Indie-GameGehen Sie ins Gefängnis – als Chef

In "Prison Architect" verwalten Spieler ein Gefängnis. Die Wirtschaftssimulation stellt dabei wichtige Fragen. Und die Entwickler setzen auf ein neues Geschäftsmodell. von Dennis Kogel

Prison Architect

Screenshot aus "Prison Architect"  |  © Introversion Software

Eigentlich wollten die Entwickler des britischen Indie-Studios Introversion Software ein Spiel über Banküberfälle machen. Als sie erkannten, dass eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Safes, Einbrechern und Sicherheitssystemen als Spiel wenig sinnvoll ist, weil es nur darum gehen würde, sich den Weg freizuschießen, änderten sie den Plan. Nun geht es darum, was nach einem missglückten Bankeinüberfall passiert: Prison Architect ist ein Gefängnissimulator.

Wirtschaftssimulationen gehörten immer schon zu den wichtigsten Spiele-Genres. Ob Krankenhäuser, Freizeitparks, Bordelle, Städte, Transportunternehmen oder Bauernhöfe – in Spielen lässt sich herausfinden, wie erfolgreich sie alle wären, würde nur ein Spieler die Leitung übernehmen. Gefängnisse gehörten verständlicherweise bisher kaum dazu. Welches Kind (oder welcher Erwachsene) träumt schon davon, Gefängnisdirektor zu werden, wenn es auch der Job eines Freizeitpark-Managers sein könnte oder ein Chefarztposten.

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Zwar versuchte sich ValuSoft vor einigen Jahren an einer Reihe von Gefängnissimulatoren . Allerdings fielen die wenig durchdachten Spiele bei Kritikern und Käufern allesamt durch, weil sich ihre Strafkolonien in der Art der Spielsysteme nicht groß von Vergnügungsparks oder Krankenhäusern unterschieden. Introversion – bekannt für Spiele wie Darwinia und Uplink – will dem Thema nun den nötigen Respekt entgegenbringen.

Das wird allerdings erst auf den zweiten Blick deutlich. Denn zunächst blicken die Spieler von Prison Architect aus einer skalierbaren Vogelperspektive auf ein Gefängnis im Cartoon-Stil, mit stilisierten Gefangen, Wärtern und Arbeitern, die einer täglichen Routine folgen. Zu den Aufgaben gehört es, neue Gefängnisflügel anzulegen, sich um Strom- und Wasserversorgung, das Wohl der Gefangen und neues Personal zu kümmern.

Erstes Ziel: Konstruiere einen elektrischen Stuhl

Aber bereits das erste Level des Spiels im sogenannten Story-Modus konfrontiert die angehenden Gefängnisdirektoren mit den ethischen Fragen ihres Berufs. Ziel ist nämlich die Konstruktion eines elektrischen Stuhls und die Hinrichtung eines Mannes, der seine Ehefrau und deren Liebhaber ermordet hat. In kurzen Comic-Szenen werden die Figuren vorgestellt. Wärter streiten untereinander, ob der Mörder die Todesstrafe verdient hat, oder ob sie selbst nicht ähnlich gehandelt hätten. Und der Generaldirektor des Gefängnisses versichert dem Spieler, er solle sich nicht zu viele Sorgen machen. Die Hinrichtung eines Menschen sei eben sein Job, und irgendwer müsse es ja tun. Durch den Comic-Stil wirkt die Szene nur noch befremdlicher.

"Wir wollen zeigen, dass man sich selbst nicht von der ethischen Problematik einer Hinrichtung ausnehmen kann, nur weil man bloß der Unternehmer ist, der das Gefängnis gebaut hat und es verwalten muss", sagt Chefdesigner Chris Delay. "Gefängnisse erfüllen nun mal verschiedene Rollen für die Gesellschaft: Strafe für Täter, Schutz vor gefährlichen Menschen und Rehabilitation für Straftäter. In verschiedenen Staaten haben diese Aspekte alle eine unterschiedliche Bedeutung. In Prison Architect spielen sie alle eine Rolle, aber die Spieler selbst sollen entscheiden, was für sie wichtig ist."

So müssen sich die Gefängnisdirektoren etwa überlegen, ob der Todestrakt mit Annehmlichkeiten wie Fenstern oder Bücherregalen ausgestattet wird, oder ob sie das knappe Budget nicht lieber in andere Bereiche des sowieso überfüllten und unterfinanzierten Gefängnisses investieren.

Besonders offensichtlich wird das im Sandkasten-Modus, der sich vom Story-Modus darin unterscheidet, dass es keine sich ändernden Ziele und keine Geschichten mehr gibt. Ziel im Sandkasten-Modus ist es schlicht, ein möglichst großes Gefängnis zu bauen, um die Flut neuer Sträflinge bewältigen zu können, ohne dass die Anstalt im Chaos versinkt.

So vermittelt Prison Architect einige Grundfragen des Gefängnissystems: Wie viel ist ein Sträfling wert? Wie viel vom knappen Budget kann darauf verwendet werden, ein Gefängnis zu einem nicht ganz so schrecklichen Lebensraum zu machen, wenn staatliche Förderung nur darauf basiert, möglichst viele Strafgefangene unterzubringen?

Leserkommentare
  1. Mich würde interessieren, wie richtige Insassen so ein Spiel empfinden.

    Ich würde behaupten, "von draußen" lässt sich das leicht spielen...

  2. 100.000 $ in 72h für ein indiegame im alphastadium? Respekt, die müssen einen echten Marketing-Profi im Boot haben.

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