John Harris braucht Geld. Doch die Zeit ist knapp. Nur noch eine Stunde bleibt ihm, um knapp 1.700 Dollar zu sammeln. John Harris ist Kolumnist und Spieleentwickler. Für sein neuen Spiel In Profundis braucht er 5.000 Dollar.

Das Geld will der junge Entwickler von ganz gewöhnlichen Internetnutzern als Spende auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter sammeln. Eine halbe Stunde vor Ablauf der Frist geht ein Tweet der einflussreichen US-Journalistin Leigh Alexander ins Netz. Sie ruft zur gemeinsamen Spende auf. Eine "Schande" wäre es, würden die 5.000 Dollar nicht zusammenkommen.

Der Tweet macht die Runde. Wenige Minuten später hat John Harris 5.121 Dollar zusammen. "Eine Qual war das", sagt Harris über seine Betteltour. Zugleich ist es eine Chance. Mit dem Geld kann er nun anfangen, sein kleines Spiel zu programmieren. Es ist ein schlicht aussehendes Game, in dem der Spieler zufällig generierte Höhlen erforscht. Die Crowd gibt ihm das Startkapital dafür.

Ob Crowdfunding allerdings ein ernsthaftes Gegenwicht bilden kann zu den festen Strukturen der kostspieligen Spieleentwicklung, steht auf einem anderen Blatt.

Crowdfunding, crowd finanancing, crowd sourced capital sind Begriffe, die eine Art unabhängige finanzielle Förderung für kreative Projekte darstellen. Klassische Geldgeber – Verlage, Banken, Investoren – werden durch viele kleine Spender von (meist) Kleinbeträgen ersetzt. Anreiz zum Spenden stellen Belohnungen dar. Sie werden von den Machern angeboten, je nachdem, wie viel gespendet wurde. Für eine 5 Dollar Spende etwa verspricht Harris Spendern das fertige Spiel als Download, für 100 Dollar werden Spender im Spiel verewigt und kriegen einen selbstgemachten Comic.

Obwohl das Prinzip Crowdfunding nicht abhängig ist von Plattformen, wird der Begriff zurzeit synonym benutzt mit Seiten wie Kickstarter, RocketHub und IndieGoGo. Sie bringen Spendern und Schöpfern Vorteile: Indem sie den Prozess formalisieren, eine einfache Plattform zum Einstellen neuer Projekte bieten, eine gewisse Sicherheit um die Zahlungen gewährleisten und eine Art Crowdfunding Community bilden, die Nutzern neue Projekte vorstellen.

Selten mehr als 5.000 Dollar

Videospiele sind das neuste Kreativprodukt, das von Crowdfunding profitiert. Das von der Spieleindustrie geschätzte britische Magazin EDGE geht sogar so weit, die Finanzierung von Videospielprojekten durch Crowdfunding als mögliche Alternative zum traditionellen Vertrieb durch große Publisher wie EA oder ActivisionBlizzard zu beschreiben. Seit Anfang des Jahres gibt es mit 8-Bit Funding auch eine eigene Crowdfunding-Plattform exklusiv für Videospiele.

Die EDGE sieht die Chancen von Crowdfunding für Videospiele irgendwo zwischen der utopischen Vision einer transparenteren, demokratischeren Spieleentwicklung und der hoffungslosen Unterstützung bettelnder Träumer.

Noch kann Crowdfunding nicht an den festen Strukturen der Spieleindustrie rütteln – Entwickler, die nach mehr als 5.000 Dollar Starthilfe fragen und damit erfolgreich sind: eine Seltenheit. Und trotzdem, eine von kleinen Web-Communities geförderte Spieleentwicklung könnte genau das sein, was der großen Spieleindustrie in Zeiten von einfallslosen Sequels so sehr fehlt.