Game-App "Curiosity"Wer spielt hier eigentlich mit wem?

Würfel anklicken. Unzählige Würfel. So funktioniert "Curiosity". Drei Millionen Menschen spielen es. Wer den letzten Würfel erwischt, gewinnt etwas "Lebensveränderndes". von 

Curiosity

Im Spiel "Curiosity" geht es darum, auf kleine Würfel zu klicken. Sehr, sehr, sehr viele kleine Würfel.  |  © 22cans

Das kostenlose Spiel Curiosity für Android - und iOS-Geräte ist so simpel, dass es die Bezeichnung Spiel kaum verdient. Es geht darum, kleine Würfel anzutippen. Mehr eigentlich nicht.

Curiosity beginnt mit einem weißen Raum. In dessen Mitte schwebt ein Würfel. Mit einem Fingerstreich kann der Betrachter seinen Blickwinkel auf das geometrische Gebilde verändern und es von allen sechs Seiten betrachten. Tippt der Spieler zweimal mit seinem Finger auf das Gerät, beginnt eine lange Kamerafahrt, direkt auf das Gebilde zu, immer tiefer und tiefer, und das gigantische Ausmaß des Würfels wird deutlich. Strukturen erscheinen. Jetzt wird erkennbar, dass die Oberfläche des Würfels aus Millionen weiterer, kleinerer Würfel besteht. Dicht an dicht reihen sie sich aneinander. Dann beginnt das eigentliche Spiel.

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Tipp – Tipp – Tipp – mit jeder gezielten Berührung zerbröselt einer der kleineren Würfel und vergeht mit einem klangvollen Klirren. Für das Zerstäuben der Würfel erhält der Spieler virtuelle Münzen, die er gegen Bomben, Meißel und anderes eintauschen kann, um damit besonders große Löcher in die Schale zu schlagen. Über einen Button lassen sich die Erfolge auf Facebook mit der Community teilen.

Das war’s. Unter den zerbröselten Würfeln wird eine weitere Würfelschicht sichtbar. Um auch auf ihr herumtatschen zu können, muss zuerst die aktuelle vollständig abgetragen werden. Das dauert, aber viele andere Spieler sind dabei behilflich.

David Schmidt
David Schmidt

David Schmidt ist Community-Redakteur bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Wer glaubt, das sei ziemlich öde, hat absolut Recht. Trotzdem spielen mehr als drei Millionen Menschen seit November Curiosity. Das hat einen einfachen Grund: Neugier. Nicht umsonst trägt das Spiel seinen Namen.

Der Würfel steht seit einem Monat im Netz. Rund 85 Schichten wurden bislang getilgt. Spieler haben berechnet , dass der Würfel aus 2.048 Schichten und fast 69 Milliarden Einzelteilen besteht. Trifft das zu, müssten bei gleichbleibender Geschwindigkeit in rund 243 Tagen sämtliche Partikel aufgelöst sein. Dann enthüllt der Würfel ein Geheimnis. Der Clou: Nur einer wird es entdecken. Nämlich derjenige, der den letzten Würfel zerstört. Über ein Video dürfen die anderen an der Entdeckung immerhin teilhaben.

Die Spielregeln

Reiz und Reaktion – Social Games wenden konsequent psychologische Kniffe an, um ihre Spieler zu binden und sie dazu zu bringen, im Freundeskreis neue Mitspieler zu werben. Alle Spiele funktionieren gemäß diesen Prinzipien:

1. Einfach anfangen. Das Spiel muss sich auf einen Blick selbst erklären, erst mit der Zeit nimmt es an Komplexität zu.

2. Nicht überfordern. Um flüchtige Spieler nicht mit Misserfolgen zu vergraulen, muss sich der Schwierigkeitsgrad stets an ihren Fähigkeiten orientieren.

3. Niemals langweilen. Immer wieder müssen neue Elemente oder Spielfiguren das Spiel abwechslungsreich halten (»Das neue Level der Woche ist da!«).

