Extrem beliebt und weit verbreitet: "Grand Theft Auto IV", veröffentlicht im April 2008, war schon wenige Tage nach der Veröffentlichung so gut wie ausverkauft © Cate Gillon/Getty Images

In dem Spiel Grand Theft Auto heizt man nicht nur in geklauten Autos über Asphalt und den einen oder anderen Passanten. Man rauft sich auch permanent mit seinen Mit-Gangstern und schießt auf alle Männer wie Frauen, die nicht schnell genug hinter der nächsten Häuserecke verschwinden. Ein wildes, gewalttätiges Gangsterleben, das offensichtlich vielen Menschen großen Spaß macht. Jedenfalls verkaufte es sich millionenfach. Auch die beiden jüngsten Episoden The Lost and Damned und The Ballad of Gay Tony für die XBox 360 sicherten dem Entwickler Rockstar Games beträchtliche Gewinne. Dieser Tage kommen die beiden Episoden für den PC und die Playstation 3 in den Handel.

Eher als abschreckendes Beispiel indes setzt die Opferschutzorganisation Support after Murder and Mansslaughter (SAMM) das Spiel jetzt in Schulklassen ein. SAMM will Opfern von Gewaltverbrechen helfen. Und anhand von Szenen aus GTA IV sollen Kinder über Gewalt aufgeklärt werden. "Get Real" nennt SAMM das und hat Projekt in Zusammenarbeit mit der Merseyside Police gestartet. Gaynor Bell von SAMM will damit eine wichtige Botschaft zu übermitteln: "Die Kinder denken, so sieht das normale Leben aus. Wir sagen ihnen, dass das nicht die Realität ist", sagte sie dem britischen Guardian.

GTA IV darf nur an Achtzehnjährige verkauft werden, weshalb das Projekt durchaus kritisch gesehen wird. Bell ist trotzdem überzeugt und nannte die Resultate im Guardian "fantastisch". Viele der Schüler würden sagen, dass die Szenen abstoßend fänden. Auch die beteiligten Lehrer wären völlig von den Socken, wie gut diese Aufklärungsstunde anschlage. Den Kindern werden einzelne Szenen gezeigt und sie sollen anschließend bewerten, ob diese reale Situationen darstellen oder virtuelle, die es im Leben so nicht geben würde. Sie müssen sie in Kategorien einteilen, etwa in dem sie Karten mit unterschiedlichen Beschriftungen verteilen: "Gute Realität", "Schlechte Realität" oder "Gar keine Realität" steht darauf.

Ziel der Maßnahme ist die langfristige Gewaltprävention durch eine "Re-Sensibilisierung", letztlich also ein Vermitteln von Medienkompetenz. In der Pilotphase lief das Projekt, das vom britischen Home Office mit bislang 15.000 Pfund unterstützt wurde, bereits an acht Grundschulen in der Region um Liverpool, die landesweite Ausweitung soll folgen. 17.064 Grundschulen stehen auf der Besuchsliste der Organisation. Man hat sich eigenen Angaben zufolge nichts Geringeres vorgenommen als "eine Generation zu beeinflussen".

Das Ganze erinnert an die ewig gleiche Debatte, ob neue Medien die Realitätswahrnehmung negativ verändern: Ähnliche Debatten gab es bei der Erfindung des Romans, der von seinen Kritikern als höchst verwerflich angesehen wurde, des vermeintlich jugendgefährdenden Theaters oder der vielleicht vor 25 Jahre höchstaktuellen Frage, ob das Leben der Hauskatze ernsthaft in Gefahr gerät, wenn man seine Kinder die Zeichentrickserie Tom & Jerry gucken lässt. Die Unterscheidung von Fantasie und Wirklichkeit, von Traum und Realität gehört zum Erwachsenwerden wie Desillusionierung und Knochenwachstum. Es in einer Stunde mit bunten Karten erläutern zu wollen, kommt etwas naiv daher. Wenn das so einfach ist, sollte das Innenministerium das Kartenprogramm dringend auf andere Lebensbereiche ausweiten. Kein Geld für Bildung? "Schlechte Realität." Optimale Förderung für jeden? "Gute Realität." Arbeitslose Eltern? "Gar keine Realität."

Dementsprechend gibt es für die Idee nicht nur viel Hohn und Spott von Computerspielern, sondern auch kritische Stimmen von Experten. Der Daily Telegraph etwa zitiert den Familienpsychologen Kevin Brown, Professor an der Universität Birmingham: "Das klingt sehr riskant. Spiele stellen Gewalt selten realistisch dar, sodass die Kinder ein falsches Bild der Konsequenzen von Gewalt bekommen." Und Margaret Morrissey von der Eltern-Organisation Parents Outloud hält es für falsch, solche Bilder an Grundschulen zu zeigen. Immerhin geben sich viele Eltern die ganze Zeit Mühe, ihre Kinder von genau diesen Bildern fernzuhalten, bis sie alt genug dafür sind.