In-Game-FotografieDie Kunst des Screenshots

Fotografen gehen auch in Computerspielen auf Bilderjagd. Die noch recht junge Kunstform der In-Game-Fotografie bringt aber Probleme mit dem Urheberrecht mit sich. von Rainer Sigl

Foto von Duncan Harris aus "Battlefield 3"

Foto von Duncan Harris aus "Battlefield 3"  |  © Electronic Arts

Bei Facebook werden nach Angaben des Unternehmens 12.500.000 Fotos hochgeladen – pro Stunde. Bei Flickr sind zumindest noch 100.000 im selben Zeitraum. Mittlerweile hat sich die Lust am Motiv, an Komposition und bildlicher Erinnerung ins Virtuelle fortsetzt: in die immer größer und schöner werdenden künstlichen Welten von Computerspielen. In-Game-Fotografie heißt die Kunstform.

Der Sprung von der realen zur virtuellen Fotografie ist überraschend klein: Im First-Person-Shooter steuert der Spieler sozusagen eine körperlose Kamera, und moderne Open-World-Spiele wie Skyrim erlauben die freie Erforschung einer Umgebung, die in ihrer schieren Größe unzählige Bildmotive bereithält. Und auch wenn diese Welt selbst zur Gänze das Werk von Leveldesignern, Künstlern und Programmieren ist: Der subjektive Blickwinkel, die Auswahl des Bildausschnitts und das Auge für Komposition und den perfekten Moment sind auch hier die souveräne Leistung des In-Game-Fotografen. In-Game-Fotografie ist deshalb ebenso richtige Fotografie wie etwa Architektur-Fotografie.

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Auch für Martin Geisler, Professor für Medien- und Kulturpädagogik an der Ernst-Abbe-Fachhochschule Jena, zugleich Leiter des Erfurter Instituts für Computerspiel Spawnpoint und selbst In-Game-Fotograf, ist diese Aneignung ein kreativer Akt. "Ich erschaffe die Umgebung nicht, ich besetze sie mit meinen Erlebnissen", sagt er. "Natürlich bin ich dabei auf die Grenzen der Schöpfer angewiesen – aber hier unterscheidet sich In-Game-Fotografie nicht von klassischer Fotografie."

Im Unterschied zur Games-Art-Szene, in der sich Medienkünstler wie Robert Overweg, John Paul Birchard oder Palle Torrson schon seit Jahren experimentell mit Games beschäftigen, tritt allerdings für die langsam aufblühende In-Game-Fotografieszene das Medium in den Hintergrund: Es ist das Bild selbst, das für sich stehen soll. 

Star und Mitbegründer dieser Szene ist der britische Games-Journalist Duncan Harris. Auf seiner Seite Deadendthrills versammelt er seine Hochglanz-Gamesfotos, die ohne Nachretuschierung, aber dafür auf extrem leistungsstarken Rechnern entstehen. Dadurch erstrahlen die Spiele in einer Pracht, wie es sie auf handelsüblichen Spiele-Rechnern nicht gibt, weil sie so nicht flüssig spielbar wären.

Wie bei der Standfotografie, der still photography am Filmset, haben auch die Spielehersteller den Wert der schönen Bilder erkannt: Für das im Herbst erscheinende Stealth-Actionspiel Dishonored durfte Harris in einer exklusiven Vorabversion auf Bilderjagd gehen.

Für den Rest der Games-Fotografen ist die Vermarktung bislang kein Thema: Sie präsentieren ihre Werke auf Flickr oder in eigenen Tumblr-Blogs. Joshua Taylor, Iain Andrews oder Leonardo Sang lenken den Blick auf die Details und Nebenschauplätze der virtuellen Architekturen, während James Pollock mit seinen Schwarzweißbildern aus Red Dead Redemption und Skyrim an Klassiker der amerikanischen Naturfotografie anknüpft.

Leserkommentare
  1. ... ein Teil eines Gemäldes abzuphotographieren?
    Ist Kunst wiederverwertbar?

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    "Wäre es Kunst ein Teil eines Gemäldes abzuphotographieren?"

    Selbstverständlich!

    Das leidige Urheberrecht wäre natürlich auch dann ein Problem...

    • deDude
    • 13. August 2012 9:46 Uhr

    man kann mit ihr z.B. via Abmahnungen nochmal Geld verdienen!

  2. 2. Kunst

    Ist es Kunst, wenn Marcel Duchamp seine Unterschrift auf ein Urinal setzt? Ist es Kunst, wenn, wie gerade geschehen, Brotlaibe in die Luft gesprengt werden? Sie sehen es: die Frage nach der Kunst ist verzwickt!

    Deswegen würde ich sagen: ja, es ist Kunst, einen Teil eines Gemäldes abzuphotographieren.

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    ... bei den Entwicklern des Spiels. Sie schuffen die Spielwelt, fügten Lichteffekte hinzu usw.
    Einzelne Screenshots davon? Meiner Meinung nach nur Trittbrettfahrer, die die Credits auf sich nehmen, die eigentlich den Entwicklern gelten sollte!

