Amateur-GamesFür die Demokratisierung der Spieleentwicklung

Games-Entwickler sind meist weiß, jung, männlich, heterosexuell – und bestimmen die Werte, die in Spielen vermittelt werden. Die Autorin Anna Anthropy will das ändern. von Dennis Kogel

Cover von "The Rise of the Videogame Zinesters"

Cover von "The Rise of the Videogame Zinesters"  |  © Seven Stories Press

"Ich habe ein Problem mit Videospielen", schreibt Anna Anthropy in ihrem vor Kurzem auf Englisch veröffentlichten Buch The Rise of the Videogame Zinesters . Es ist eine Mischung aus Anekdoten, alternativer Videospielgeschichte und Manifest im Stil von Scott McClouds Understanding Comics . Die Autorin fordert darin die Demokratisierung der Spieleentwicklung durch frei zugängliche Tools für Amateure. Für Entwickler also, die das Äquivalent zu den kopierten, zusammengetackerten Fanzines unter die Spieler bringen: Roh, fehlerhaft, persönlich. Diese Entwickler nennt Anna Anthropy "Zinesters", ein Kunstwort aus Fanzines und developers .

Anna Anthropy ist eine Transgender-Gamedesignerin, Kritikerin und Buchautorin. Sie lebt und arbeitet in San Francisco und veröffentlicht unter den Namen Auntie Pixelante Spiele wie Lesbian Spider-Queens of Mars und Mighty Jill Off . Sie ist Mitbegründerin des Videospiel-Fanzines The Gamer’s Quarter und spricht oft an Universitäten und auf Festivals über Outsider-Perspektiven auf Spiele-Kultur und -Entwicklung.

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Spiele sind für Anthropy eine besondere Kunstform, weil die Logik ihres Designs und ihrer Regeln viel über die Wertewelt der Macher verraten kann. Individualismus und der Glaube an die Macht des Einzelnen sei zum Beispiel vorherrschend in westlichen Rollenspielen wie Skyrim .

Anthropys Problem mit den Videospielen ist aber, dass die Werte, die in Spielen vermittelt werden, von einem eng begrenzten Personenkreis bestimmt werden. Die Macher moderner Spiele sind, so Anthropy, größtenteils weiß, jung, männlich, heterosexuell und haben einen höheren Bildungsabschluss. "Wenn Spiele noch nicht ernstgenommen werden", schreibt sie, "dann nur, weil sie uns sehr wenig über uns selbst sagen. Wir brauchen mehr Perspektiven, mehr Macher, mehr Persönlichkeit."

Flash-Game über die eigene Geschlechtsumwandlung

Macher wie Anna Anthropy selbst. Ihr Literaturstudium hat sie abgebrochen, von der texanischen Gamedesign-Akademie The Guild Hall wurde sie verwiesen. Ihre Spiele behandeln Themen, die in den meisten Games zwischen Weltkrieg und Weltraum nicht angeschnitten werden. Ihre Zeit bei Guild Hall und die Beziehung zu ihrer Partnerin etwa verarbeitete Anthropy in Calamity Annie , einem Geschicklichkeitsspiel über eine lesbische Revolverheldin, die sich zwischen Gefechten gegen Banditen in eine Ärztin verliebt. Ihr neues Spiel Dys4ia ist ein persönlicher Essay in Form eines Flash-Games, der Anna Anthropys Geschlechtsumwandlung in einer Reihe von berührenden Minispielen behandelt.

Ihre Spiele sind simpel, kurz und kostenlos. Produziert werden sie mit Tools wie Game Maker , einem Programm, mit dem über eine Drag-&-Drop-Oberfläche einfache Spielideen entwickelt werden können. Solche Programme sind eigentlich gedacht für Amateure, die sich an einer einfachen Form der Spieleentwicklung beteiligen möchten. Anthropy sieht in ihnen aber ein geradezu revolutionäres Potenzial. Kein Studium sei nötig und kein großes Team aus Programmierern, Künstlern und Designern, um mit Game Maker Spiele zu entwickeln. "Menschen haben das Verlangen und die Kreativität, Spiele zu machen", so Anthropy, "sie werden nur zurückgehalten von Begrenzungen. Reiß sie nieder und wir haben mehr Spiele und – was noch viel wichtiger ist – mehr Spieleautoren."

Leserkommentare
  1. Selten gab es einen Fall, in dem man eindeutiger sagen konnte:
    "Das wird der Markt regeln". Wenn jemand sich von der angeblichen Hegemonie weißer männlicher Spieleentwickler (der Abspann bei ME3 war recht international) eingeschränkt fühlt, dann wird das Modell ein Erfolg.

    9 Leserempfehlungen
  2. Lasst uns am besten eine Quote einführen!
    Damit lösen wir doch jedes Gender/soziales Problem!

    19 Leserempfehlungen
    • Altlas
    • 26. März 2012 12:24 Uhr

    im Gegenteil, ich habe während meiner Ausbildung keine weibliche Person gesehen, die einen ähnlichen Werdegang anstrebt.
    Weiter geht das ebenfalls auf der Universität und folglicherweise auch in der Berufswelt.

