"Persona 4 Golden"Die Monster des C. G. Jung

Gelungene Kombination aus Rollenspiel und der Persönlichkeitstheorie von C. G. Jung: "Persona 4: Golden" gehört zum Besten, was es für die PlayStation Vita gibt. von 

Persona 4: Golden

"Persona 4: Golden" erscheint exklusiv für die PlayStation Vita.  |  © Atlus

So ein Spiel hat die Playstation Vita gebraucht: Persona 4: Golden ist eine Mischung aus JRPG, Lebenssimulation, Horror- und Detektivgeschichte und war ursprünglich gar nicht für die Vita konzipiert – Persona 4 erschien bereits 2008, damals noch für die Playstation 2. Doch als erweiterte Neufassung wertet das Spiel die Mobilkonsole von Sony nun auf.

Seit ihrem Start vor einem Jahr ist die Vita hinter den Verkaufserwartungen zurückgeblieben. Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit bis heute rund vier Millionen Exemplare abgesetzt wurden – zu wenig, um von einem Durchbruch sprechen zu können. Das Grundproblem der Vita ist: Es gibt kaum System Seller, also hochwertige Exklusivspiele, die den Kauf der Konsole rechtfertigen würden. Stattdessen greifen die Menschen lieber zum Smartphone, wenn sie unterwegs spielen möchten. Das Games-Lineup zum Vita-Start war zwar ansehnlich, doch mittlerweile haben die Publisher ihr Engagement deutlich zurückgefahren – sie sind mit den Absatzzahlen der Spiele unzufrieden. Ein Teufelskreis also, der nur schwer zu durchbrechen ist.

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Abschreiben sollte man die PS Vita allerdings noch nicht. Erstens dürfte die Konsole – trotz offiziellen Dementis – noch in diesem Jahr eine Preissenkung erfahren. Zweitens will Hersteller Sony die PS Vita per Remote Play eng an die Playstation 4 anbinden, die wohl zum Weihnachtsgeschäft erscheint. Und drittens taucht manchmal eben doch ein Spiel auf, das ausgezeichnet zu dieser Plattform passt. Eben eines wie Persona 4: Golden. Das Spiel kostet 39,99 Euro, gegenüber der PS2-Version bietet es zusätzliche Charaktere, Onlinefunktionen und eine bessere Grafik. Wer allerdings ein Grafik-Feuerwerk und Vita-typische Touchscreen-Funktionen erwartet, liegt falsch. Persona 4: Golden überzeugt allein durch das, was es schon auf der PS2 ausgezeichnet hat: eine spannende Geschichte, tiefgründige Charaktere und komplexe Kämpfe.

Ort der Handlung ist die japanische Kleinstadt Inaba. Ein Highschool-Schüler zieht aus der Großstadt hierher. Während seine Eltern für ein Jahr im Ausland arbeiten, soll er bei seinem Onkel – einem Kommissar – und dessen kleiner Tochter wohnen. Kaum ist er angekommen, da gibt es auch schon zwei rätselhafte Todesfälle: Erst wird die Leiche einer TV-Moderatorin gefunden, die kopfüber an einem Antennenmast hängt; wenig später ereilt eine Schülerin das gleiche Schicksal. In beiden Fällen liegt ein dichter Nebel über Inaba, zuvor hat es tagelang geregnet.

Auch sonst geschehen in der Kleinstadt seltsame Dinge. In der Highschool kursiert das Gerücht um den "Midnight Channel", der sich auftut, wenn man in regnerischen Nächten auf den Bildschirm eines ausgeschalteten Fernsehers blickt. Der Protagonist probiert es aus und wird dabei von einer unsichtbaren Macht fast in den Fernseher hineingesogen. Daraufhin beschließt er, die geheimnisvolle Welt hinter dem Bildschirm zu erkunden. Er ahnt, dass sie mit den Todesfällen zusammenhängt. Weil die Polizei ihm das niemals glauben würde, bildet der Austauschschüler ein eigenes Ermittlerteam: Zwei Mitschüler, die burschikose Chie und der leicht tollpatschige Yosuke, stoßen als erste hinzu.

Bei einer gemeinsamen Exkursion in den "Midnight Channel" machen die Teenager eine wichtige Entdeckung. Die TV-Welt wird von Monstern bevölkert, den Schatten. Sie stehen für die dunklen Bereiche der menschlichen Psyche, für die verdrängten Teile der eigenen Persönlichkeit. Wer nicht bereit ist, diese inneren Dämonen zu akzeptieren, der wird von ihnen unweigerlich attackiert. Genau dies widerfuhr auch den Mordopfern von Inaba. Das Heldentrio will nun herausfinden, wer die Unglücklichen in die TV-Welt geworfen hat, und möglichst verhindern, dass noch weitere Stadtbewohner den Anschlägen zum Opfer fallen. Die Helden selbst akzeptieren ihre Schattenseiten und werden dafür mit der eigenen Persona belohnt: einer Figur, die ihnen im Kampf gegen weitere Monster beisteht.

