Papo y YoEin Spiel über das Monster im eigenen Vater

Alptraum Alkohol: In "Papo y Yo" verarbeitet Vander Cabellero die Sucht und die Unberechenbarkeit seines Vaters – und stürzt Spieler dabei in ein Wechselbad der Gefühle. von 

Szene aus "Papo y Yo"

Szene aus "Papo y Yo"  |  © Minority Media Inc.

Zusammengekauert sitzt ein Junge in der Abstellkammer. Das Licht, das durch die Lamellentür hereinfällt, bildet weiße Querstreifen auf seinem angstverzerrten Gesicht. Nun legt der Junge den Kopf an die Wand und lauscht. Draußen bewegt sich etwas: Ein massiger Schatten schiebt sich zwischen Lichtquelle und Tür, stößt ein dumpfes Grollen aus, stapft suchend umher. Ein Monster. In seinem Versteck wagt es der Junge kaum zu atmen, mit seinen Armen hält er die Knie fest umklammert. Da erscheinen an der Rückwand der Abstellkammer wie von Zauberhand weiße Linien.

Zögernd geht der Junge durch die schimmernde Pforte – und befindet sich im nächsten Moment in einer menschenleeren Stadt. An diesem magischen Ort kann er Häuser verrücken, Treppen aus dem Nichts zaubern und sogar fliegen. Hier ist er stark genug, um sich dem Monster zu stellen.

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Das Abtauchen in Fantasiewelten ist ein beliebtes Motiv in Literatur und Film. Alice gelangt durch einen Kaninchenbau ins Wunderland, Maurice Sendaks Held Max segelt aus seinem Zimmer mit einem Boot zu den Wilden Kerlen. Im Computerspiel Papo y Yo (Papa und ich) ist es ebenfalls ein kleiner Junge, der in einer anderen Welt landet.

Im Zentrum des nur für die Playstation 3 erhältlichen Spiels steht eine sehr persönliche Geschichte, die erst durch die Spielmechanismen erfahrbar wird. Sie beruht auf Erlebnissen des Gamedesigners Vander Cabellero, der in seiner Kindheit schwer unter der Alkoholsucht seines Vaters zu leiden hatte.

Cabellero stammt aus einer wohlhabenden kolumbianischen Familie, die Sucht seines Vaters war für ihn ein Alptraum. "Für meine Mutter, Brüder und Schwestern, mit denen ich das Monster in meinem Vater überlebt habe", heißt es denn auch in der Widmung, die gleich zu Beginn auf dem Bildschirm erscheint.

Im Spiel ist der Vater denn auch tatsächlich ein Monster, eine elefantengroße Kreatur mit scharfen Zähnen und einem Horn auf der Stirn. Die meiste Zeit ist das Monster friedlich, frisst und macht Nickerchen – wenn der Junge Quico es mit Kokosnüssen lockt, folgt es ihm bereitwillig überall hin. Seine Stimmung ändert sich allerdings schlagartig, wenn es in die Nähe von giftgrünen Fröschen kommt, die es mit unbändigem Hunger verschlingt. In Sekundenschnelle wird dann aus dem friedliebenden Koloss eine feuerflammende Bestie, die alles um sie herum angreift – Quico inbegriffen.

Beruhigen lässt sich das Monster nur, wenn der Junge ihm eine faulige Kokosnuss verabreicht. Mit dem unberechenbaren Gefährten im Schlepptau macht sich Quico auf, ein Heilmittel gegen die Froschsucht, die natürlich für die Alkoholsucht steht, zu finden.

Die Welt, durch die sich beide bewegen, ist eine schier endlose Favela: Bunte Baracken drängen sich an Berghänge und stapeln sich zu schwindelerregenden Wohntürmen, aus Betonruinen sprießt das Gras, an Häuserwänden prangen paradiesisch bunte Wandgemälde (Murales), gigantische Abwasserrohre liegen da wie Urzeitechsen. Quico folgt einem geheimnisvollen Mädchen, das ihm den Weg durch die Geisterstadt zeigt, ihm aber auch manchmal Hindernisse in den Weg legt.

Leserkommentare
  1. Ich würde gern mehr Spiele sehen, die irgendeinen Bezug zur Wirklichkeit haben. Und sei es nur ein bösartiger Vater. Allein das Medium selbst bietet genug Themen; wie wäre es z.B. mit einer Story, die sich mit der Isolation und Ausgrenzung von manchen Gamern befasst? Oder ein Wirtschaftsspiel für Spiele (Games Tycoon), bei dem man erfahren kann, wie der Markt funktioniert. Da wäre es mir auch egal, ob es technisch nicht ausgereift ist.

    Ich würde Papo y Yo jedenfalls sehr gern spielen, allerdings habe ich leider keine PS3.

    • Slyphia
    • 15. August 2012 22:11 Uhr

    Ich finde es ebenso bedauerlich, dass das es das Spiel nur für die PS3 gibt, einen Blick wäre es sicherlicht wert...

    auch vielleicht für Vätern mit diesem Problem?

  2. dass Vander Cabellero seine traumatischen Erlebnisse aus der Kindheit in einem Spiel verarbeiten konnte. Als Kaufgrund taugt das allerdings nicht. Wenn das Spiel nicht gut ist, dann kaufe ich es nicht. Spielen aus reiner Solidarität liegt mir einfach nicht.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Games | Computerspiel | Alkoholsucht
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