Als Studentin entwickelte Kim Swift 2005 zusammen mit Kommilitonen der Game-Design-Hochschule DigiPen das kleine Puzzlespiel Nerbacular Drop – und schuf damit ohne es zu ahnen ein eigenes Genre. Von dem Studentenprojekt war die Entwicklerfirma Valve damals so angetan, dass sie das gesamte Team anheuerte, um daraus ein großes Spiel zu bauen. So entstand Portal . Das war nicht nur sehr erfolgreich, sondern übte enormen Einfluss auf Spiele- und Spielkultur aus.

Swift allerdings verließ Valve, um das Genre voranzubringen. Und hat gerade ein neues Beispiel für diese Rätseleien aus der Egoperspektive vorgelegt, das PC-Spiel Quantum Conundrum , was so viel heißt wie Quanten-Rätsel.

Um seinen Onkel, den exzentrischen Wissenschaftler Professor Quadwrangle, vor den Folgen eines fehlgeschlagenen Experiments zu retten, muss der Spieler in Quantum Conundrum durch ein mit Robotern, Lasern und unzugänglichen Plattformen gespicktes Labor reisen. Dabei hilft dieses Mal keine Portale-öffnende Kanone, sondern ein Handschuh. Mit dem kann die gesamte Spielwelt in eine von vier unterschiedlichen Dimensionen geschickt werden.

Da in jeder der Dimensionen andere physikalische Gesetze gelten, sind Lösungen, die in einer Dimension unmöglich sind, in einer anderen kein Problem.

Wenn ein Tresor den Weg zum Levelausgang versperrt, kann der Spieler beispielsweise mit einem Tastendruck in die fluffig-rosa Flausch-Dimension wechseln, in der jeder Gegenstand so leicht ist wie Zuckerwatte. In der Metall-Dimension dagegen bekommen selbst die einladenden Sofas des Professors harte, spitze Kanten und geben auch unter konstantem Laser-Beschuss nicht nach. Die Zeitlupendimension ermöglicht es, unbeschadet um gefährliche Hindernisse wie riesige Windmaschinenrotoren zu kommen. Und in der Gravitationsumkehr-Dimension wird die Schwerkraft umgedreht, was den lange gehegten Traum wahr macht, mit einem Sofa an die Decke zu fliegen.

Jedes dieser Konzepte für sich allein stellt für Puzzlespiele keine Innovation dar. Es ist ihr Zusammenspiel, das Quantum Conundrum so reizvoll macht. Die ersten Rätsel, für deren Lösung nur die Flauschdimension genutzt werden muss, sind keine Herausforderung. Je mehr Dimensionen und Einsatzgebiete aber hinzukommen, desto komplexer und spannender werden die Lösungswege.

Ein Beispiel? Ein Laserstrahl, der das Öffnen und Schließen einer Tür kontrolliert, kann mit einer in Zeitlupe fallenden Kiste betätigt werden, um dem Spieler genug Zeit zu geben, ans andere Ende des Raumes zu sprinten, dort kurz in die Flauschdimension zu hüpfen, um einen Tresor durch eine Glasscheibe zu schleudern und ihn im letzten Moment in der Metall-Dimension unbeschadet durch ansonsten zerstörerisches Laserfeuer gleiten zu lassen. Wichtig ist, um die Ecke zu denken. Damit verankert sich das Spielprinzip von Quantum Conundrum mindestens genauso gut in Spielerköpfen, wie das die Denkmuster erweiternde Portal .

Nicht so subversiv wie "Portal"

Seinen Charme bezieht das Spiel jedoch nicht nur aus den komplexen Lösungen, sondern auch aus der liebevoll gestalteten Spielwelt: Quadwrangles Anwesen erinnert mit seinen übergroßen Maschinen und eigentümlichen Robotern an das Labor des klassischen verrückten Wissenschaftlers aus Trickfilmserien.

Begleitet werden Spieler außerdem von der Stimme John de Lancies , Vielen besser bekannt durch seine Rolle als exzentrischer Alien Q in der Serie Star Trek . De Lancie kommentiert als Professor Quadwrangle den Spielerfortschritt mit Anekdoten über Erfindungen wie den endlos dehnbaren Dackel. Er vermittelt dabei eine geradezu kindliche Freude an der Entdeckung der unterschiedlichen Dimensionen und macht sich über die eigenen spektakulären Missgeschicke lustig. Der Spieler fühlt sich dadurch willkommen geheißen – im Gegensatz zur bissigen Schauspielerin Ellen McLain, die als bösartige Künstliche Intelligenz GLaDOS zum Inventar von Portal gehört.

Quantum Conundrum ist ein Spiel, das laut Swift wie ein guter Cartoon durch prägnanten Stil und viel Humor Kinder wie Erwachsene gleichermaßen ansprechen will. Dabei allerdings geht der subversive, schwarze Humor verloren, mit dem das Autorenduo Erik Wolpaw und Chet Faliszek Portal und Portal 2 so besonders gemacht hat. Swift war schon bei Valve eher für Level- und Puzzledesign verantwortlich und der Unterschied ist bemerkbar.

Sie versucht mit Quantum Conundrum einen Neubeginn, doch trotz der schönen Idee erinnert es stark an Portal und dessen Erfolge. Der Vergleich mit dem großen Vorgänger lässt das Spiel allerdings kleiner erscheinen, als es eigentlich ist. Denn Quantum Conundrum definiert zwar kein Genre und wird Pop- und Spielekultur nicht so nachhaltig prägen wie Portal . Nichtsdestotrotz ist es ein bemerkenswertes, intelligentes Puzzle, das dem Trend nach immer realistischeren, brutaleren Spielen voller Machismo kindlichen Charme und innovative Lösungen entgegensetzt.