Wache am Handelsposten - Screenshot aus dem Game "DayZ"

Stacheldraht, Panzerfallen, Sandsäcke: Der Handelsposten in der kriegsverwüsteten Einöde gleicht einer Festung. Denn in der Anarchie von DayZ ist friedlicher Handel eine Seltenheit, auf Räuberbanden wirkt der Ort wie ein Magnet. Diese Erfahrung macht auch Joss Widdowson, als er gerade Fotos für die Betreiber, die Freeside Trading Company anfertigt. Plötzlich überfallen Banditen das Areal, töten die Wachen und plündern das Lager. Der Kriegsreporter Widdowson versucht, in die nahen Wälder zu fliehen, doch trifft ihn eine Kugel, er stirbt. Einen Bericht über das Erlebte schreibt er trotzdem.

Das Kriegsgebiet, aus dem Widdowson berichtet, befindet sich im Internet, es ist ein Onlinespiel namens DayZ. Die Modifikation der drei Jahre alten Militärsimulation Arma II zählt zu den erfolgreichsten Independent-Projekten der jüngeren Games-Geschichte: Schon mehr als eine Million Spieler streifen durch das 225 Quadratkilometer große Niemandsland, in dem Heerscharen von Zombies ihr Unwesen treiben.

Wenn Millionen Menschen miteinander spielen, gibt es viel, was sich zu erzählen lohnt. Minütlich bringen solche Games neue Geschichten um Verrat und Solidarität, um Niedertracht und Heldenmut hervor. Widdowson und andere berichten darüber – in mehreren großen MMO – Massive Mulitplayer Onlinegames – gibt es inzwischen embedded reporter, Berichterstatter, die wie Journalisten denken.

Im echten Leben ist der Brite Widdowson Fotograf, hat an der Universität von York Kunst studiert. Auf dem Portal Reddit bot Widdowson im Juli seinen Dienst an. Er bekam haufenweise Angebote. Im August erschien sein Bericht über den Angriff auf den Handelsposten.

Offene Handlungen fördern neue Rollen

Viele Spieler schreiben ihre Erlebnisse auf, meist subjektiv und mit reichlich Pathos. Widdowsons Text gleicht eher einer journalistischen Kriegsreportage: Die Sprache bemüht sich um Sachlichkeit, die Screenshots ähneln Agenturfotos aus realen Krisengebieten.

Text und Bilder erzählen von den Mühen, in dem anarchischen Spiel so etwas wie eine Ordnung aufzubauen. Der erste Satz lautet: "Wenn sich in Chenarus [dem virtuellen Land des Spiels] zwei Menschen begegnen, endet einer von beiden normalerweise als Leiche." Denn in DayZ sind nicht die Zombies das Problem, sondern die Mitspieler: Im gnadenlosen Kampf um knappe Ressourcen beträgt die durchschnittliche Überlebensdauer gerade mal 68 Minuten.

DayZ ist als Quell von Geschichten besonders ergiebig, weil es viele Freiheiten lässt. So entstehen ständig neue Spielsituationen, die von den Programmierern im Zweifel gar nicht beabsichtigt waren. Dieses sogenannte emergent gameplay wird von Onlinespielen ohne übergeordnete Erzählstruktur besonders begünstigt: Im Klötzchenspiel Minecraft etwa kann man sich seine Welten komplett selbst zusammenbauen. Widdowson ist denn auch keineswegs der einzige Spieler, der in seiner Rolle als MMO-Reporter bekannt geworden ist.