Video- und Computerspiele Die schönsten Independent-Games 2009

2009 war das Jahr der Independent-Games: Selten war die Auswahl an Alternativen zum Mainstream so bunt. Wir zeigen ein paar besonders gelungene Exemplare.

Ein Puzzle, das die Kräfteverhältnisse auf den Kopf stellt

Ein Puzzle, das die Kräfteverhältnisse auf den Kopf stellt

And Yet it Moves

Rennen, springen, Rätsel lösen: Plattform-Puzzles gibt es zuhauf. Für gewöhnlich ist die Schwerkraft der größte Feind des Spielers. And Yet It Moves ändert die Kräfteverhältnisse: Mit den Pfeiltasten lässt sich die Spielwelt in 90-Grad-Schritten drehen: Böden werden so zu Decken, Tunnel zu Schächten und umgekehrt. Mittels Rotation bahnt sich der Spieler einen Weg durch Höhlen, Dschungel und psychedelisch leuchtende Labyrinthe, löst Physik-Rätsel und wagt auch schon mal den Sprung ins Ungewisse. Weiter kommt nur, wer wortwörtlich um die Ecke denkt – und bei den zunehmend anspruchsvollen Sprung-Dreh-Kombinationen das richtige Timing beweist. And Yet It Moves ist eine Augenweide: Sämtliche Vorder- und Hintergrundebenen bestehen aus eingescannten Papierschnipseln. "Die Collage-Technik ist aus der Not entstanden, denn wir hatten keinen Grafiker", sagt Peter Vorlaufer vom Entwicklerteam Broken Rules. AYIM begann als Studentenprojekt an der Technischen Universität Wien. Mittlerweile hat das Spiel eine weltweite Fangemeinde – auch dank der Möglichkeit, online in "Speedruns" gegeneinander anzutreten.

Für PC. Ab dem 1. Quartal 2010 auch für die Wii-Konsole.
Preis: 9 Euro (PC).
Entwickler: Broken Rules

Der Blaubeergarten muss gerettet werden

Der Blaubeergarten muss gerettet werden

Blueberry Garden

Mit Blueberry Garden hat der Schwede Erik Svedang beim diesjährigen Independent Games Festival den Hauptpreis gewonnen. Svedang entführt uns in eine Welt aus freischwebenden Felsplattformen, zarten Gewächsen und seltsamen Kreaturen. Schnell wird klar, dass der Blaubeergarten bedroht ist: Irgendjemand hat vergessen, einen überdimensionalen Wasserhahn zu schließen, der hoch oben am Himmel hängt. Mit seinen bescheidenen Flugfähigkeiten wird unser Vogelmensch den steigenden Fluten nicht entkommen, das steht fest.

Die Lösung liegt irgendwo in den vielfältigen Interaktionsmöglichkeiten des Biotops: Früchtesamen lassen Büsche und Blumen wachsen, winzige Kopffüßler vermehren sich eifrig, und der Verzehr von Beeren verleiht uns erstaunliche Eigenschaften. Blueberry Garden ist ein Spiel für experimentierfreudige Entdecker und ein ästhetischer Genuss. Zwischen Schäfchenwolken, Windesrauschen und meditativer Klavierbegleitung vergisst man nur zu gerne den Kampf gegen die Uhr.

