"Ich wusste nämlich nicht, ob ich mich auf dem Festland oder auf einer Insel befinde; ob die Gegend unbewohnt sei oder nicht; ob es hier wilde Tiere gebe oder keine." Es ist eine fremde Welt, in die der schiffbrüchige Robinson Crusoe taumelt, eine terra incognita voller Rätsel und Gefahren. Ähnlich orientierungslos fühlt sich, wer das erste Mal das Spiel Minecraft startet.

Es beginnt an einem Strand, der von grünen Hügeln gesäumt wird; im Hintergrund ragen schroffe Felszacken empor. Die ganze Landschaft ist aus Quadern zusammengesetzt, und auch die Sonne, die zwischen eckigen Wolken am Himmel steht, ist ein gleißendes Quadrat. Während der Spieler die menschenleere Umgebung erkundet, werden die Schatten der Pixelbäume immer länger, und die Nacht bricht herein. Panisch beginnt er, mit bloßen Händen eine Höhle in den nächsten Erdhügel zu graben. Schon bald wird es stockfinster sein – wer weiß, welche Gefahren in der Dunkelheit warten?

Minecraft ist ein Phänomen: Das Spiel kennt keine Story, keine Highscores und keine Belohnungen. Während andere mit Prachtgrafik protzen, setzt es auf klobigen Retro-Look. Dafür bietet es schier grenzenlose Gestaltungsfreiheit: Die Würfel, aus denen die Welt zusammengesetzt ist, lassen sich nach dem Lego-Prinzip nahezu beliebig miteinander kombinieren, die Welt um einen herum nach Gutdünken umgestalten.

Mindestens 700.000 Menschen nutzen die kostenlose Classic-Version des Spiels, mehr als 350.000 Menschen haben für derzeit 9,95 Euro die Survival-Version gekauft. Ende September gingen pro Tag etwa 26.000 Download-Bestellungen ein. Und das, obwohl Minecraft noch gar nicht fertig ist.

Geschaffen wurde das Open-World-Game von einer einzigen Person, dem schwedischen Programmierer Markus Persson, genannt Notch. Und dieser Markus Persson ist mittlerweile Millionär und wurde von dem Erfolg geradezu überrollt.

In der Entwicklerszene wird er als Held gefeiert, schon jetzt gebührt Minecraft der Titel Independent-Game des Jahres. Für seinen Erfinder ist das derzeit eher ein Problem, weil er kaum noch zum Entwickeln kommt. Um überhaupt weiter programmieren zu können, gründet der Schwede jetzt ein Studio und stellt Mitarbeiter ein.

Denn das Spiel ist noch nicht einmal fertig. Der Survival-Modus, bei dem man nicht nur vor sich hinbaut, sondern auch immer mal wieder von Monstern gejagt wird (Überlebenstipps hier), befindet sich noch in der Entwicklungsphase. Dabei ist es genau dieser Modus, der am meisten fasziniert.

Die erste Nacht in der notdürftig zusammengezimmerten Zuflucht gehört zu den intensivsten Momenten von Minecraft: Zäh fließt die Zeit bis zum Morgengrauen dahin, während durch dünne Wände ein gut vernehmbares Knurren dringt. Was der Spieler hier fühlen mag, hat der Blogger John Walker auf rockpapershotgun.com treffend beschrieben: "Minecraft berührt [in seiner Gänze] genau den Bereich des Gemüts, der uns als Kinder so gerne aus Sofakissen Festungen bauen ließ."

Wenn die Sonne sich endlich wieder zeigt, geht es mit Feuereifer an die Arbeit. Holz, Lehm oder Gestein sind reichlich vorhanden, lassen sich aber nur mit dem passenden Werkzeug zeitsparend fördern. Spitzhacken, Schaufeln und Beile fertigt der Spieler auf einer Werkbank, später wird er auch Waffen und Rüstungen herstellen. Auf der Suche nach Kohle, Erz und Gold gräbt er immer tiefer in den Berg hinein und stößt dabei auf unterirdische Höhlen, Flüsse und Lavaseen.