NewsgamesDer Bürgerkrieg zum Selberklicken

Nachrichten in Form eines Videospiels? Das versuchten die Macher von "Endgame: Syria" – und wurden von Apple verbannt. Abschreiben sollte man Newsgames aber nicht. von 

Spielszene aus "Endgame: Syria"

Spielszene aus "Endgame: Syria"  |  © Auroch Digital

Es erinnert an die Spielkarten beim Quartett: In jeder Runde müssen die Spieler einzelne Karten gegen die des Computers ausspielen, die Karten mit den jeweils besseren Werten gewinnen. Doch statt um Pferdestärken und Hubraum geht es auf den virtuellen Karten in Endgame: Syria um Dinge wie Angriffsstärke, um Widerstandsfähigkeit und die Zahl ziviler Opfer. Denn das Spiel basiert auf dem Krieg in Syrien – und soll dabei einen möglichst realistischen Einblick in den Bürgerkrieg und seine möglichen Konsequenzen geben.

Zu realistisch, fand Apple. Anfang der Woche verbannte der Konzern das Spiel aus dem hauseigenen App Store, da es gegen die Nutzungsbedingungen verstoße. Dort steht in Absatz 15.4, ein dürfe Spiel keine "bestimmte Herkunft, Kultur, Regierung, Unternehmen oder andere existierende Entitäten" als Gegner ausgeben. Genau das aber tut Endgame: Syria, da die Spieler in der Rolle der Rebellen versuchen müssen, das Regime von Präsident Baschar al-Assad zu stürzen.

Anzeige

Tomas Rawlings findet Apples Entscheidung übertrieben – und ist doch kaum überrascht. Der Spieledesigner ist Gründer des Spiele- und Beratungsunternehmens Auroch Digital. Mit dem Projekt Game the News entwickelt er kurze, meist in wenigen Tagen entstandene Spiele, die auf aktuellen Nachrichten basieren. Das kostenlose Endgame: Syria, das es auch für Android und als Browserversion gibt, ist sein bis dato größtes Projekt. Dass es für Gesprächsstoff sorgen und auch auf Ablehnung stoßen würde, hatte Rawlings bereits im vorher vermutet: "Spiele assoziieren Spaß und Leichtsinn und erscheinen deshalb als das Gegenteil von dem, wie wir Konflikte darstellen sollten." Er möchte beweisen, dass es auch anders geht – mit sogenannten Newsgames.

Nachrichten spielerisch erleben

Newsgames sind eine Unterkategorie der Serious Games, also der sogenannten ernsten Spiele. Statt Unterhaltung steht die Wissensvermittlung an erster Stelle, auch wenn die Spiele im Idealfall durchaus Spaß machen sollen.

Der Autor und Spieledesigner Ian Bogost positioniert in seinem 2010 erschienenen Buch Newsgames: Journalism at Play die Newsgames an der Schnittstelle von Videospielen und Journalismus: Sie verarbeiten Themen journalistisch und geben sie anschließend auf interaktive Weise wieder. Ob auf aktuelle oder historische Ereignisse ausgerichtet, dokumentierend oder kommentierend, boulevardesk oder wissenschaftlich: Wie die Artikel einer Zeitung unterscheiden sich  Newsgames in Form und Absicht.

Als Kommentar der Ereignisse zu verstehen

Auch Marcus Bösch glaubt, dass Newsgames in einigen Bereichen die traditionellen Formate ergänzen können: "Die interaktive Erfahrung von Games ist etwas, das lineare Medien einfach nicht haben", sagt Bösch. Der Journalist beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen und arbeitet mit seinem Studio The Good Evil zurzeit an einem eigenen Spiel. Er weiß auch um die Probleme des noch jungen Genres: "Newsgames gibt es jetzt seit etwa zehn Jahren mit vielen Höhen und Tiefen. Aber es ist nicht so, das man damit die einzig wahre  Zukunft des Journalismus präsentieren könnte. Die ersten Newsgames wurden auch nicht von Journalisten, sondern von Aktivisten und Spieleentwicklern erstellt."

Von Entwicklern wie etwa Gonzalo Frasca etwa. Er veröffentlichte 2002 als Reaktion auf die politischen Entwicklungen nach 9/11 das kleine Browserspiel September 12th. Darin konnten die Spieler nichts anderes machen, als mit einem Fadenkreuz auf mutmaßliche Terroristen inmitten einer afghanischen Stadt zu zielen. Aus Mangel an Alternativen bezeichnete Frasca September 12th kurzerhand als Newsgame, da es als direkte Reaktion auf die aktuellen Nachrichten entstand und gleichzeitig als Kommentar der Ereignisse dienen sollte. September 12th kennt nämlich nur einen Ausgang: Die Zivilisten sterben und die Terroristen werden nicht weniger. Der Epigraph des Spiels liest sich heute, zehn Jahre später, wie eine Zusammenfassung des Krieges gegen den Terror: "Du kannst weder verlieren noch gewinnen."

Auf Missstände hinweisen

Bis heute verfolgen viele Newsgames einen ähnlich simplen Ansatz wie September 12th. Vielen geht es vor allem darum, auf einen bestimmten Missstand hinzuweisen. Im Flashspiel Kill the Tyrant flüchten die Spieler vor dem Feuer eines Panzers, nur um dann festzustellen, dass es nahezu unmöglich ist. Die einzige Aufgabe in dem ebenfalls von Tomas Rawlings herausgegebene Spiel My Cotton Picking Life besteht darin, mit der Maus auf zwei Knöpfe zu klicken, um den Spielern ein Gefühl dafür zu geben, wie mühsam die Arbeit usbekischer Kinder auf den Baumwollfeldern ist. Spannend ist keines der beiden Spiele.

Leserkommentare
  1. "Rawlings jedenfalls gibt so leicht nicht auf. Er wird Endgame: Syria nun für den App Store überarbeiten, damit es den Richtlinien entspricht."

    Für Apple überarbeiten - na dann, viel Spaß. Was Apple nicht passt, wird aussortiert - und das ist nicht wenig. Sowohl bei der Software für die eigenen Geräte als auch im Store präsentiert die Firma seit Jahren ein rigides Regime der eigenen Weltsicht: Nicht denken - Schick sein und konsumieren!

    3 Leserempfehlungen
  2. Sehr spannend was alles in dem Medium "Computerspiel" steckt.

    Eine Leserempfehlung
  3. ... ist eben einfach zu spießig. Genau wie seine Kunden.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service