Szene aus dem ersten Kapitel von "The Unfinished Swan" © Giant Sparrow

Das Spiel The Unfinished Swan beginnt mit einem Gefühl absoluter Orientierungslosigkeit. Wohin das Auge auch blickt, es findet keinerlei Halt. Es trifft auf ein undurchdringliches, alles verschluckendes Weiß. Von irgendwo trägt der Wind die Klänge eines Glockenspiels herüber, Vögel zwitschern in der Ferne, doch es ist, als kämen diese Töne aus einer benachbarten, aber unerreichbaren Parallelwelt. Das ändert sich erst, wenn der Spieler auf gut Glück mehrere Schwünge schwarzer Farbe vor sich schleudert. Mit jedem Farbklecks gewinnt die Umgebung an Kontur: Es werden Wände sichtbar, Vasen, Bänke... und ein Pfad, der hin zum Vogelgezwitscher führt.

Schon im Vorfeld der Veröffentlichung hat The Unfinished Swan viel Aufmerksamkeit erhalten. Es war vor allem der ästhetisch anspruchsvolle Schwarzweiß-Trailer, der für Neugier und Vorfreude sorgte: Ein vergleichbares Spielprinzip hatte man noch nicht gesehen.

2008 als Studentenprojekt gestartet, wurde The Unfinished Swan schließlich vom kalifornischen Independent-Studio Giant Sparrow entwickelt. Sony half mit, weshalb es das Spiel nun exklusiv für die PlayStation 3 gibt. Dass Indie-Projekte am Mainstream-Markt erfolgreich sein können, haben Spiele wie Journey, Minecraft und Braid zur Genüge bewiesen.

Die ersten Reaktionen auf The Unfinished Swan sind allerdings gespalten, sie reichen von überschwänglichem Lob bis hin zu herber Enttäuschung. Gründe dafür sind unter anderem die genrebedingten Erwartungshaltungen der Spielefans, aber auch der verengte Blickwinkel, den der besagte Trailer bietet.

Tatsächlich besteht The Unfinished Swan aus drei sehr unterschiedlichen Kapiteln. Das eingangs geschilderte "First-Person-Painting" macht nur die ersten 30 Minuten aus, bevor es durch andere Spielmechaniken abgelöst wird. "Im Kern geht es um Neugier", sagt Creative Director Ian Dallas. "Es geht darum, dem Spieler Werkzeuge zu geben, mit denen er experimentieren und Fragen stellen kann."

Zusammengehalten wird das Ganze von einer traurigen Märchengeschichte: Der Spieler übernimmt die Rolle des Jungen Monroe, der in einem Waisenhaus lebt. Monroes Mutter, eine Malerin, hat ihm das unvollendete Bild eines Schwans hinterlassen. Eines Nachts wacht der Waisenjunge auf und bemerkt, dass der Schwan aus dem Gemälde verschwunden ist. Um das Tier zu finden, folgt er ihm durch die Leinwand. Die Welt, die Monroe nun betritt, wurde einst von einem König regiert. Dieser war so selbstherrlich, dass er sein Schloss ohne jede Farbe erbauen ließ. Monroe orientiert sich bei der Suche nach dem Schwan an den goldenen Fußstapfen, die das Tier auf Boden und Wänden hinterlässt. The Unfinished Swan ist so etwas wie eine Schnitzeljagd.

Kapitel eins ist mit seiner völlig weißen Welt der beeindruckendste Spielabschnitt. In Kapitel zwei ändern sich die Voraussetzungen grundlegend: Beim Bau der Hauptstadt hat der König den Wünschen der Bewohner nachgegeben und eine Handvoll Farben zugelassen. Monroe folgt dem Schwan durch das nunmehr völlig menschenleere Häusermeer. Die verwinkelten Gebäude erinnern mal an die Werke von M.C. Escher, mal an den aseptischen Charme einer südspanischen Touristenanlage.