Kinder und Computerspiele Abenteuerspielplatz auf Knopfdruck

Draußen spielen ist wichtig für Kinder, vielen Eltern aber zu gefährlich. Die Gamesbranche verspricht, die neue Generation von Spielen böte guten Ersatz. Von Tina Klopp

Bei Hidden Park sollen Kinder virtuelle Tiere im Park entdecken und fotografieren

Bei Hidden Park sollen Kinder virtuelle Tiere im Park entdecken und fotografieren

Dass spielende Kinder in der freien Natur am besten aufgehoben sind, werden wohl die meisten Eltern und Pädagogen unterschreiben. In den USA plädiert dafür das "free kids range movement", in Deutschland etwa der Jugendarbeit-Fachverband ABA, der fordert, Kindern wieder mehr Freiräume zurückzuerobern. Verbunden wird das meist mit dem Appell an Eltern, ihren Kindern doch aus übergroßer Sorge nicht die Chance zur freien Entfaltung zu nehmen. Doch selbst wenn sie keine Gefahr darstellen, sind viele urbane Freiräume, die Kindern heute zum Spielen bleiben, eher fad und fantasielos.

Unbekanntes entdecken, gemeinsam mit anderen Kindern spielen, die reale Welt mit einer zweiten, magischen Bedeutung aufladen – Spieleentwickler wie technikfreundliche Forscher glauben, dass die neue Generation von Computerspielen das ebenso gut erfüllen kann. Das Magazin der Süddeutschen Zeitung beschrieb das Online-Spiel World of Warcraft schon 2005 als "größten Abenteuerspielplatz der Welt".

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"Schon nach wenigen Spielstunden ertappt man sich, wie man verblüfft und fasziniert einfach nur die Rundumsicht und das Panorama genießt. Es gibt nicht nur düstere Innenräume, steile Treppen, riesige Türme und zahllose Balustraden, sondern auch Außenanlagen mit lichtdurchfluteten Parks, kleinen Wiesen und Teichen", beschreibt etwa der Rezensent der Gamesseite 4players die Landschaft des Adventure-Games ICO. Die Sandkästen und Plastikrutschen eines eingezäunten Stadtspielplatzes dürften mit der Umgebung von Shadow of the Collossus ebenso wenig mithalten können. "Die Landschaft sieht aus, als hätte Caspar David Friedrich sie nach einer langen Reise durch die schottischen Highlands gemalt", schreibt Spiegel Online. "Die Palette reicht von blassgrün über felsgrau bis beige, die wenigen Gebäude wirken wie verwitterte Fieberträume M.C. Eschers, es gibt Flüsse, die in beide Richtungen zugleich fließen, aber keine Quelle zu haben scheinen."

Einer der erfolgreichsten Spieleentwickler, der Japaner Shigeru Miyamoto, nennt seine Kindheitserlebnisse auf den Feldern, Wäldern und Höhlen am Stadtrand von Kyoto die Inspirationsquelle für seine millionenfach verkauften Titel namens Zelda oder Super Mario Bros. Und Henry Jenkins, Medienforscher vom MIT, beschreibt in seinem Aufsatz  "Complete freedom of Movement", er würde schon gelegentlich nostalgisch, wenn er an seine Zeit als Junge im vorstädtischen Altanta in den sechziger Jahren zurückdächte, an den begrasten Hof hinter seinem Haus, der steil zu einem kleinen Fluss hin abfiel, wo man im Regen Boote fahren lassen konnte. Der Pinienwald dahinter, das Baumhaus, der Bambuswald – die wenigsten Kinder werden heute derartige Spielmöglichkeiten vorfinden. Sein eigener Sohn, 16 Jahre alt, sei in verschiedenen Appartement-Häusern aufgewachsen, umgeben von asphaltierten Parkplätzen, die höchstens ein schmaler Grünstreifen vom Rand der Straße trennte.

