"The Cave"Eine Höhle voller Antihelden

Ron Gilbert, Miterfinder der Klassiker "Maniac Mansion" und "Monkey Island", will das Genre der Adventure-Games auffrischen. Mit "The Cave" gelingt ihm das nur teilweise. von 

The Cave

In "The Cave" muss der Spieler ein weitläufiges Höhlensystem erforschen.   |  © Double Fine Productions

Wie kann ein Spiel so gestaltet werden, dass es auch im zweiten oder dritten Durchgang noch Spaß macht? Für Games-Entwickler ist das eine entscheidende Frage. Ein Spiel mit hoher "Replayability" baut leichter eine treue Fan-Gemeinde auf und verkauft sich wahrscheinlich auch besser. Designer können dies auf ganz unterschiedliche Weise erreichen: indem sie Handlungsfreiheit schaffen wie in Fallout, verschiedene Schwierigkeitsgrade anbieten wie in Civilization oder die Spielumgebung per Zufall generieren wie in Diablo III.

Bei klassischen Adventures hat das bislang eher nicht geklappt. In einem Titel wie Black Mirror mag die Reihenfolge der Rätsel variabel sein, die Lösungen sind aber meist vorgegeben, die Haupthandlung streng linear. Hat man das Spiel absolviert, lohnt es sich deshalb kaum, noch einmal von vorne anzufangen. Ron Gilbert will genau das ändern. In seinem Abenteuer The Cave stehen sieben verschiedene Charaktere zur Auswahl. Der Spieler stellt sich ein Team aus drei Helden zusammen, um ein weitläufiges Höhlensystem zu erforschen. Ob nun Ritter, Forscherin oder Hillbilly, ob Zeitreisende, Mönch, Abenteurerin oder die Doppelfigur der Zwillinge: Die Kombination der Figuren entscheidet darüber, welche Höhlenabschnitte man zu sehen bekommt – und welche schwarzhumorigen Abenteuer man erlebt. Das Spiel gibt es bei Steam für Windows, Mac und Linux sowie für die PS3, die Xbox 360 und die Wii U.

Anzeige

Ron Gilbert ist für Adventure-Fans kein Unbekannter. Seinen Durchbruch feierte der Games-Designer 1985 mit Maniac Mansion: Aliens, eine Entführung und ein verrückter Wissenschaftler waren die Zutaten für ein Point-and-Click-Adventure, das heute zu den Klassikern des Genres zählt. Auch an der Fortsetzung Day of the Tentacle (1993) für LucasArts war Gilbert maßgeblich beteiligt. Seine bekanntesten Werke sind jedoch die Teile eins und zwei der Monkey-Island-Saga um den Piraten-Luftikus Guybrush Threepwood. Danach folgten Ausflüge ins Strategie- und Rollenspiel-Genre, mit mäßigem Erfolg.

Nun also kehrt Gilbert zu den Adventures zurück, die mittlerweile ein Dasein abseits der verkaufsstarken Action-Titel fristen. Genau deshalb hält er eine Auffrischung des Genres für notwendig: "Gaming ist etwas für den Massenmarkt geworden. Es gibt zwar noch eine Nische für superschwere Sachen. Immer mehr Leute sehen Games aber als wunderbare Erfahrung, vergleichbar mit einem Film – sie wollen nicht unbedingt ständig scheitern. Ich bin folglich beim Design etwas nachgiebiger."

Die Orientierung am Massenmarkt ist in The Cave auf vielen Ebenen spürbar. Rein äußerlich kommt das Spiel als zweidimensionales Jump'n'Run daher. Auf ihrem Weg durch die Tiefen der Höhle springen die Helden von Plattform zu Plattform, klettern über Holztreppen oder hangeln sich an Seilen empor. Geschicklichkeit und Reaktionsvermögen sind allerdings nur Nebensache: Wer abstürzt oder einen anderen der zahlreichen Tode erleidet, wird in unmittelbarer Nähe des Unglücksorts wiederbelebt. Schnelligkeit und Reaktionsvermögen sind nur in den wenigsten Fällen gefragt. Meist hat der Spieler alle Zeit der Welt, um die Rätsel zu lösen.

Per Knopfdruck schaltet er zwischen drei Figuren hin und her, die über ganz unterschiedliche Fähigkeiten verfügen. Der Ritter beispielsweise kann sich durch einen magischen Panzer vor Angriffen schützen. Das hilft gegen feuerspeiende Drachen ebenso wie gegen Laserstrahlen. Die Forscherin hackt Automaten aller Art, um Türen zu öffnen oder Fallen zu deaktivieren. Die Zeitreisende kann Dinge in der Vergangenheit verändern, um die Gegenwart zu beeinflussen. Die meisten Rätsel erfordern die Zusammenarbeit von zwei oder drei Charakteren, etwa dann, wenn mehrere Hebel an verschiedenen Orten umgelegt werden müssen.

Die Rätsel haben nur noch wenig mit denen der LucasArts-Spiele gemein. Damals konnten Spieler alle möglichen Fundsachen – vom Hamster bis zum Staubsauger – mitnehmen und kombinieren. Ron Gilbert hat das Inventar jedoch aus The Cave verbannt, die Figuren können nur noch maximal einen Gegenstand mit sich führen. "Man hat nicht mehr die Möglichkeit, Leute mit Müll vollzuladen und das ein Rätsel zu nennen. Das ist einfach nur langweilig", begründet Gilbert seine Entscheidung.

