Es war eine gänzlich neue Lara Croft, die auf der diesjährigen E3-Messe ins Rampenlicht trat. Schwer verletzt taumelte sie im Gameplay-Video durch eine düstere Höhle – überhaupt nicht Herrin der Lage, sondern überfordert und verängstigt.

Entwickler Crystal Dynamics erzählt im neuen Teil der Serie Tomb Raider die Vorgeschichte der weltberühmten Archäologin: Gerade mal 21 Jahre ist Lara alt, sie kommt direkt vom College, Abenteuererfahrung: Fehlanzeige. Die Pazifikinsel, auf der sie nach einem Schiffbruch strandet, steckt voller tödlicher Gefahren, Überleben ist ihr einziges Ziel.

Die junge Lara lässt die knallharte Kämpferin schon erahnen, die sie einmal werden wird. Sonst aber hat sie reichlich wenig mit der übercoolen, jederzeit souveränen Lara gemein, die Tomb Raider bisher ausmachte.



"Ich finde das Makeover von Lara Croft gelungen", sagt Linda Breitlauch , Professorin für Gamedesign an der Mediadesign Hochschule in Düsseldorf. "Ihr Phänotyp hat sich von einer vollkommen übertriebenen Männerphantasie zu einer erotischen, starken Frauenpersönlichkeit entwickelt. Die neue Lara allerdings sieht ein bisschen aus wie ihre kleine Schwester – sehr modern und den heutigen Anforderungen entsprechend, aber sie hat deutlich an Wiedererkennungswert eingebüßt."

Beim Reboot einer Spielfigur sieht Breitlauch ähnliche Risiken wie beim Redesign klassischer Auto- oder Klamotten-Marken: "Einerseits muss die Marke wiedererkannt werden, andererseits aber mit den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen mithalten. Das erfordert neben hochprofessionellen Design-Kompetenzen auch ein gutes Gespür für Trends."

Bei Laras Runderneuerung müsse eine Reihe von Dingen berücksichtigt werden, so Breitlauch: zum Beispiel der Wandel im gesellschaftlichen Frauenbild, neue Modeströmungen oder die wachsende Anzahl weiblicher Gamer.

 Für unumgänglich hält Thomas Nickel das Croft'sche Makeover . Der Journalist, der unter anderem das Fach Computerspiel-Geschichte an der Games Academy Frankfurt unterrichtet, sieht die traditionelle Lara Croft als Kind der neunziger Jahre: "Wenn man heute mit dem Design von damals ankäme – groteske Proportionen, kantige Gesichtszüge und Lippen wie ein Schlauchboot – dann würde das einfach nur lächerlich wirken.“

Gleichwohl sei nicht jede Überarbeitung ein Selbstläufer: "Man muss vorsichtig sein, nicht die Essenz einer Figur zu verlieren. Das berühmteste Beispiel ist hier natürlich Bomberman auf der XBox 360 – da wurde aus dem bunten Pixelhelden ein finsterer Typ mit Maske und Ketten gemacht, mit dem Ergebnis, dass die Spieler den Marketing-Trick dahinter sofort gewittert haben, und das erbärmlich schlechte Spiel sich überhaupt nicht verkaufte."