Games Wie die Kunst ins Spiel kommt

Games sollen vor allem Spaß machen und sich verkaufen. Dennoch lassen es sich manche Entwickler nicht nehmen, künstlerische Anspielungen in ihnen zu verstecken.

Gelungenes Stilzitat: "The Misadventures of P.B. Winterbottom" macht deutliche Anleihen bei Lotte Reinigers Scherenschnittfilmen

Gelungenes Stilzitat: "The Misadventures of P.B. Winterbottom" macht deutliche Anleihen bei Lotte Reinigers Scherenschnittfilmen

Das Eichhörnchen ist wütend. Zuerst sehen wir sein Gesicht in Großaufnahme, dann erweitert sich der Bildausschnitt auf ein riesiges Glas Milch, das es an den Mund führt. Nicht von ungefähr erinnert der Anfang des Videospiels Conkers Bad Fur Day, erschienen 2001, an die Eingangsszene aus Stanley Kubricks Film Uhrwerk Orange. Wie die Filmfigur Alex erzählt uns auch Conkers, das Eichhörnchen, eine Geschichte von Langeweile und Gewalt – von einer mit Kumpels durchzechten Nacht oder vom Kampf gegen einen riesigen, Arien-singenden Kothaufen.

Die Parallelen zum Film erschöpfen sich zwar schnell. Conkers ist ein Mainstream-Spiel, wie es im Buche steht. Aber die Entwickler des Spiels wollten sich diese kleine Provokation nicht nehmen lassen, nachdem eine erste Version als zu zahm und kinderfreundlich kritisiert worden war.

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Die Geste macht deutlich, dass nicht alle Games-Entwickler bereit sind, sich in die Kinder- und Mainstream-Baller-Ecke abschieben zu lassen. Längst haben sie sich einen festen Platz im Verwertungskreislauf künstlerischer Motive und Storys erobert. Das zeigt mustergültig Matt Korbas kürzlich veröffentlichtes The Misadventures of P.B. Winterbottom, das sich an tschechischen Puppentrickfilmen ebenso orientiert wie an Tim Burtons Zeichnungen und der Ästhetik des frühen Stummfilms.

Zwar liegt die Verwandtschaft zwischen Spiel und Film auf der Hand – die Kunstformen, bei denen sich Videospiele bedienen, umfassen jedoch genausogut Literatur und Musik. Oder Malerei: Wenn Leon Kennedy in dem millionenfach verkauften Grusel-Shooter Resident Evil 4 in die Burg des Kastellans eindringt, muss er die dunklen, mit Gemälden behängten Räume eilig durchqueren und dabei Gegner in Mönchskutte niederballern. Dass es auch anders geht, demonstriert der Bildwissenschaftler Thomas Hensel (hier der Link zum Video). Er entschleunigt das ganze, und lässt Kennedy in aller Ruhe, wie einen Museumsbesucher, durch die Burg spazieren. Dabei erweisen sich einzelne der Exponate als real-existierende Renaissance-Gemälde, darunter Raffaels Schule von Athen oder Sandro Botticellis Primavera. Aufgabe des Spielers ist es, herauszufinden, welches der Bilder sich per Waffe manipulieren lässt. Für Thomas Hensel reflektiert sich das Medium hier selbst: Denn Videospiele finden auf einem Bildschirm statt, sind folglich selbst nichts anderes als künstlerische Bilder, die sich manipulieren lassen.

Aus der gleichen Art von Selbstreflexion des Spiele-Entwicklers über den Umweg der Kunst speist sich die Idee zu Echochrome: So ist die Welt des Videospiels meist dreidimensional, der Bildschirm aber flach. Genau diesen Umstand macht sich Echochrome zunutze — und greift dafür auf M.C. Eschers unmögliche 3D-Konstruktionen zurück, die sich nur auf dem Papier abbilden lassen. Jeder Level besteht aus einem Treppenhaus, das um alle drei Achsen rotieren kann. Das Feld, in dem die Spielfigur sich bewegt, ergibt sich jedoch aus der flachen Abbildung auf dem Bildschirm. Sobald zwei Treppen sich verdecken, sind sie optisch miteinander verbunden und funktionieren als Brücke.

Für den Computerspielforscher Michael Liebe besteht die Kunst des Videospiels darin, solche absurden Regeln und Kausalitäten erfahrbar zu machen, Räume zu konstruieren, die in Wirklichkeit nicht existieren: "Sie müssen intuitiv nachvollziehbar sein, aber nicht real." 