In The Cave bleiben die Figuren das ganze Abenteuer über stumm. Der eigentliche Hauptdarsteller ist die Höhle selbst. Mit süffisanter Stimme kommentiert sie Erfolge und Missgeschicke, klopft pseudophilosophische Sprüche und gibt hin und wieder auch mal einen durchaus brauchbaren Tipp.

Was die Helden überhaupt in der Höhle vorhaben, wird zu Beginn angedeutet: Sie alle jagen ureigenen Sehnsüchten nach. Bald allerdings stellt sich heraus, dass dieses Verlangen keineswegs unschuldig ist. Die Protagonisten schrecken vor keiner Schandtat zurück, um ihre Ziele zu erreichen. Der barfüßige, strohhutbewehrte Hillbilly beispielsweise wünscht sich nichts sehnlicher als einen Besuch auf dem Jahrmarkt – auch wenn er ihn dafür komplett niederbrennen muss. Wie die Antihelden wurden, was sie sind, erfährt der Spieler aus eingestreuten Wandgemälden. Alles in allem bleiben die Figuren aber einen Tick zu blass.

The Cave ist so konstruiert, dass spezialisierte Areale wie ein Jahrmarkt, eine Burg oder ein Raketensilo nur von den jeweiligen Figuren geöffnet werden können. Um alle Areale freischalten zu können, muss man das Spiel mindestens in drei Kombinationen erlebt haben. Was nach einem wohlkalkulierten Wiederspielwert klingt, entpuppt sich als wenig überzeugender Kompromiss: In jeder Kombination muss man neutrale Höhlenabschnitte meistern, die spätestens ab dem zweiten Durchgang nur noch langweilen. Erschwerend kommen die enormen Lauf- und Kletterwege hinzu, die Gilbert den Spielern aufbürdet: Die an sich geschmeidigen Jump'n'Run-Passagen verkommen so auf die Dauer zur lästigen Routine. The Cave ist ein atmosphärisches Abenteuer mit unterhaltsamen Rätseln – bei der "Replayability" schießt es jedoch über das selbstgesteckte Ziel hinaus.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • Jaklim
    • 24. Januar 2013 17:25 Uhr

    Gilbert's Versuch kommt leider ein paar Monate zu spät. Das Konzept zur Neuausrichtung von Adventures wurde bereits mit The Walking Dead von Telltale Games vorgelegt.

    Ein guter Plot, glaubwürdige Charaktere und die Form ein solches Adventure episodenweise erzählt zu bekommen erscheinen mir da erfolgsversprechender als die "Replayability".

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Gaspode
    • 24. Januar 2013 22:08 Uhr

    Ich kann mich Jakim anschließen: Wie man Adventures eindrucksvoll in die Moderne holt, hat "The Walking Dead" wirklich meisterlich gezeigt. Auch Ron Gilbert versucht wegzukommen von "Benutze-A-mit-B"-Verbkonstruktionen, nichtsdestotrotz finde ich, dass das Konzept nicht ganz aufgegangen ist. Es ist ein netter Puzzle-Plattformer, wer aber die Monkey-Island-Spiele kennt, kommt nicht allzu sehr ins mentale Schwitzen. Adventures klassischer Machart liefert souverän Daedalic ab und für zwischendurch greife ich gern zu "The Cave" – doch von Ron Gilbert hätte ich noch etwas mehr erwarte.

    • Gaspode
    • 24. Januar 2013 22:08 Uhr

    Ich kann mich Jakim anschließen: Wie man Adventures eindrucksvoll in die Moderne holt, hat "The Walking Dead" wirklich meisterlich gezeigt. Auch Ron Gilbert versucht wegzukommen von "Benutze-A-mit-B"-Verbkonstruktionen, nichtsdestotrotz finde ich, dass das Konzept nicht ganz aufgegangen ist. Es ist ein netter Puzzle-Plattformer, wer aber die Monkey-Island-Spiele kennt, kommt nicht allzu sehr ins mentale Schwitzen. Adventures klassischer Machart liefert souverän Daedalic ab und für zwischendurch greife ich gern zu "The Cave" – doch von Ron Gilbert hätte ich noch etwas mehr erwarte.

    Antwort auf "Zu spät"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    »Adventures klassischer Machart liefert souverän Daedalic ab und für zwischendurch greife ich gern zu "The Cave" – doch von Ron Gilbert hätte ich noch etwas mehr erwarte.«

    Ich finde gerade die Sachen von Daedalic sollte man hervorheben. Durch die humorvolle und sehr kreative Darstellung eignen sich diese Spiele sehr gut um sie auch in einer Gruppe von 2-3 Leuten zu spielen.
    Genau das waren Adventures für mich auch schon immer (und sind es auch heute noch), Computerspiele, die man nicht zwingend alleine spielt sondern mit Freunden zusammen daran rätselt und Spaß hat.

  1. »Adventures klassischer Machart liefert souverän Daedalic ab und für zwischendurch greife ich gern zu "The Cave" – doch von Ron Gilbert hätte ich noch etwas mehr erwarte.«

    Ich finde gerade die Sachen von Daedalic sollte man hervorheben. Durch die humorvolle und sehr kreative Darstellung eignen sich diese Spiele sehr gut um sie auch in einer Gruppe von 2-3 Leuten zu spielen.
    Genau das waren Adventures für mich auch schon immer (und sind es auch heute noch), Computerspiele, die man nicht zwingend alleine spielt sondern mit Freunden zusammen daran rätselt und Spaß hat.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf mehreren Seiten lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Abenteuer | Island | Linux | Rätsel | Xbox
Service