  3. ... bei den Entwicklern des Spiels. Sie schuffen die Spielwelt, fügten Lichteffekte hinzu usw.
    Einzelne Screenshots davon? Meiner Meinung nach nur Trittbrettfahrer, die die Credits auf sich nehmen, die eigentlich den Entwicklern gelten sollte!

    Antwort auf "Kunst"
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    " Ich sehe die Künstler bei den Entwicklern des Spiels. Sie schufen die Spielwelt, fügten Lichteffekte hinzu usw."

    Und der Fotograf oder Maler, der eine beeindruckende Architektur in Szene setzt? Kein Künstler, dafür der Erbauer des Objekts? Schwierig, finde ich. Ich verstehe ihre Skepsis, aber die Screenshots sind keine 0815-Bilder, die irgendwer mal eben gemacht hat. Das sieht man, das zeichnet sie aus und hebt sie ab.

  4. ...in so einer diskussion - nachmachen / besser machen, dann urteilen. kunst ist es, weil es jemand tut, in einer qualität und ästhetik, die man erst einmal erreichen muss.

    Eine Leserempfehlung
  5. " Ich sehe die Künstler bei den Entwicklern des Spiels. Sie schufen die Spielwelt, fügten Lichteffekte hinzu usw."

    Und der Fotograf oder Maler, der eine beeindruckende Architektur in Szene setzt? Kein Künstler, dafür der Erbauer des Objekts? Schwierig, finde ich. Ich verstehe ihre Skepsis, aber die Screenshots sind keine 0815-Bilder, die irgendwer mal eben gemacht hat. Das sieht man, das zeichnet sie aus und hebt sie ab.

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    <em>Und der Fotograf oder Maler, der eine beeindruckende Architektur in Szene setzt? Kein Künstler, dafür der Erbauer des Objekts? Schwierig, finde ich. Ich verstehe ihre Skepsis, aber die Screenshots sind keine 0815-Bilder, die irgendwer mal eben gemacht hat. Das sieht man, das zeichnet sie aus und hebt sie ab.</em>

    Dieser Vergleich trifft es besser als "ein Gemälde abfotografieren", solange besagtes Gemälde nicht Bestandteil einer Bildkomposition ist.

    • Slater
    • 02. August 2012 14:05 Uhr

    gegenüber schlichten Abmalen der Natur oder gar eines fertigen Bildes
    besteht eine Spielwelt im Computer aus riesigen Mengen einzelner Ansichten, teils komplett zufallsgeneriert noch nicht einmal vom Entwickler genauer angeschaut,
    teils mit anderen Persektiven als ursprünglich geplant,

    man kann also tatsächlich bisher unbekanntes neues schaffen/ entdecken,
    das geht man bei bekannten Motiven nur durch Einsatz
    künstlerischer Verfremdungen/ besonderes Licht/ Wetter,

  6. aber keine besonders hohe.

    Im Gegensatz zur Fotografie wurde hier aber natürlich jedes Pixel und jedes Polygon vorher von jemandem genau so gesetzt. Jede Lichtbrechung, jeder Schatten, jeder "Makel" eines Objekts, jedes Blatt und jede Wolke ist so und in einer konsistenten Ästhetik aktiv geschaffen worden. Diese Optik ist auf einen (linear) oder mehrere (offenere Welten) Pfade ausgerichtet, wie eine künstliche Kulisse - Da könnte man das Abfotografieren dieser Kulisse schon etwas "lame" nennen. Bös gesagt sind die alle Games auch nur ein Film, in dem man sich eben ein wenig nach links und rechts wenden kann. Alle Variablen dafür sind kalkuliert und begrenzt.

    Ganz abseits davon: Die Ästhetik der allermeisten Spiele finde ich grausig misslungen und effekthascherisch - es gäbe vielleicht ohnehin bessere Objekte für spannende Fotografie.

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    • Slater
    • 02. August 2012 15:13 Uhr

    wie gerade ein Posting vorher geschrieben, gilt genau das nicht, was sie aufzählen,

    es gibt zur Laufzeit komplett zufallsgenerierte Landschaften,
    vielleicht nicht in den hier gezeigten Spielen,
    aber auch andere sind imposant,

    und selbst wenn ein Leveldesigner manuell einen Fluss durchs Tal zieht, Bäume und Steine setzt,
    kann er unmöglich überblicken/ testen wie das von jedem
    der 5 umgebenden Bergspitzen aus aussieht, zudem noch zu
    verschiedenen Tageszeiten mit Sonne im Wasser gespiegelt usw.,

    die Welt ist hier mal kein Dorf ;)

  7. ...die Diskussion zeigt doch eher, wie weltfremd das Urheberrecht ist und welche würgenden Effekte es auf die Kreativität hat, wenn man Juristen da hinzuzieht.

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