Leser-Kommentare
  1. Dieses was im Artikel beschrieben wird, nennen wir Gamer Easteregs. Und Leuten wie wir, haben Spass daran sie zu finden.
    Mir sind diese Easteregs beim spielen der beiden spiele gar nicht auf gefallen. Danke, beim nächsten spielen von Half-Life und Resident Evil 4 werde drauf achten.

    Und Half-Life habe ich schon 10 mal durch, Resident Evil 4 erst 1 mal, weil es so schwer ist.

    Das "Killerspiele" (Third-Person-Shoooter= Resident Evil 4 und Ego-Shooter= Half-Life 1) auch Kultur vermitteln können? Last das nur nicht die Falschen hören dann werden die noch erlaubt. Und keiner kann mehr sich über die aufregen.

  2. Zu dem ersten Eastereg von Half-Life. Der Horror - Autor Marc Laidlaw hat die Hintergrundgeschichte entwickelt für Half-Life. Die Programmierer wollten ihn damit im Spiel verewigen, als Dankeschön.

  3. Leider gibt es viel zu selten Artikel die solche Elemente in Spielen hervorheben und beschreiben. Dieser hier ist außerdem noch ein wie ich finde besonders guter.

    und leider sind sie auch immer seltener zu finden.
    Generell bin ich der Meinung dass die heutigen Spiele viel an ihrer Inteligenz und ihrem Spielwitz verloren haben.

    • ben_
    • 24.03.2010 um 15:07 Uhr

    Die rausgesuchten Beispiele sind natürlich sehr schön anzuschauen und erfreuen den wissenden Spieler.

    Die Diskussion an sich halte ich aber mit dem 2007er Blogbeitrag "Videogames, Art, Blah Blah Blah" von Game Girl Advance für beendet. die Perspektive "Kunst" ist schlicht keine relevante im Zusammenhang mit Games.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der von Ihnen verlinkte Blogartikel ist wirklich äusserst interessant und aufschlussreich.
    Obwohl ist er wirlich aufschlussreich?
    Denn entweder irrt die Bloggerin und Videospiele sind sehr wohl Kunst, mit aller positiven und negativen Kritik mit der sich künstlerische Formen der Expression konfrontiert sehen. Oder aber Sie hat Recht und dann währe die Diskussion nicht nur für das Medium Viedospiele beendet.
    Als Sohn einer Künstlerin habe ich gelernt, dass ein Punkt der Kunst definiert, der ist, darüber diskutieren zu können ob es sich um Kunst handelt oder nicht.

    Ich glaube, Game Girl Advance schreibt am Thema vorbei; auch wenn der Blogbeitrag sehr interessant ist.
    Es scheint, als lehne sie jede Deutung von Kunst in popkulturellen Erscheinungen grundsätzlich ab. Zwar schreibt sie vordergründig von Games, gibt aber bei genauerer Betrachtung eine viel komplexere Ansicht von sich. Was sie schreibt wäre genauso anwendbar auf die Frage, ob ein Auto Kunst sein könnte.
    Damit will ich nicht sagen, daß sie mit ihrer Ansicht nicht richtig liegen könnte. Aber der Blogbeitrag ist vielmehr eine Diskussionsgrundlage für die Problematik, was Kunst vor dem Hintergrund kommerziell verwertbaren und/oder medialen Schaffens generell ist (oder sein könnte). Das schließt Games zwar nativ mit ein, beantwortet jedoch die Frage nur auf einer viel allgemeineren Ebene.

    Der von Ihnen verlinkte Blogartikel ist wirklich äusserst interessant und aufschlussreich.
    Obwohl ist er wirlich aufschlussreich?
    Denn entweder irrt die Bloggerin und Videospiele sind sehr wohl Kunst, mit aller positiven und negativen Kritik mit der sich künstlerische Formen der Expression konfrontiert sehen. Oder aber Sie hat Recht und dann währe die Diskussion nicht nur für das Medium Viedospiele beendet.
    Als Sohn einer Künstlerin habe ich gelernt, dass ein Punkt der Kunst definiert, der ist, darüber diskutieren zu können ob es sich um Kunst handelt oder nicht.