Für PC. Preis: 5 Euro.
Entwickler:
Erik Svedang

3-dimensionale Puzzelsteinchen in Form von Zahnrädern, Röhren oder Gaskartuschen

3-dimensionale Puzzelsteinchen in Form von Zahnrädern, Röhren oder Gaskartuschen

 Cogs

Schiebe-Puzzles kennt jeder. Zum Beispiel die, bei denen man 15 Teile in die richtige Reihenfolge bringen muss. Immer wenn man denkt, man hat es geschafft, kommt eine Ausreißer-Zahl dazwischen und die schön geordneten Reihen verwandeln sich wieder in ein Zahlenchaos. Cogs (engl. für "Zahnräder") überträgt dieses Spielprinzip auf den Computer. In den einfachsten Rätseln gilt es Zahnräder so zu verschieben, dass sich die Bewegung des Anfangs- auf das Endrad überträgt. Oder Rohre so zu verbinden, dass blaues oder grünes Gas in die entsprechenden Ballons geleitet wird. Schwieriger und spannender sind die dreidimensionalen Aufgaben, bei denen man Zahnräder oder Rohre auf einem Würfel oder auf beiden Seiten einer drehbaren Fläche anordnet. Im "Erfinder-Modus" zählen Geschwindigkeit und Zahl der Züge, im "Wettbewerbs-Modus" ist das Rätsel in einer vorgegebenen Zeit zu bewältigen. Entwickler "Lazy 8" hat nicht nur viel Mühe in abwechslungsreiche Aufgaben, sondern auch in die Grafik gesteckt. Das Ergebnis ist eine schöne Kopfnuss für zwischendurch.

Für PC. Ab Ende Januar auch fürs iPhone.
Preis: 9 Euro (PC).
Entwickler: Lazy 8 Studios

Vom Weg abzukommen ist das Ziel des Spiels

Vom Weg abzukommen ist das Ziel des Spiels

 The Path

Die belgische Spieleschmiede "Tale of Tales" ist wie der Name andeutet auf Computerspiel-Märchen spezialisiert. Im 3D-Adventure The Path dürfen wir nicht nur mit eines, sondern gleich mehrere Rotkäppchen spielen: Sechs Schwestern zwischen neun und 19 Jahren alt werden eine nach der anderen losgeschickt, um der kranken Großmutter im Waldhäuschen Gesellschaft zu leisten. Der Weg dorthin führt über eine schnurgerade Straße. "Bleib auf dem Pfad" ist die einzige Vorgabe, die das Spiel macht. Wer sich aber daran hält, wird mit einem "Wolf encountered: 0. You failed" abgestraft. Viel interessanter ist ohnehin ein Abstecher in das Zwielicht des Waldes. Dort erleben die Mädchen allerhand seltsame Dinge – und müssen erfahren, dass Wölfe keineswegs immer einen Pelz tragen. The Path spielt mit Erwartungen, ist ein Dickicht aus Zeichen und Symbolen. Tale of Tales regt zum Nachdenken und -fühlen an, indem es gängige Spielregeln bricht. Oder besser gesagt: Gar nicht erst aufstellt. Selbst die irritierende Langsamkeit, mit der sich The Path entwickelt, hat Methode: Das kriechende Grauen wirkt nachhaltiger als der plötzliche Schrecken in so manchem Horror-Shooter.


Für PC und Mac.
Preis: 8 Euro.
Entwickler: Tale of Tales

Ein Spiel für beide Gehirnhälften

Ein Spiel für beide Gehirnhälften

 Osmos

Auf dem Bildschirm sehen wir ein kreisrundes, durchscheinendes Wesen mit blauer Membran. "Das bist du", heißt es dazu lapidar. Osmos verwandelt den Spieler in einen schimmernden Einzeller. Beschaulichkeit kommt aber gar nicht erst auf, denn um uns herum schwimmen zahlreiche Organismen unterschiedlichster Größe. "Become the biggest" lautet das Prinzip: Wachsen oder schrumpfen, fressen oder gefressen werden: Wer hier nicht expandiert, wird in Kürze assimiliert. Das Eat'em-up-Genre hat wahrlich schon eine ganze Reihe von Spielen hervorgebracht, aber nur selten wurde die Grundidee so elegant und variantenreich umgesetzt wie in Osmos. Jeder Impuls, den man seinem Einzeller gibt, lässt dessen Umfang weiter schrumpfen und damit auch die Überlebenschancen. Treffen zwei Organismen aufeinander, saugt der größere den kleineren in sich auf und wächst. Die primäre Herausforderung des Spiels besteht also darin, Beute zu machen, ohne bei der Jagd zu viel an Masse zu verlieren. Höhere Level bieten zusätzliche Herausforderungen, zum Beispiel "repulsors", die alles abstoßen, oder "attractors", die umliegende Organismen in einen Gravitationsstrudel ziehen. Ganz so entspannend, wie Musik und Optik vermuten lassen, ist Osmos also nicht.