4. Nie aufhören. Ein Ziel gibt es nicht, kein letztes Level und kein Ende. Schluss ist erst, wenn der Spieler das Interesse verliert.

5. Kontakte nutzen. Social Games binden alle Kontakte ein, die bereits Nutzer sind (»Du bist schlauer als 1 Deiner Freunde. Teilen!«). Der Zugriff auf den Social Graph, also alle Verbindungen eines Nutzers im Sozialen Netzwerk, macht das möglich.

6. Gegenseitig helfen. Seine Freunde zu unterstützen und sich für erwiesene Gefälligkeiten im Spiel zu revanchieren, erzeugt Wohlgefühl und bindet an das Spiel.

7. Mehr werden. Die Spieler werden ständig animiert, in ihrem Freundeskreis Werbung zu machen (»Stefan lädt Dich ein, CastleVille zu spielen!«)

Viel wird seitdem darüber spekuliert , worum es sich bei dem Geheimnis wohl handeln mag. Das Indie-Entwicklerteam von 22cans verrät nur so viel : Es ist kein Geldbetrag, keine tote Katze und es ist auch nicht Half Life 3 . Aber: Es wird für den Gewinner "lebensverändernd" sein. Verspricht zumindest 22cans.

Die Spieler von Curiosity lassen es sich jedenfalls nicht langweilig werden. Sie tippen fleißig auf dem Würfel herum und tragen derzeit täglich zweieinhalb Schichten ab. Dabei malen oder schreiben sie lustig in die kantige Landschaft hinein. Das beliebteste Motiv scheint der Penis zu sein.

Interessant ist dabei vor allem die Dynamik, die sich unter den Spielern entwickelt. So fühlen sich manche berufen, die Kunstwerke der anderen so schnell es geht zu vernichten. Trolle gibt es halt überall auf der Welt. Eine Frau hat es sich hingegen zur Aufgabe gemacht, die vielen Penisse auszuradieren, sooft sie erscheinen. Schließlich, so schreibt sie auf Facebook, spielten auch Kinder mit, die die bösen Geschlechtsorgane sicher verstörten. Andere Spieler entwickeln Methoden, mit denen sie besonders viele der kleinen Würfel in Folge vernichten: Die Multi-Finger-Combo-Clear-the-Screen -Strategie ist in der Community von Curiosity derzeit besonders beliebt.

Das britische Indiegame-Unternehmen 22cans rund um Spieledesignerlegende Peter Molyneux hat mit seinem ersten Titel einen beachtlichen Erfolg erzielt. Das erklärt sich auch dadurch, dass zur Zielgruppe des Spiels nicht nur Konsolenbesitzer oder PC-Gamer zählen. Als Social Game spricht Curiosity ein älteres und vorwiegend weibliches Publikum an. Wobei, alle Kriterien der Social Games erfüllt Curiosity nicht, immerhin hat es irgendwann ein Ende.

Nur ein Marketing-Gag?

Curiosity sei mehr als Experiment denn als Spiel gedacht, behaupten die Programmierer. "Wir haben uns gefragt, ob die menschliche Neugier ausreicht, um weltweit miteinander die Mitte des Würfels zu erschließen", heißt es im Spiel. Nach den mehr als drei Millionen Registrierungen und täglich rund 250 Millionen zerbröselten Miniaturwürfeln scheint die Antwort darauf ziemlich klar Ja zu lauten.

Weniger wohlwollend könnte man das Ganze schlicht als Marketingaktion ansehen, die darauf abzielt, genügend Geldgeber für das Kickstarter-Crowdfunding des eigentlichen Hauptprojekts von 22cans zu gewinnen. Immer mal wieder lassen die Betreiber die entsprechende Internetadresse auf dem Würfel erscheinen. Allerdings scheint der Plan nicht recht aufzugehen: Elf Tage vor Ablauf der Spendenaktion ist der angestrebte Betrag gerade einmal zur Hälfte erreicht. Offenbar hat die Neugier der Menschen doch Grenzen.

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