    Ich glaube, Game Girl Advance schreibt am Thema vorbei; auch wenn der Blogbeitrag sehr interessant ist.
    Es scheint, als lehne sie jede Deutung von Kunst in popkulturellen Erscheinungen grundsätzlich ab. Zwar schreibt sie vordergründig von Games, gibt aber bei genauerer Betrachtung eine viel komplexere Ansicht von sich. Was sie schreibt wäre genauso anwendbar auf die Frage, ob ein Auto Kunst sein könnte.
    Damit will ich nicht sagen, daß sie mit ihrer Ansicht nicht richtig liegen könnte. Aber der Blogbeitrag ist vielmehr eine Diskussionsgrundlage für die Problematik, was Kunst vor dem Hintergrund kommerziell verwertbaren und/oder medialen Schaffens generell ist (oder sein könnte). Das schließt Games zwar nativ mit ein, beantwortet jedoch die Frage nur auf einer viel allgemeineren Ebene.

  4. Der von Ihnen verlinkte Blogartikel ist wirklich äusserst interessant und aufschlussreich.
    Obwohl ist er wirlich aufschlussreich?
    Denn entweder irrt die Bloggerin und Videospiele sind sehr wohl Kunst, mit aller positiven und negativen Kritik mit der sich künstlerische Formen der Expression konfrontiert sehen. Oder aber Sie hat Recht und dann währe die Diskussion nicht nur für das Medium Viedospiele beendet.
    Als Sohn einer Künstlerin habe ich gelernt, dass ein Punkt der Kunst definiert, der ist, darüber diskutieren zu können ob es sich um Kunst handelt oder nicht.

  5. Ich glaube, Game Girl Advance schreibt am Thema vorbei; auch wenn der Blogbeitrag sehr interessant ist.
    Es scheint, als lehne sie jede Deutung von Kunst in popkulturellen Erscheinungen grundsätzlich ab. Zwar schreibt sie vordergründig von Games, gibt aber bei genauerer Betrachtung eine viel komplexere Ansicht von sich. Was sie schreibt wäre genauso anwendbar auf die Frage, ob ein Auto Kunst sein könnte.
    Damit will ich nicht sagen, daß sie mit ihrer Ansicht nicht richtig liegen könnte. Aber der Blogbeitrag ist vielmehr eine Diskussionsgrundlage für die Problematik, was Kunst vor dem Hintergrund kommerziell verwertbaren und/oder medialen Schaffens generell ist (oder sein könnte). Das schließt Games zwar nativ mit ein, beantwortet jedoch die Frage nur auf einer viel allgemeineren Ebene.

    • ben_
    • 25.03.2010 um 10:09 Uhr

    @Broomreen und Jeanneret: Natürlich haben Sie beide Recht. Selbstverständlich kann man sich wunderbar darüber unterhalten, dass Videospiele Kunst sind. Und selbstverständlich reicht die Kritik von Game Girl Advance über Videospiele hinaus.

    Entscheidend scheint mir aber der Hintergrund der Diskussion. Dass Computerspiele als Kunst betrachtet werden können wurde als Verteidigung gegen die Killerspiel-Debatte ins Feld geführt. Defakto spielt die Frage ob Spiele Kunst sind oder aber keine Rolle in der Szene/Branche/Gemeinde. Weder gibt es einen Kunstbetrieb noch eine entsprechende Rezeption.

    Was aber wichtig ist – und das ist Game Girls Punkt – ist, dass Computerspiele uns etwas bedeuten. Die Spiele-sind-Kunst-Debatte deutet schon in diese Richtung, weil sie versucht den Wert, den Spiele für uns haben, durch den etablierten Begriff "Kunst" für jene zum Ausdruck zu bringen, die das eben nicht verstehen. Aber der Begriff passt einfach nicht mehr, um jene Bedeutung zu beschreiben.

    Ich verstehe Game Girl in der Hinsicht also so, dass wir die Kunst-Debatte liegen lassen sollte zu Gunsten eigener, präziserer Beschreibungen dessen, was Spiele uns bedeuten.

  6. Sollte man Fallout 3 erwähnen dort kann man durch Washington D.C. gehen und sich fast alle Denkmäler und Wichtige Gebäude. wie das Nationalarchiv, das Geschichtsmuseum und das Capitol gehen. Obwohl vieles zerstört ist erhält man ein kleinen Einblick, in die Schönheit. Wer von uns Deutschen kommt schon nach Washington? bis ich das Spiel gespielt habe, hatte ich keine Vorstellung wie groß das Capitol oder das Washington Monument, Lincoln Memorial und das Jefferson Memorial ist.

    Wenn Architektur auch eine Kunstform ist. Zählt das Spiel zu denn spielen dieses, am bestes darstellen.
    Und nebenbei lernt man noch denn Stadtplan kennen.
    Ich habe nicht gewusst, des das Capitol und das Washington Monument an einer Strasse liegt. Beim Lincoln Memorial und Washington Monument wusste ich es.

