Social GamesFreunde ausbeuten als Spiel

Der Professor und Spieledesigner Ian Bogost hält nichts von "social games", weil sie Freunde zur Ware machen. Im Interview erzählt er, warum er selbst eins programmierte. von 

Facebook-Credits, das Facebook-Geld. Mit ihm können sich Nutzer bei Spielen auf der Plattform Funktionen kaufen.

Facebook-Credits, das Facebook-Geld. Mit ihm können sich Nutzer bei Spielen auf der Plattform Funktionen kaufen.  |  © Joe Raedle/Getty Images

ZEIT ONLINE: Vor fast einem Jahr haben Sie Cow Clicker veröffentlicht – ein Facebook-Spiel, dessen einziger Inhalt darin besteht, stupide auf digitale Kühe zu klicken. Was wollten Sie damit bezwecken?

Ian Bogost: Ich hatte einige eher holzschnittartige negative Kommentare über "social games" in der Presse gemacht. Daraufhin hatte mich Jesper Juul zu einer Podiumsdiskussion über diese Spiele am Game Center der New York University eingeladen. Ich sah darin eine Gelegenheit, meine Vorbehalte zu reflektieren. Und statt einfach einen Vortrag vorzubereiten, dessen Worte wohl nie den Raum verlassen hätten, entschied ich mich dafür, ein Spiel zu programmieren, das all diese Vorbehalte verdeutlichen würde, und es der Welt vorzuführen. So entstand Cow Clicker .

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ZEIT ONLINE: Wie lange haben Sie dafür gebraucht?

Ian Bogost
Ian Bogost

Der Medienwissenschaftler Ian Bogost vom Georgia Institute of Technology spricht Altgriechisch, hält Vorlesungen über Ontologie und Phänemonologie. Bogost ist niemand, der mit Hochkulturdünkel auf Digitalspiele herabblickt – er programmiert selber welche. Social games sieht er abso so skeptisch, dass er zu einem ihrer prominentesten Kritiker avancierte. Gleichwohl hat ihm sein Satirespiel Cow Clicker ein paar Tausend Dollar nebenbei eingebracht. Das Edge-Magazin verglich ihn gar mit dem Künstler Marcel Duchamp.

Bogost: Ein paar Tage für die eigentliche Programmierung, auf jeden Fall weniger als eine Woche. Aber im Lauf des vergangenen Jahres habe ich dann deutlich mehr Zeit für Updates und Erweiterungen aufgewendet.

ZEIT ONLINE: Wie hat sich das Feld der "social games" in diesem Jahr verändert? Und was stört Sie so sehr daran und weshalb?

Bogost: Einerseits ist die Branche sich des Problems bewusst geworden, dass diese Spiele uns zwingen, unsere Freunde als Ressource einzusetzen und dass sie uns dazu unter Druck setzen. Andererseits haben wenige Spiele wirklich ihre entsprechenden Praktiken geändert. Sie sind ausgefeilter und komplexer geworden. Meiner Ansicht nach beruhen sie aber immer noch auf denselben Annahmen: Freunde sind auszubeutende Ressourcen, das Spielgeschehen wird durch Zwang strukturiert, und dem Spiel fernzubleiben verursacht Kosten in Form von Nervosität.

Privatsphäre

Die 2004 gestartete Seite Facebook will nach Aussage ihre Gründers Mark Zuckerberg die Welt offener und vernetzter machen. Das gelingt ihr offensichtlich viel zu gut, gab es doch bereits häufig Proteste, Facebook nötige seine Nutzer zu mehr Offenheit, als diese sich wünschten. So sammelt die Seite E-Mail-Adressen und Telefonnummern auch von Nichtmitgliedern, wenn Mitglieder ihr Adressbuch bei Facebook speichern. Sie nutzt diese Informationen, um Nichtmitglieder zu kontaktieren. Facebook betont, dass dabei keine "Schattenprofile" von Nichtmitgliedern erstellt werden. Der Konzern hat auf den Widerstand seiner Nutzer reagiert und zumindest die möglichen Einstellungen, welche Profilinformationen für wen sichtbar sein sollen, überarbeitet. Auch "Gruppen" wurden eingeführt. Nutzer können ihre Kontakte in solchen organisieren, damit nicht jede Information an alle geht.

Vernetzung

Aufgrund der Struktur der Seite ist es jedoch möglich, Schlüsse über jemanden zu ziehen, die er so nicht beabsichtigt hatte. Allein die als Freunde bezeichneten Mitglieder können durch ihre Interessen beispielsweise nahe legen, dass jemand homosexuell ist, auch wenn er selbst das nicht in seinem Profil angibt. Der hohe Vernetzungsgrad und die vielen verfügbaren Informationen machen es möglich, statistische Wahrscheinlichkeiten zu berechnen und so neue Schlüsse zu ziehen. Kritiker sagen, das Netzwerk könne beispielsweise für Dissidenten lebensgefährlich sein, da es Gruppenstrukturen durchschaubar mache.

Profil

Wer Facebook nutzen, aber so wenig wie möglich über sich verraten will, sollte beispielsweise keinen Gruppen beitreten und keine persönlichen Interessen wie Musik angeben. Was genau das eigene Profil nach außen sichtbar macht, lässt sich unter anderem bei dieser Seite abfragen. Sie nutzt die offizielle API von Facebook, die Schnittstelle also, durch die externe Firmen Informationen über Mitglieder beziehen dürfen. Wer sich darüber hinaus davor schützen will, dass ihm mit einem gestohlenen Passwort sein halbes Leben abhanden kommt, kann inzwischen beim Login in seinen Account temporäre Passwörter nutzen.

