Screenshot aus "The Secret World" © Funcom

Die Morgensonne scheint, Vögel zwitschern fröhlich in den Bäumen, aber irgendetwas auf dem Weg zum Bäcker stimmt nicht. Die Nachbarn sind heute ein bisschen seltsam. Sie sehen so grau aus und haben irgendwie glasige Augen... Und sie essen keine Dinkelbrötchen, sondern haben gerade die Dackeldame Babsi verputzt. Und jetzt machen sie sich mit seltsamen Gebärden und Geräuschen auf den Weg, uns als Hauptgang folgen zu lassen. So ähnlich muss man sich die Welt von The Secret World für die überlebenden Bewohner vorstellen. In einst mehr oder weniger beschaulichen Städten und Dörfern beherrschen Zombies das Straßenbild, purzeln Werwölfe aus Dimensionslöchern, flattern Vampirhexen umher.

In dem Massively Multiplayer Online Role Playing Game (MMORPG) von Funcom ( Age of Conan ) ist es unsere Aufgabe, gegen das Böse zu kämpfen und für unsere Fraktion – zur Wahl stehen die Illuminati , Tempelritter oder Drachen – möglichst viel Macht zu gewinnen. Weitergehende Unterteilungen der Charaktere, etwa die gewohnten Klassen und Rassen, gibt es in The Secret World nicht. Nur das Aussehen und die Bekleidung unseres Avatars können wir selbst bestimmen.

Die Startgebiete mitsamt einer interaktiven Traumsequenz und einer ersten Waffenausbildung absolvieren wir in etwas über einer Stunde. Ein hochrangiger Vertreter des Templerordens macht uns dann noch klar: "Sie sind nicht in eine dieser schrecklichen Dan-Brown-Schmonzetten geraten." Aber als wir dann im Städtchen Kingsmouth ankommen, wären wir das gerne. In der Hafenstadt herrscht nämlich blanker Horror.

In The Secret World landen die Vertreter von allen drei Fraktionen in Kingsmouth und absolvieren dort nahezu die gleichen Missionen. Das hat den Nachteil, dass der Aufbau eines Zweithelden genauso verläuft wie der erste Durchgang und sich dann wie eine Wiederholung anfühlt. Wer zum ersten Mal im nordamerikanischen Kingsmouth unterwegs ist, erlebt aber großes Action-, Horror- und Survivalkino, ebenso wie später in Ägypten und Transsylvanien. Danach soll es per Erweiterung weitergehen.

Fast überall in Kingsmouth können wir Missionen annehmen, um Erfahrungspunkte zu sammeln und der Haupthandlung zu folgen. In The Secret World gibt es nämlich eine große, durchgehende und interessant erzählte Story mit gut gemachten Zwischensequenzen. Es gibt aber auch viele kleine Aufgaben, und auch die sind in weiten Teilen spannender als das, was andere MMORPGs so bieten.

Zwar gibt es auch in The Secret World einige Quests, in denen wir etwa im Hafen eine bestimmte Anzahl von Untoten abservieren müssen, aber das ist eher die Ausnahme als die Regel. Es gibt sogar Detektivmissionen, in denen tatsächliche Knobelarbeit gefragt ist: Dann müssen wir ein Morsesignal dekodieren oder ein – echtes – Bibelzitat finden. Ursprünglich gedacht war, dass der Spieler so etwas mit dem direkt ins Spiel integrierten Internetbrowser recherchiert. Das wäre teils eine echte Herausforderung. Inzwischen ist es aber so, dass man nach Eingabe von ein paar Schlüsselworten meist auf Komplettlösungen von Spielemagazinen stößt, denen man die Ergebnisse ohne eigenes Nachdenken entnehmen kann. Wer dem widerstehen kann, hat vielleicht mehr vom Spiel.

Auf den ersten Blick nachteilig ist, dass der Spieler immer nur eine Hauptmission und drei Nebenmissionen aktiv halten kann. Das sonst in Onlinerollenspielen übliche Sammeln von Quests, die dann gleichzeitig in einem Durchgang zu absolviert werden können, entfällt also. Wer in Kingsmouth oder den späteren Gebieten mehr Missionen annimmt, muss sich in einem kleinen Menü entscheiden, welche andere Aufgabe er pausiert. Wobei das wiederum bedeutet, dass der Spieler die Quests direkt beim Auftraggeber neu annehmen muss – falls er noch weiß, wo der genau zu finden ist, was in den großen Gebieten schwierig sein kann.

Der große Vorteil: Durch die Konzentration auf meist sogar nur eine Mission kommt die Geschichte dahinter viel besser zur Geltung. Wir haben uns noch in keinem MMOPRG so sehr auf die kleinen, meist gut erzählten Storys eingelassen wie in The Secret World , wenn wir etwa im Auftrag des schrägen Dorfpfarrers Henry Hawthorne einer Spur der Illuminaten gefolgt sind – unter anderem, indem wir ihren Symbolen auf Kanaldeckeln nachgespürt haben.