rechner entfernen lässt – weitere Installationen werden so möglich gemacht.

"Wir haben gelernt, dass ein Kopierschutz nur gut ist, wenn er illegale Kopien verhindert oder erschwert, vom Spieler aber nicht wahrgenommen wird", sagte Martin Lorber, PR-Chef von EA Deutschland, gegenüber der Zeitschrift GEE . "Schlecht ist ein Schutz, der den Spielern auf die Nerven geht." Und das tut SecuRom auch deshalb, weil es auf dem PC Dateien ablegt, Registry-Einträge vornimmt und das System auf Emulatorprogramme hin durchsucht. Es ist genau diese Intransparenz, die viele User auf die Palme bringt – ganz unabhängig davon, ob die SecuRom-Eingriffe ins System tatsächlich zu Sicherheitslücken führen oder nicht. Um neuen Ärger zu vermeiden, brachte EA die Retail-Version von Die Sims 3 gänzlich ohne SecuRom heraus. An die Stelle des DRM traten altbekannte Schutzmaßnahmen: Produktschlüssel und Laufwerksschutz. Auch bei dem im November erscheinenden Rollenspiel Dragon Age: Origins will EA auf SecuRom verzichten.

Auch Die Sims 3 ereilte ein ähnliches Schicksal wie Spore : Schon zwei Wochen vor Veröffentlichung tauchte die Alltagssimulation in den Tauschbörsen auf, berichtet das Marktforschungsinstitut BigChampagne. Allein zwischen dem 18. und 21. Mai sei das Spiel 180.000 Mal heruntergeladen worden. Allerdings schlug EA den illegalen Kopierern dabei ein Schnippchen: Die Tauschbörsen-Version enthielt nicht den vollen Inhalt des fertigen Spiels. EA-Chef John Riccitiello bezeichnete die Schwarzkopie ironisch als "Demo-Version" und "groß angelegte Marketingaktion für Polen und China ". Eine für beide Seiten zufriedenstellende Lösung ist das trotzdem nicht.

Auf der Game Developers Conference (GDC) im März waren onlinebasierte Systeme zum Schutz geistigen Eigentums ein wichtiges Thema. Hersteller wie Valve und Microsoft hoffen, Online-DRM so geschickt in bestehende Angebote einzubinden zu können, dass die Kunden keine Einschränkungen mehr wahrnehmen. Auch Hersteller Ubisoft arbeitet an einem eigenständigen Kopierschutz. Ob es sich um ein "echtes" DRMS handelt und wann es erscheinen wird, ließ Ubisoft-Chef Yves Guillemot bislang unbeantwortet. Einige Gaming-Blogs spekulieren, dass der Kopierschutz erstmals im November bei Assassin's Creed 2 zum Einsatz kommen könnte. Auch weniger bekannte Unternehmen basteln am eigenen Kopierschutz: Zum Beispiel die US-Softwarefirma Stardock, die unter anderem das hochgelobte Echtzeit-Strategiespiel Sins of a Solar Empire veröffentlicht hat. Im Frühjahr 2009 rüstete Stardock seine Distributionsplattform "Impulse" mit einer neuen, "entspannten" DRM-Technologie namens "Game Object Obfuscation" (GOO) aus. Bei der Installation eines Spiels wird die betreffende Seriennummer abgefragt, anschließend verknüpft GOO das Spiel mit dem User-Account. Ähnlich wie Steam erlaubt GOO die Installation auf beliebig vielen Computern. Ein wichtiger Unterschied ist aber die Handhabung der Spiellizenzen: Mit GOO lassen sie sich vollständig an andere Spieler abgeben. Stardock begünstigt damit den Gebrauchtspielemarkt – einen Markt, den die meisten Hersteller mittels DRM austrocknen möchten, weil er ihre Gewinne schmälert.