ZEIT ONLNE: Der Spieleforscher Jesper Juul argumentiert, dass Kritik an "social games" weder neu noch spezifisch sei. Vielmehr wärme sie bloß die allgemeinere Ablehnung wieder auf, die früher gegenüber allen Digitalspielen geäußert wurde – "Simple Reiz-Reaktion-Muster!", "Geldmacherei!" – stimmen Sie da zu?

Bogost: Da kann man gleichzeitig zustimmen und anderer Meinung sein. Sicherlich hat er Recht damit, dass negative Reaktionen auf "social games", besonders die simplen, reflexartigen, große Ähnlichkeit mit früherer Kritik an anderen Videospielen haben. Aber selbst wenn? Ist es nicht trotzdem möglich, berechtigte Einwände gegen ein Medium oder eine kulturelle Praxis zu äußern? Man kann ja dabei im Hinterkopf behalten, dass wir Menschen grundsätzlich furchtsam sind und Neuigkeiten misstrauisch gegenüberstehen. Ich denke, mein Jahr mit Cow Clicker zählt ganz klar als ziemlich vielschichtiger Einspruch und nicht als die Sorte von Reaktion, die Juul bekümmert.

Leserkommentare
  1. ist tatsächlich nicht gleichzusetzen mit dem sehr bekannten, gleichnamigen Familientherapeuten?

  2. Im Artikel erfährt man das nicht und im Kasten in der Mitte des Artikels steht zwar einiges über Facebook, aber nichts über Social Games.

    Informationsgehalt für mich daher: gleich Null.

  3. Entfernt. Bitte bleiben Sie konstruktiv und achten auf Ihre Ausdrucksweise. Danke, die Redaktion/se.

    • Kelhim
    • 08. Juli 2011 20:41 Uhr

    Eine lustige Idee, das System der sozialen (im Sinne von Interaktion) Spiele mit den Mitteln des Systems zu parodieren. Spiele, die abseits von Spielspaß subtilen Druck erzeugen, ihm nicht zu lange fernzubleiben, weil man sonst den Anschluss verlöre, gab es natürlich schon vor der Invasion der Facebook-Spiele. Dieser soziale Druck fand sich in viel stärkerem Ausmaß bei World of Warcraft und ähnlichen MMORPGs (ist wieder ruhiger geworden, vielleicht spielen die Leute jetzt alle Farmville? ;o).

    Wie bei Alkohol oder Tabak liegt es an den Menschen, mit diesen Spielen verantwortungsvoll umzugehen, statt sich in künstliche Abhängigkeiten zu begeben, die Kern eines Geschäftsmodells sind.

  4. keine CowApokalypse geben. Er verdient also mit etwas Geld, dass er im Grunde schlecht findet und redet sich dann mit Geschwurbel die Sache irgendwie schön.

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    Wie kann er mit CowKlicker Geld verdienen? Soweit ich weiß kann man nichts kaufen oder so...nur eine Rechenaufgabe lösen, um direkt wieder klicken zu dürfen. das Spiel ist sowas von sinnfrei und doof dass man es nur als Parodie sehen kann. Und schade, dass bald alles vorbei ist - es ist das einzige Facebookspiel dass ich jemals gespielt habe (habe mindestens 5 Mal auf meine Kuh geklickt)

    aber wenn er das Spiel als Satire konsequent durchziehen will muss er damit bis zum bitteren Ende gehen und den Leuten die sich dieser Dummheit hingeben das Geld aus der Tasche ziehen wie das letzendlich alle "Social Games" machen wollen.

    Ansonsten würde seine Kritk auf halber Strecke stehen bleiben.

  5. Wie kann er mit CowKlicker Geld verdienen? Soweit ich weiß kann man nichts kaufen oder so...nur eine Rechenaufgabe lösen, um direkt wieder klicken zu dürfen. das Spiel ist sowas von sinnfrei und doof dass man es nur als Parodie sehen kann. Und schade, dass bald alles vorbei ist - es ist das einzige Facebookspiel dass ich jemals gespielt habe (habe mindestens 5 Mal auf meine Kuh geklickt)

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    Offensichtlich kann man doch geld ausgeben. Mehr Kühe kaufen und so. Mist.

  6. 7. Mist .

    Offensichtlich kann man doch geld ausgeben. Mehr Kühe kaufen und so. Mist.

    Antwort auf "Geld???"
    • Opaoma
    • 09. Juli 2011 0:16 Uhr

    wie schon erwähnt wäre es hilfreich zu erfahren, was das denn genau ist. Ich spiele gerne Computerspiele von Kind auf, habe jedoch keine Vorstellung was ein social game ist. So macht das Interview wenig sinn.

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    Da wir uns am Anfang dieser Art von Spielen befinden, ist es nicht ganz so einfach zu definieren was denn genau "Social Games" sind. Da hat jeder so seine persönlichen Ansichten zu. Wie auch der interviewte Spieledesigner Bogost, die ich für etwas schwarzmalerisch und überspitzt halte.
    Für mich sind "Social Games" Spiele mit leicht verständlicher Benutzeroberfläche und man kann mit einem einem sozialen Netzwerk interagieren. Was aber kein muss ist. Auch diverse Videospiele interagieren mit dieser Komponente. Sogar für unterwegs. Für das jeweilige Spiel bedeutet das, Geselligkeit wird der wichtigste Motor für Fortschritt und anhaltendes Interesse.
    Doch wer es ganz genau wissen will, dem lege ich diesen Link nahe http://www.gamesbrief.com...
    Hier wurden mehr als mehr als zwei Dutzend Spiele-Koryphäen zum Thema befragt (Der Artikel ist von Januar 2011).

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  • Schlagworte Google | Justin Sullivan | Computerspiel | China | Facebook | Games
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