Castle Wolfenstein lief in den achtziger Jahren in allen Kinderzimmern, in denen ein Apple II, ein Commodore C64 oder ein DOS-Rechner stand. Der Spieler musste dabei als Gefangener von Nazi-Schergen aus der titelgebenden Gruselburg entkommen. Wegen der vielen Hakenkreuze standen das Spiel und seine Nachfolger in Deutschland auf dem Index. Wohl niemand wäre auf die Idee gekommen, Castle Wolfenstein als pädagogisch wertvoll zu bezeichnen.

Man hätte 1378 (km) gern gespielt, um sich ein Bild zu machen, wie es denn bei diesem Game mit der Pädagogik aussieht. Doch die Staatliche Hochschule für Gestaltung (HfG) in Karlsruhe hat das Mauerschützen-Spiel zurückgezogen . Die für Sonntag, den 20. Jahrestag der deutschen Einheit geplante Präsentation, wurde abgesagt. Das kostenlose Herunterladen, das ab diesem Zeitpunkt möglich sein sollte, bis auf weiteres verschoben.

Bereits am Donnerstag waren Videos und Bilder von der Homepage der Hochschule und der Spiele-Webseite verschwunden. ( Bei golem.de ist der Trailer noch zu sehen .) Was bis dahin zu sehen war, unterschied sich kaum von einem gewöhnlichen Ego-Shooter. Das Spiel basiert auf Half Life 2 . Das übrigens hätte man sich zuerst kaufen müssen, um 1378 (km) spielen zu können.

1378 (km) hat seinen Namen von der Länge der Grenze zwischen Bundesrepublik und DDR. Es spielt 1976 und mindestens zwei Spieler übernehmen darin die Rollen von "Republikflüchtlingen", wie sie in der DDR hießen und Grenzsoldaten. 

Der Medienkunststudent Jens M. Stober hat es entwickelt und will damit nach eigenen Worten Jugendliche zum Nachdenken über die DDR anregen. Fast ein Jahr lang habe er zum Thema Grenzanlagen recherchiert, sagt er. Die Screenshots der Spielorte an unterschiedlichen Posten allerdings sehen einander reichlich ähnlich.

Dass Spieler auch in die Rolle der Grenzsoldaten schlüpfen können, sollte sie für das Dilemma zwischen Moral und Schießbefehl sensibilisieren. Denn wer Flüchtende stoppt, verdient sich einen Orden der Nationalen Volksarmee, sagen die, die das Spiel genauer ansehen konnten, bevor es zurückgezogen wurde. Doch wer zu schießwütig agiert, findet sich im Jahr 2000 auf der Anklagebank eines Mauerschützenprozesses wieder.

Stober ist 23 Jahre alt, er gehört zur Zielgruppe seines Spiels: junge Menschen, die die Grenze nicht erlebt haben. Auf die Idee kam er, nachdem er mit der Künstlergruppe gold extra das ähnliche Spiel Frontiers - You've reached Fortress Europe (Grenzen – Du hast die Festung Europa erreicht) entwickelt hatte. Darin geht es um afrikanische Flüchtlinge, die nach Europa wollen.

Stober zählt 1378 (km) wie Frontiers zu den Serious Games , den ernsthaften Spielen.

Moralerziehung oder Gewaltverherrlichung?

Während Frontiers mittelmäßige Aufmerksamkeit und laut Stober keine Proteste erntete, löste 1378 (km) einen wahren Medienzirkus aus. Das ZDF war am Montag unter den ersten, hunderte Medien on- und offline zogen nach und fragten nach Reaktionen von Menschen, die das Spiel nicht gespielt hatten, nicht gespielt haben konnten.

Und sie bekamen welche. Der Direktor der Stiftung Berliner Mauer, Axel Klausmeier, nannte das Spiel "geschmacklos". Der Leiter der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, empfahl dem Rektor der Hochschule Gespräche mit Opfern und schrieb an die Berliner Staatsanwaltschaft; die prüft nun, ob der Straftatbestand der Gewaltverherrlichung erfüllt ist. Die Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) kritisierte, das Spiel sei "ein Beitrag zur Enthemmung und Brutalisierung der Gesellschaft", und protestierte ebenfalls beim Rektor der Hochschule, Peter Sloterdijk.

Am Donnerstag ließ die Leitung der Hochschule wissen, wenn sich Opfer oder ihre Angehörige durch das Spiel verletzt fühlten, "bedauern wir das sehr". Um zur "Versachlichung der Diskussion beizutragen", sagte sie die geplante Präsentation ab. Sie ist nun auf Dezember verschoben und soll dann von einer Podiumsdiskussion "mit hochkarätigen Gästen" begleitet werden.

Zugleich sagte die Hochschule Stober "jede notwendige Unterstützung" zu. Das Computerspiel vermittle die Brutalität der Grenze, die von einem undemokratischen Regime errichtet wurde, "es verharmlost diese aber in keiner Weise". Vielmehr sensibilisiere es junge Menschen für das dort zugefügte Unrecht. "Nichts anderes ist das Ziel dieses Spiels, das aus unserer Sicht einen hohen moralischen und künstlerischen Anspruch vertritt."

Am Freitag waren von der Website sämtliche Videos und Bilder verschwunden. Stattdessen stand da ein Text, der ankündigte: " 1378(km) wird kommen!". Demnächst werde "eine Beta-Version" mit Altersfreigabe ab 18 Jahren veröffentlicht.

Der Trailer, der zuvor auf der Seite gestanden hatte, zeigte wenig Action. Der Blick schweifte fast beschaulich über Kolonnenwege, Wachturmdächer und Uniformträger mit stoppeligem Kinn, den Regeln der NVA sicher nicht konform. Das Video endete mit einer Frauenfigur, die zum Zaun läuft und diesen berührt, woraufhin neben ihr eine Selbstschussanlage losgeht und sie tötet. Blut war dabei nicht zu sehen und überhaupt wirkte die Grafik harmlos, vor allem im Vergleich beispielsweise zu Half Life 2 .