Das Setting von "Dear Esther": Die schottischen Hebriden

"Dear Esther – liebste Esther. Manchmal habe ich das Gefühl, diese Insel selbst geboren zu haben", beginnt der Erzähler in Dan Pinchbecks Dear Esther , während die Spieler an einem kleinen Pier auf eine düstere, verdächtig stille Küste in den schottischen Hebriden blicken.

Als zunächst namenlose Figur durchwandern sie eine sehr detailliert gestaltete Insel und hören in unregelmäßigen Abständen dem Monolog des Erzählers zu, der scheinbar einen Brief an seine Geliebte Esther verfasst. Das Ziel: ein entfernter Radiomast, der über die Insel ragt. Die Ego-Perspektive, die normalerweise Shootern – und immer öfter auch Puzzle-Spielen – vorbehalten ist, täuscht. Der Spieler kann praktisch nichts tun, außer Umhergehen, Entdecken und Zuhören. Es gibt keine Gegner zu bekämpfen, keine Rätsel zu lösen. Selbst der Weg ist immer eindeutig. Ähnlich wie To The Moon ist Dan Pinchbecks Werk kaum noch als Spiel zu bezeichnen, bedient sich aber des Mediums, um seine Wirkung zu entfalten.

Nur eine Stunde dauert die Reise vom Pier zum Leuchtturm, sie verändert sich aber von Spiel zu Spiel. Die Erzählung wird immer anders zusammengesetzt. Dem stets gleichen Anfang folgen unterschiedliche Kombinationen der Erzähler-Monologe, die im Laufe des Spiels immer verworrener werden. Die Geschichte Esthers wechselt sich ab mit der des Heiligen Petrus auf dem Weg nach Damaskus , mit der des Autors Donnelly und dem skandinavischen Ziegenhirten Jacobson, der in den sonderbaren Höhlen unter der Insel sein Ende fand. Schritt für Schritt verlieren sich die Spieler zwischen scheinbar unzusammenhängenden Erzählsträngen, kryptischen Andeutungen und Höhlenmalereien, die an Schaltkreise erinnern. Alles, was sie tun können und sollen, ist Hinweise entdecken, die Geschichte entschlüsseln, für sich selbst einen Sinn finden.

Dear Esther wurde schon als interaktive Geistergeschichte bezeichnet. Es ist ein kurzes, mysteriöses Spiel, das sich durch seine Landschaft und Erzählweise erst nach und nach öffnet. Von Kritikern, Entwicklern und Forschern wurde das Storytelling-Experiment in seiner ersten Version bereits hochgelobt: Dan Pinchbeck , Medienforscher an der britischen University of Portsmouth, entwickelte Dear Esther 2008 als Teil von thechineseroom , einem Forschungsprojekt zum Modding , dem nicht-kommerziellen Verändern, Erweitern und Umbauen von Spielen mit teils frei erhältlichen Level-Editoren. Der Ursprung von Dear Esther war eine kostenlose, äußerst schlicht aussehende und immer noch frei erhältliche Modifikation des Shooters Half-Life 2.

Ab heute steht Dear Esther auch auf Valves Online-Plattform Steam zur Verfügung, für 7,99 Euro. Das Mod-Projekt wurde vollständig überarbeitet, unter anderem von dem Leveldesigner Robert Briscoe, der auch für die beeindruckende Architektur von Mirror’s Edge verantwortlich war. Die nass-glänzenden Höhlen etwa, schon in der Modifikation erstaunlich atmosphärisch, gehören vielleicht zu den beeindruckendsten Orten, die es je in Spielen gegeben hat. Es ist insgesamt ein viel klareres Spiel geworden, was es zwar weniger mysteriös wirken lässt als das Original, Dear Esther aber zu einem Meisterwerk modernen Leveldesigns macht.

Ermöglicht hat das Remake vor allem die finanzielle Unterstützung des Indie Funds , einem Zusammenschluss unabhängiger Gamedesigner, die vielversprechende Projekte mit Krediten und Beratung fördern. "Mitten in den Lizenzverhandlungen haben wir unseren ursprünglichen Sponsor verloren", sagt Robert Briscoe im Gespräch. "Wir standen im Mai letzten Jahres kurz vor der Pleite, da hat der Indie Fund eingegriffen."

Dear Esther ist bereits das zweite Projekt, das mithilfe des Indie Funds veröffentlicht wird. Es ist somit ebenfalls ein Aushängeschild für eine professionalisierte Indie-Games-Szene, in der sich Entwickler gegenseitig fördern und zusammenschließen, um eine größere Öffentlichkeit zu erreichen. Und mit Nominierungen in den vier wichtigsten Preiskategorien beim prestigeträchtigen Independent Game Festival im März ist Dear Esther außerdem schon jetzt eines der bemerkenswertesten Spiele des Jahres.