Screenshot aus "Ni No Kuni" © Screenshot ZEIT ONLINE

Die Vorstellung, dass neben unserer Welt noch eine andere, magische Parallelwelt existiert, ist in Literatur und Film ein wiederkehrendes Motiv. Meist sind es persönliche Krisen – traumatische Gewalt oder familiäre Schicksalsschläge – aus denen heraus sich die Pforten der Fantasie öffnen. Der magische Urmoment ist der Übergang von der einen in die andere Welt: Alice stürzt durch den Kaninchenbau ins Wunderland, Lucy schlüpft durch den Wandschrank nach Narnia, Dorothy wird vom Wirbelsturm nach Oz getragen. Danach ist nichts mehr, wie es vorher war.

Ähnlich ergeht es Oliver, dem Helden des Rollenspiels Ni No Kuni: Der Fluch der weißen Königin für die PlayStation 3. Der 13-Jährige lebt mit seiner Mutter in Motorville, einem US-Bilderbuchstädtchen der fünfziger Jahre mit properen Häuschen, grünen Vorgärten und freundlichen Menschen. Die Idylle wird jäh zerstört, als Olivers Mutter an einer Herzattacke stirbt. Olivers Tränen fallen auf eine Stoffpuppe, die daraufhin zum Leben erwacht und sich als "Tröpfchen" vorstellt.

Der vorlaute Kobold mit der Nasenring-Laterne kommt aus einer Parallelwelt, die von Ebenbildern aller Menschen – den "Seelenverwandten" – bevölkert ist. Tröpfchen schenkt Oliver ein Zauberbuch, und gemeinsam brechen sie nach Ni No Kuni (japanisch für "Zweites Land") auf, um Olivers Mutter doch noch zu retten. Dazu müssen sie deren Seelenverwandte aus der Gewalt des bösen Magiers Shadar befreien.

Ni No Kuni ist eine Koproduktion zweier bekannter Studios: Die japanischen Spieleentwickler von Level-5 haben mit Professor Layton eine erfolgreiche Rätselreihe für Mobilkonsolen geschaffen; das Anime-Studio Ghibli wurde mit Filmen wie Prinzessin Mononoke und Das wandelnde Schloss weltweit bekannt.

Für Ni No Kuni hat Ghibli die Figuren, die Kulissen und die animierten Zwischensequenzen angefertigt, mit dem Resultat, dass man sich geradewegs in einen Anime-Film hineinversetzt fühlt. Zur klassischen Musik des Tokyo Symphonic Orchestra pirscht Oliver durch bunte Laubwälder mit Bächen, Lichtungen und mannshohen Pilzen; er durchquert sanfte Hügellandschaften, über denen sich zart bewölktes Blau spannt. Besonders beeindruckend sind die Städte mit ihren engen Gassen, dem Kopfsteinpflaster und den Königspalästen. Ni No Kuni sieht fantastisch aus – und die Spieler bekommen reichlich Gelegenheit, die weitläufige Zauberwelt zu erkunden.

Spannende Rolle als Vermittler zwischen den Welten

Die Haupthandlung indes entfaltet sich gemächlich und schickt Oliver auf linearem Weg von Prüfung zu Prüfung. Immer wieder trifft er auf Bürger des Landes, die müde und teilnahmslos vor sich hinvegetieren. Shadar hat ihnen mit einem Fluch einen Teil ihres Herzens geraubt. Oliver ist, weil selbst reinen Herzens, der Einzige, der diese Unglücklichen von ihrer Last befreien kann. Manchmal reicht es schon, wenn er ihnen per Zauberspruch die Lebensenergie verabreicht, die er zuvor von vitalen Spendern erhalten hat.

In besonders schweren Fällen reist Oliver jedoch zurück nach Motorville, um bei den Seelenverwandten nach den wahren Ursachen des Unglücks zu suchen. So ist der imposante König von Katzbuckel in Motorville lediglich der Hauskater eines Tante-Emma-Ladens, der sich bei der Mäusejagd verlaufen hat. Indem Oliver ihn zu seiner Besitzerin zurückbringt, gibt er auch dem König seine Souveränität zurück. Als Grenzgänger und Vermittler zwischen den Welten ähnelt Oliver dem Mädchen aus Chihiros Reise ins Zauberland, dem wohl berühmtesten Ghibli-Film, der sich seinerseits beim japanischen Geisterglauben und bei Lewis Carroll bedient.