Für PC und Mac. Preis: 7 Euro.
Entwickler: Hemisphere Games

Scharf geschossen wird hier mit bunter Farbe

Scharf geschossen wird hier mit bunter Farbe

 Tag: The Power of Paint

Hilfe, ein Shooter! Das ist doch eines dieser Spiele, vor denen uns unsere Politiker immer warnen. Doch halt, hier ist etwas anders. In diesem Shooter geht es nicht um Morde, sondern um das Lösen von Rätseln. Geschossen wird auch nicht mit Kugeln, sondern mit Farbe. In Tag: The Power of Paint wird der Spieler zum Anstreicher in einer strahlend weißen, stilisierten Stadt. Jede Farbe hat eine spezielle Funktion: Auf grün gestrichenen Flächen springt der Spieler wie auf einem Trampolin, auf roten kann er schneller rennen und auf blauen bleibt er kleben. In jedem Level gilt es eines oder mehrere Hindernisse zu überwinden, wobei die Farben geschickt kombiniert oder auch schon mal mit dem Wasserstrahl entfernt werden müssen. Die Parallelen zwischen Tag und dem preisgekrönten Portal sind kein Zufall. Beide Spielideen wurden von Studenten des "DigiPen Institute of Technology" in Redmond/Washington entwickelt. Zwar kann es Tag weder an Komplexität noch an Spieldauer mit Portal aufnehmen. Dennoch ist das halbstündige Spiel eine nette Knobelübung für zwischendurch, und obendrein gratis.

Für PC. Kostenlos.
Entwickler: DigiPen Institute of Technology

Für Base-Jumper ohne verstauchte Knöchel

Für Base-Jumper ohne verstauchte Knöchel

 Aaa!!!: A Reckless Disregard for Gravity

AaaaaAAaaaAAAaaAAAAaAAAAA!!!: A Reckless Disregard For Gravity ist ein Titel, dem die Marketing-Verantwortlichen großer Spielepublisher wohl nicht einmal unter Androhung von Gewalt zustimmen würden. Für ein Indie-Game ist der Name aber genau richtig, zumal es seinen Kern ganz gut beschreibt. Aaaaa! (so die wohltuende Kurzform) ist ein Base-Jumping-Spiel: Man springt von Hochhäusern und bleibt möglichst lange im freien Fall, ehe man die Reißleine zieht und hoffentlich sanft gen Boden schwebt. Auf der Jagd nach Rekorden sollte der Spieler möglichst nah ("kiss") und möglichst lange ("hug") an Wolkenkratzern vorbeifliegen. Zusatzpunkte gibt es, wenn er mitten im Sturz den Fans zuwinkt, Protestler beleidigt oder Fassaden mit Graffiti besprüht. Jeder der 80 Sprünge dauert zwischen 30 Sekunden und zwei Minuten. Auch wenn das ein bisschen nach Trockenschwimmen klingt: Der Geschwindigkeitsrausch, den Aaaaa! verursacht, ist frappierend real. Die halsbrecherische Action macht einen Höllenspaß, und ist allemal ungefährlicher als echtes Hochhausspringen.

Für PC. Preis: 9 Euro.
Entwickler:
Dejobaan

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Danke!

    Ich als jahrelanger Spielefreund finde es absolut wundervoll, dass die Zeit als etablierte Zeitung einen Artikel über Independant Spiele erstellt hat! Das wäre vor etwa 6 Jahren noch unvorstellbar gewesen... Vielen Dank dafür!
    Der Artikel hat mich auf einige dieser sehr guten Spiele aufmerksam gemacht, die es eben nicht nötig haben dem Massengeschmack untergeordnet zu sein und in den typischen ausgelutschten Genres ihre Schublade zu finden. Solche Spiele inspirieren und bestärken all Jene, die behaupten, dass Spiele ein eigenes Kunstmedium darstellen. Ganz auf einer Höhe mit Film, Malerei und Musik. Ja, fast eine Vereinigung all dieser Gebiete sind, bzw. sein könnten! *träum*
    Ich würde mich sehr freuen mehr davon zu sehen!

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