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    Jegliches Medium und jegliches Material trägt das Potenzial in sich, Kunst zu sein - siehe Duchamps Urinal, Beuys' Fett und Hirsts Haifisch.

    Es gibt Kunstwerke, die im etablierten Kunstkontext als solche schon lange akzeptiert sind und dabei - was für ein Schock! - Computerspiele sind oder waren wie z.B. die Arbeiten der Niederländer JODI, Cory Arcangels Super Mario Clouds und Bill Violas (!) The Night Journey. Streng formal gesehen könnte man auch Jeffrey Shaws The Legible City als Computerspiel bezeichnen. Die Arbeit gilt als Meisterwerk der jüngsten Kunstgeschichte.

    Das Problem an der ganzen Diskussion ist, dass ständig hinreichende und notwendige Bedingung durcheinander geraten. Alle Welt geht beispielsweise davon aus, dass Malerei Kunst ist und Computerspiele sind es nicht und können und dürfen es nicht sein. Was für ein ausgegorener Quatsch.
    Wenn sich ein beliebiger "Maler" hinsetzt und ein Bild malt, ist die zwingende Konsequenz eben nicht, dass er Kunst produziert - er malt in erster Linie nur ein Bild. Er arbeitet im Medium "Malerei". Handelt es sich bei dem Maler aber um einen etablierten Künstler und seine Arbeiten wandern in ein Museum und die Kunstkritik schreibt über ihn und Studenten an Universitäten denken über ihn nach, verhält es sich anders.

    Der Umkehrschluss gilt für digitale Spiele. Das Medium als solches bedingt nicht den Kunststatus. Nur weil eine Arbeit ein Computerspiel ist, bedeutet das nicht, dass sie keine Kunst sein kann. Dementsprechend ist der Blogeintrag Unfug und die ganze Debatte sowieso. Kunst ist Kunst, wenn sie Kunst ist. Das Material ist dabei komplett egal.

    (Noch ein kleiner Exkurs: Die Brücke-Künstler haben mit Holzschnitten gearbeitet, was zu der damaligen Zeit als volkstümlich und minderwertig galt. Redet heute noch jemand über den "Kunsstatus" von Druckgraphik?)

    www.nextlevel-conference.org

    Jegliches Medium und jegliches Material trägt das Potenzial in sich, Kunst zu sein - siehe Duchamps Urinal, Beuys' Fett und Hirsts Haifisch.

    Es gibt Kunstwerke, die im etablierten Kunstkontext als solche schon lange akzeptiert sind und dabei - was für ein Schock! - Computerspiele sind oder waren wie z.B. die Arbeiten der Niederländer JODI, Cory Arcangels Super Mario Clouds und Bill Violas (!) The Night Journey. Streng formal gesehen könnte man auch Jeffrey Shaws The Legible City als Computerspiel bezeichnen. Die Arbeit gilt als Meisterwerk der jüngsten Kunstgeschichte.

    Das Problem an der ganzen Diskussion ist, dass ständig hinreichende und notwendige Bedingung durcheinander geraten. Alle Welt geht beispielsweise davon aus, dass Malerei Kunst ist und Computerspiele sind es nicht und können und dürfen es nicht sein. Was für ein ausgegorener Quatsch.
    Wenn sich ein beliebiger "Maler" hinsetzt und ein Bild malt, ist die zwingende Konsequenz eben nicht, dass er Kunst produziert - er malt in erster Linie nur ein Bild. Er arbeitet im Medium "Malerei". Handelt es sich bei dem Maler aber um einen etablierten Künstler und seine Arbeiten wandern in ein Museum und die Kunstkritik schreibt über ihn und Studenten an Universitäten denken über ihn nach, verhält es sich anders.

    Der Umkehrschluss gilt für digitale Spiele. Das Medium als solches bedingt nicht den Kunststatus. Nur weil eine Arbeit ein Computerspiel ist, bedeutet das nicht, dass sie keine Kunst sein kann. Dementsprechend ist der Blogeintrag Unfug und die ganze Debatte sowieso. Kunst ist Kunst, wenn sie Kunst ist. Das Material ist dabei komplett egal.

    (Noch ein kleiner Exkurs: Die Brücke-Künstler haben mit Holzschnitten gearbeitet, was zu der damaligen Zeit als volkstümlich und minderwertig galt. Redet heute noch jemand über den "Kunsstatus" von Druckgraphik?)

    www.nextlevel-conference.org

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