Drollige, aber aggressive Gegner

Szene aus "Ni No Kuni". © Screenshot ZEIT ONLINE

Figuren und Handlung machen Ni No Kuni von der ersten Sekunde an zu einem spannenden Abenteuer. Eine besonders wichtige Rolle kommt dabei dem Kobold Tröpfchen zu, der sich als Rat- und Mutgeber in allen Lagen erweist. Zugleich ist Ni No Kuni aber auch ein vielschichtiges Rollenspiel mit taktisch höchst anspruchsvollen Kämpfen. Wenn Oliver und Tröpfchen übers Land wandern, steigt die Verfolgerkamera auf Wolkenhöhe. Erst diese Draufsicht macht deutlich, wie dicht die Fabelwelt mit Monstern gespickt ist. In Ni No Kuni gibt es mehr als 300 verschiedene Monster: Sie sehen zwar drollig aus und tragen Namen wie "Hatzspatz" oder "Määhdrescher", sind aber bisweilen äußerst aggressiv und wehrhaft. Im Magischen Begleiter, Olivers Almanach, sind sämtliche Arten fein säuberlich beschrieben, ebenso wie die Waffen und Zaubersprüche, die sich besonders gut zu ihrer Bekämpfung eignen.

Zu Beginn des Spiels ist der Almanach noch unvollständig. Oliver findet aber unterwegs immer wieder Buchseiten, die ihn ergänzen. Mit jeder Heldenstufe, die er aufsteigt, erweitert Oliver sein Kontingent an Gesundheit und Magie. Beides ist auch dringend notwendig, um die zunehmend fordernden Kämpfe zu bestehen. Das Kampfsystem von Ni No Kuni mischt Echtzeitgefecht mit Rundentaktik: Aus einem Kontextmenü wählt der Spieler eine Angriffs- oder Abwehrvariante, muss dabei aber auf das richtige Timing achten, um nicht schutzlos in eine gegnerische Attacke zu laufen. Blockt man mehrere Angriffe erfolgreich ab, lässt das Monster Energiebälle fallen, die es dann rechtzeitig aufzusammeln gilt. Besonders in den Bosskämpfen sind diese Bonuspunkte überlebenswichtig, der Spieler sollte also ständig in Bewegung bleiben.

Bisweilen unübersichtliche Kämpfe

Taktisch komplex wird das Ganze allerdings erst dadurch, dass Oliver nicht alleine kämpft. Gleich zu Beginn des Abenteuers bekommt er einen "Vertrauten" zur Seite gestellt: eine Kreatur, die fortan in allen Gefechten abrufbar ist. Wie der Held selbst verbessert der Vertraute kontinuierlich seine Eigenschaften und Spezialangriffe, erhält neue Waffen und Rüstungen.

Später kann Oliver nahezu jedes Fabelwesen zähmen und trainieren, bis zu drei von ihnen darf er gleichzeitig im Kampf einsetzen. Mit der richtigen Mischung aus flinken, robusten und magiekundigen Helfern besteht Oliver selbst schwierigste Schlachten – immer vorausgesetzt, der Spieler aktiviert die Vertrauten zum richtigen Zeitpunkt per Tastendruck. Als wäre das nicht genug, gesellen sich im Spielverlauf auch noch zwei menschliche Verbündete hinzu. Das hat zur Folge, dass die Kämpfe bisweilen recht unübersichtlich werden.

Der Reiz der Zauberwelt entfaltet sich erst dadurch richtig, dass er in Motorville ein Alltagspendant hat. Die große Stärke von Ni No Kuni ist denn auch, dass es auf zwei Ebenen funktioniert: Als Rollenspiel mit enormer Tiefe und als anrührende Geschichte um Liebe, Freundschaft und Solidarität.