Computerspiele stellten einen virtuellen Spielplatz dar, glaubt Jenkins, der ans Haus gebundenen Kindern erlaube, ihre Reichweite auszudehnen und viel mehr aufregende Orte zu entdecken, als sie ihr überschaubares und vorhersehbares familiäres Umfeld je bieten könnte. Spieleumgebungen müssten dafür zwei Voraussetzungen erfüllen: nämlich sowohl konkret als auch lebendig gestaltet sein, und unterschiedliche Interaktionsmöglichkeiten eröffnen. Sollte man die beiden Trends benennen, an denen Grafikentwicklung und Spieledesign derzeit am eifrigsten arbeiteten, es wären just die.

Ein vollständiger Ersatz kann das Spiel im Haus trotzdem nicht sein – nicht zuletzt aus gesundheitlichen Gründen. So hat jüngst eine Studie von amerikanischen Forschern ergeben, dass zu den Risikogruppen, die besonders unter Vitamin-D-Mangel leiden, unter anderem Kinder gehörten, die besonders viel Zeit drinnen verbrächten, sei es vor dem Fernseher oder der Spielkonsole. Ihnen fehle Tageslicht.

Auch dazu gibt es Ideen, wie sich Spiele auf tragbare Geräte und ins Freie verlagern lassen. Sie sollen außerdem ursprünglich eher interaktionsarme Orte wie Parkanlagen oder leere Plätze in aufregende Abenteuerspielplätze verwandeln. Etwa, indem sie die vorhandene Umwelt mit Zusatzinformationen anreichern: The Hidden Park zum Beispiel ist ein Handyspiel, das Orte wie den New Yorker Central Park, Kensington Gardens in London oder den Englischen Garten in München in eine von virtuellen Wesen bevölkerte Welt verwandelt.

Bislang gibt es die Karten nur für ein knappes Dutzend ausgewählter Orte vor allem in den USA und Großbritannien. Allerdings können die Spieler auch eigene Maps entwickeln – engagierte Eltern etwa könnten so eine Karte für einen sicheren Ort in der Nähe definieren, in dem sich Kinder dann ungestört beschäftigen können.

In Deutschland startet derzeit die vom Brettspiel-Veteranen Ravensburger ins Leben gerufene Handy-Version von Mister X. Erste Testläufe lesen sich begeistert, den Entwicklern scheint es tatsächlich gelungen zu sein, dem Mobiltelefon einige witzige Zusatzfunktionen bei der Jagd nach Mister X abzugewinnen. So können die Verfolger dem flüchtenden Mister X zum Beispiel das Entkommen mit einem Joker schwermachen, der seine eigene Handy-Map für eine Weile auf den Kopf stellt oder der seinem Mobiltelefon ungewollt laute Piepstöne entlockt, wodurch er schneller entdeckt werden kann. Selbst wenn diese Spiele noch recht simpel daherkommen – Kinder zeichnet ja genau das Talent aus, sich aus wenigen Bausteinen eine komplexe Welt zusammenzudenken.

Shigeru Miyamoto sagt trotz all dieser Versuche, virtuelle Spielplätze zu bauen, dass er sein eigenes Kind nach draußen schickt, wenn die Sonne scheint.

 
Leser-Kommentare
    • SWiSH
    • 12.11.2009 um 15:55 Uhr

    Man möchte also sein Kind jeder Zeit unter Kontrolle haben und es möglichst keinem Risiko der bösen aber dennoch realen Welt aussetzen. Ist das der Sinn der Erziehung?

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    ja.
    laß sie doch.
    sie werden eben später im leben scheitern, weil sie nicht lernen mit risiken und ängsten zurechtzukommen.

    ja.
    laß sie doch.
    sie werden eben später im leben scheitern, weil sie nicht lernen mit risiken und ängsten zurechtzukommen.

    • Puzi
    • 12.11.2009 um 16:06 Uhr

    Leute - das ist doch Blödsinn. Es geht beim Spielen in freier Natur um wesentlich mehr als lediglich die Fantasie auszuleben.

    Wo sonst lernt ein Mensch spielerisch notwendige Feinmotorik? Oder, und das ist wesentlich wichtiger, Gefahrenabschaetzung? Zum Spielen gehoert nunmal die Beule oder das aufgeschlagene Knie dazu und ich fuerchte, eine Generation die sich lediglich noch mit dem Rechner beschaeftigt wird entweder draufgängerisch leichtsinnig oder mimosenhaft ängstlich, je nachdem welcher Grundtenor überwiegt.