    Woran das genau liegt kann ich nur vermuten, aber wahrscheinlich ist die Materie doch zu technisch und ebenfalls sehr anspruchsvoll.
    Es kommt beim Programmieren überwiegend auf logische Denkmuster an, die bei Männern ja ausgeprägter sein sollen. Dazu kommt, dass man nach seiner Arbeit keinen Feierabend hat, wenn man gut in seinem Beruf sein will. Allein durch Ausbildung und Studiengang wird kein guter Programmierer aus jemandem, dazu gehört eine Lebenseinstellung, bei denen zu Recht Begriffe, wie "Geek" oder "Freak" fallen.

    8 Leserempfehlungen
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    • Nocon
    • 26. März 2012 13:34 Uhr

    1. Game Designer sind keine Programmierer und müssen auch in keinster Weise IT studieren. Die Wenigsten haben dies getan.
    2. Dass du mal gehört hast Frauen seien schwächer im Bereich logischem Denken ist schlicht und ergreifend falsch. Alleinig im Bereich räumlichem Denken ist im MASSENSCHNITT ein Unterschied erkennbar. Trotzdem kein Grund Menschen weil sie weiblich sind grundsätzlich irgendwelche Fähigkeiten abzusprechen, nur weil dein persönlicher Erfahrungsschatz entweder sehr gering ist oder du die Welt gerne so wahrnehmen möchtest, wie sie bereits deinem Denkmuster entspricht.
    3. Im Artikel geht es nicht um Frauenrechte oder Quoten sondern um Diversität, Vielfalt bzw. Eintönigkeit und kulturelle Eingeschränktheit in der Spielewelt, die nach Meinung von Anthropy wohl dadurch zu Stande kommt, dass immer wieder die selben Personengruppe die Geschichten hinter den Spielen erfinden. Ob man dem zustimmen muss, dass diese Welt so eingeschränkt sei ist eine andere Frage...
    4. Du kannst gerne mal recherchieren wer Portal designed hat: eines der am besten bewerteten und kritisierten Spiele die es bis jetzt gab (durchaus zu Recht) mit einer riesigen Spielerzahl und Fangemeinde.

    • Elite7
    • 26. März 2012 12:29 Uhr

    Langsam wirds doch echt nur noch lächerlich! Was interessierts mich denn, ob der Protagonist schwarz oder schwul ist? Ich will doch nur spielen! Am Besten wir führen jetzt noch eine Schwulenquote für Führungspositionen ein oder eine Frauenquote für Fernsehserien.

    9 Leserempfehlungen
  3. Bemerkenswert finde ich, daß zum Feindbild nach weiß und männlich jetzt auch der höhere Bildungsabschluss gehört.

    10 Leserempfehlungen
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    Redaktion

    Ich denke nicht, dass es hier um "Feindbilder" geht, sondern vielmehr um Vielfalt, um alternative Sichtweisen und Erfahrungen.

    Zum Beispiel könnte das Kulturgut Computerspiel noch wertvoller werden, wenn mehr ungewöhnliche Autobiografien das Storytelling beeinflussen.

  4. ...wie sich Leute jetzt schon angefeindet fühlen, obwohl sie gar nicht angefeindet werden...

    Das es hier einfach um jemanden geht, der macht, statt eine Quote zu fordern und nicht einmal jammert kann man in den Kommentaren dann auch mal komplett gegenteilig darstellen, nicht wahr... ?

    4 Leserempfehlungen
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    Zum Glück doch noch einen Intelligenten Kommentar gesehen.

  5. Redaktion

    Ich denke nicht, dass es hier um "Feindbilder" geht, sondern vielmehr um Vielfalt, um alternative Sichtweisen und Erfahrungen.

    Zum Beispiel könnte das Kulturgut Computerspiel noch wertvoller werden, wenn mehr ungewöhnliche Autobiografien das Storytelling beeinflussen.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Ob das so schlau ist?"
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    Seit wann macht sich eine gute Story an der Hautfarbe oder der sexuellen Ausrichtung der Person fest ?

    Ganz abgesehen davon der Grossteil der Menschen sind nun mal heterosexuell und ein guter Teil davon hat kein Interesse daran einen homosexuellen Helden zu spielen.

    Und dennoch, wenn man den Vorwurf, so wie im Artikel - oder meinetwegen gerne auch die Anregung, wenn es so verstanden werden soll, gegen ein Medium erheben will, dann wären Computerspiele weiterhin das, welches dies am wenigsten verdient/ braucht.

    //Ich denke nicht, dass es hier um "Feindbilder" geht, sondern vielmehr um Vielfalt, um alternative Sichtweisen und Erfahrungen.//

    Jetzt wüßte ich gerne, welche "alternativen Sichtweisen" sich stereotyp an der Hautfarbe oder dem Geschlecht festmachen lassen.

    Und inwiefern es ein "Fortschritt" ist, wenn man statt einem Pac-Mann eine Pac-Frau vorgesetzt bekommt. Im angesprochenen Mass Effect, aber auch in vielen anderen Sandkasten-Rollenspielen, bei denen die Spielfigur eine Identifikation erlaubt, kann man sich Geschlecht, Hautfarbe und tw. sogar sexuelle Präferenz aussuchen. Das ist Vielfalt, daher sehe ich keinen Bedarf. Aber wie gesagt: Wenn sich genug Leute angesprochen fühlen, regelt das der Markt.

  6. Redaktion

    Biografien (der Entwickler) waren gemeint, nicht Autobiografien.

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  • Schlagworte Festival | Videospiel | Demokratisierung | San Francisco
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