Es gibt lange akademische Debatten darüber, wie sich im Computerspiel Geschichten erzählen lassen, häufig verbunden mit der Frage, ob Spiele gemessen an anderen Medien dabei auch literarische Ansprüche erfüllen. Spiele haben zwar das Potenzial, Geschichten anders zu erzählen als Bücher oder Filme. Bislang aber ließ das Game, das dabei qualitativ neue Wege geht, noch auf sich warten. Dabei gibt es dafür bestimmt Bedarf. Denn nur weil junge Menschen heute kaum noch Bücher lesen, heißt es nicht, dass sie ohne Geschichten auskommen.

Als aussichtsreichster Kandidat für neue Erzählmodelle werden sogenannte Alternate Reality Games gehandelt. ARGs nutzen das Internet genauso als Spielfläche wie die reale Welt: Sie starten häufig mit einem rätselhaften Aufruf im Netz. User finden sich daraufhin zusammen, um wie bei einer Schnitzeljagd gemeinsam Hinweise und Puzzelsteinchen zu sammeln, die sich auf Webseiten, aber auch in der Realität, in Schließfächern oder in geheimnisvollen Mails und Telefonanrufen verbergen.

Das Problem: Bislang sind ARGs eher eine Sache für Insider. Sie starten oft zu einem konkreten Zeitpunkt, was Neulingen den Einstieg erschwert. Und weil sie für die Spieler kostenlos sind, kam das Geld dafür von Werbefirmen. Die nutzen ARGs als Marketingkampagne für einen neuen Film, ein Buch oder ein Computerspiel – was die Spieler eher verstört.

Anders bei Exoriare. Es könnte das erste Spiel sein, das sowohl massentauglich auf der Konsole verkauft wird, als auch in anderen Medien gespielt werden kann und somit den Thesen vom "multimedia Storytelling" – einer neuen, netztauglichen Form des Erzählen über Mediengrenzen hinweg – bei einem größeren Publikum zum Durchbruch verhelfen könnte. Ein Spiel außerdem, das aus der Feder eines Studios kommt, das Erfahrung in klassischen Videospielen mitbringt. Smoking Guns nennt sich das verantwortliche Entwickler-Team, gegründet von ehemaligen Relic-Mitarbeitern (Company of Heroes, Dawn of War). Und offenkundig haben guter Name und Ideen auch schon für zahlreiche Geldgeber gesorgt.

Und einige interessante Persönlichkeiten angelockt: Den Online-Comic "X", ein erster Bestandteil des Projekts, hat Douglas Rushkoff geschrieben: Rushkoff ist eine Größe der Cyberpunk-Szene, ein Dozent und Buchautor, der sich vor allem für die Frage interessiert, wie Menschen, Kulturen und Institutionen sich gegenseitig beeinflussen. Für Rushkoff sind Medien schlicht Landschaften, die Menschen Interaktionen ermöglichen.

Exoriare will so eine Landschaft sein. Bislang fertig sind das im Netz zu lesende zu lesenden Graphic Novel und die Internetversion des Games. Spielen lässt es sich auch ohne Wissen um die damit verwobene Geschichte, doch entgeht dabei eine Menge Spaß. Kurz gefasst geht es darum, dass Soldaten einen Tunnel in der Nähe eines Malteser Tempels erkunden. Als sie sich bereits tief unter der Erde, im finsteren Labyrinth aus Gängen und Höhlen befinden, werden sie von einem seltsamen Wesen attackiert. In der Nacht darauf verschwindet einer der verletzten Soldaten, und taucht nie wieder auf.

Das ist ein genreklassischer Beginn. Dass der Comic jedoch von besonderer Art ist, merkt der Leser spätestens auf Seite 13. Wer auf den kleinen Computerbildschirm klickt, der unten rechts auf der Seite auftaucht, landet selbst inmitten eines obskuren Computerspiels, im "Darknet". Das Spiel wiederum beginnt wie ein Textadventure – die Urform der Computerabenteuerspiele, bei der jede Handlung als wörtlicher Befehl eingegeben wird und die Bilder nur im Kopf existieren. Schnell aber wird hier die Handlung komplex, die Aufgaben vertrackt. Man muss sich mit anderen Spielern im Netz zusammentun, um Rätsel zu lösen und Stück für Stück eine Verschwörung zu enthüllen. Kooperation ist dabei Teil der Idee. Das scheint zu funktionieren, User haben bereits erste Walkthroughs angelegt, also Anleitungen zur Lösung.