    • ben_
    • 12.11.2009 um 16:11 Uhr

    Können wir das bitte auch für Erwachsene etablieren?! Nordic Stubenhocking als neuer Wellnesstrend käme mir sehr entgegen.

    The Geek Shall Inherit the Earth!

  1. Fassen wir zusammen:

    Eltern möchten also Ihre Kinder nicht auf der Strasse spielen lassen,

    (viel zu gefährlich!)

    stören sich aber auch daran wenn die Kleinen vor dem Rechner Entspannung suchen

    (Internet ist böse! Killerspiele sowieso!).

    Viel lieber setzt man die Kleinen dem Stress eines Terminkalenders für Erwachsene aus (Nachhilfe, Blockflöte, drei Fremdsprachen, Sportverein, Klassensprecher, etc....)

    und pumpt sie mit Ritalin voll, wenn Sie nicht - wie angeblich normale Kinder - den ganzen Tag still sitzen können.

    Mann mutet den Kinder also weniger "Artgerechten" "Lebensraum" zu als den Kuscheltieren im Zoo.

    Und was machen Tiere im Zoo wenn man Sie nicht artgerecht hält? Genau, Sie gehen ein oder werden agressiv.

    Aber, hej, dafür gibt es ja dann noch mehr Mittelchen, und den Psychologen, und und und ....

    ...wundert es eigentlich noch Jemanden, das alle paar Jahre dann doch eines dieser Kinder durchdreht und Amok läuft?

    Vielleicht liegt es ja am Komplettversagen der Eltern, nicht an bösen Killerspielen? Nur so ein Gedanke....

  2. 5.

    ja.
    laß sie doch.
    sie werden eben später im leben scheitern, weil sie nicht lernen mit risiken und ängsten zurechtzukommen.

  3. die angesprochenen Geschehnisse. Hier mein vollständiges, späteres Jugenderziehungsprogramm:

    Meine Pädagogik ist hart. Der Bewegungsdrang muss weggehämmert werden. In unseren Kinderzimmern wird eine Jugend heranwachsen, die sich vor der Welt verstecken wird. Eine faule, kontaktscheue, unbewegliche, konsolenspielsüchtige Jugend will ich. Jugend muss das alles sein. Es darf nichts sportliches und robustes an ihr sein. Das
    freie, herrliche Raubtier muss ein für alle Mal aus ihren Augen verschwinden. Schwach und verkümmert will ich meine Jugend. Ich werde ihnen alle Leibesübungen verweigern. Ich will keine athletische Jugend. Das ist das erste und wichtigste. So merze ich die Tausende von Jahren des kindlichen Freiluftspieltriebs. So lasse ich das reine, nervige Ideal der Natur hinter mir. So kann
    ich das Neue erschaffen. Ich will keine körperlichen Aktivitäten. Mit Bewegung verderbe ich mir die Jugend. Am liebsten ließe ich sie nur das machen, was sie ihrer Spielsucht folgend sich unfreiwillig aneignen. Beherrschung darin sollen sie nicht lernen.
    Sie sollen mir in den leichtesten Proben des Idiotentests durchfallen lernen. Das ist die Stufe der närrischen Jugend. Aus ihr wächst die Stufe des Menschen, für den ich Maß und Mitte der Welt bin, des schlafenden Menschen, des Robotermenschen. In unseren Kinderzimmern wird die schöne, von mir programmierte Konsole als kultisches Bild stehen und die Jugend auf die kommende Stufe der geistigen Steife vorbereiten.

    Gezeichnet,
    Fiesoduck

  4. Welcher IT Schnickschnack wird es ersetzen mit einer Machete in Tarnklamotten auf einem BMX Rad durch den Wald zu heizen?

    Das kriegt keine PSP Xbox PS3 oder sonst ein tolles Programm von Nintendo hin. Nie!

  5. welcher von euch qualitätsjournalisten hat denn den link-text gedichtet?
    "Computer-Games können das Draußenspielen ersetzen"
    wie denn, bitte sehr?

    ein bisschen mehr als das nachplappern der werbeslogans aus der gamesbranche dürfte es schon sein.

    denkt da noch mal jemand nach?

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