Schatten, Persona: Beide Begriffe stammen geradewegs aus der Persönlichkeitstheorie des Schweizer Psychologen und Psychiaters Carl Gustav Jung (1875-1961). Für Jung war die Persona (lat. Maske) der repräsentative, nach außen gerichtete Aspekt des Ich-Bewusstseins. Diese "äußere Persönlichkeit" dient der Anpassung und macht das Verhalten sozialverträglich. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Schatten sah Jung als unabdingbar für die Ganzwerdung der eigenen Persönlichkeit. Gewiss, man kann Persona 4: Golden spielen und genießen, ohne sich mit den Jungschen Archetypen beschäftigt zu haben. Im weiteren Verlauf von Spiel und Anime ergeben sich jedoch immer neue interessante Parallelen, die auf Seiten wie Blistered Thumbs ausführlich analysiert werden.

Die Nähe zu seinen Charakteren macht das Spiel so besonders. Das Leben in der japanischen Kleinstadt dient nicht einfach nur als Hintergrundrauschen für immer spektakulärere Kämpfe, im Gegenteil: Die Sorgen und Nöte der Teenager stehen im Mittelpunkt der Handlung. Ihr Alltag verläuft trotz der laufenden Mordserie in weitgehend festen Bahnen. Vormittags geht es in die Schule, wo Prüfungen, nervende Lehrer und Schulhofgerüchte warten; nachmittags nehmen die Teilzeithelden an Theater-AGs und Basketballspielen teil oder verdienen sich ihr Taschengeld mit kleinen Jobs. Die Stadt Inaba ist in verschiedene Bereiche aufgeteilt, die sich per Auswahlmenü ansteuern lassen. Zu den Hauptschauplätzen gehören das Haus von Kommissar Dojima, die Schule, der Einkaufsbezirk mit vielen kleinen Läden sowie eine gigantische Shoppingmall, in der sich die Jugendlichen gerne treffen. Für die Ausflüge in die Parallelwelt bleiben nur manche Nachmittage, die Abende und die Wochenenden. Immer wenn ein Bewohner von Inaba verschwindet, ist Eile geboten und ein Blick auf die Wettervorhersage Pflicht: Die Rettung aus der TV-Welt kann nur gelingen, so lange der strömende Regen noch nicht in Nebel übergegangen ist.

Das Spiel wird dadurch lang – und mit der Zeit immer besser. Im Verlauf der gut achtzigstündigen Handlung schließt der Spieler viele neue Bekanntschaften, die sogenannten Social Links. Je mehr Zeit er mit diesen Charakteren verbringt, desto besser lernt er ihre Geschichte und ihre Beweggründe kennen. Durch wechselseitige Anteilnahme verfestigt sich das soziale Band. Davon profitieren nicht nur die Helden, sondern auch die battle skills ihrer Personae. Was nach Beziehungsoptimierung und schierem Opportunismus klingt, ist tatsächlich eine faszinierende Aufgabe: Die Charaktere sind so vielschichtig gestaltet, dass man gerne mehr über sie erfahren möchte. In Persona 4: Golden gibt es eine Fülle spannender Figuren – vom Popsternchen Rise Kujikawa, das in der Fremdwahrnehmung gefangen ist, bis hin zum sexuell ambivalenten Outlaw Kanji Tatsumi. Die gut geschriebenen Dialoge tun ihr Übriges, den Figuren Leben einzuhauchen. Persona 4:Golden ist also eine Lebenssimulation, die diesen Namen auch verdient.

Taktisch anspruchsvolles JPRG und spannende Sozialsimulation

In den Dungeons der TV-Welt ist es dann wieder ein klassisches JRPG. Die Kämpfe gegen die Monster sind taktisch und rundenbasiert: Der Spieler attackiert oder pariert, wechselt die Persona oder nutzt den Zug, um die Schwächen des Gegners zu analysieren. Komplex wird es, weil alle Helden und meist auch mehrere Monster an den Schlachten teilnehmen. Gewinnen die Helden, ist "Shuffle Time" angesagt: Aus einem Stoß Tarot-Karten erhält der Protagonist entweder eine zusätzliche Persona oder eine Karte mit Skill-Punkten. Später darf er im mysteriösen "Velvet Room" auch mehrere Personae zu einer noch mächtigeren Kampffigur verschmelzen. Vor allem in den Dungeons offenbaren sich die Neuerungen der Golden-Version: Über eingeblendete Sprechblasen erfährt man, was andere Spieler an besonders kniffligen Stellen getan haben; außerdem kann man in Notsituationen andere Onlinespieler zuhilfe rufen – das Rollenspiel Dark Souls lässt grüßen.

Mit seiner Verknüpfung von Alltags- und Schattenwelt gelingt Persona 4: Golden etwas ganz Besonderes: Es funktioniert sowohl als taktisch anspruchsvolles JPRG wie auch als hochspannende Sozialsimulation. Die ersten zwei bis drei Stunden mögen etwas langatmig und linear daherkommen, doch dann entfaltet es seine ganze Palette an Möglichkeiten, stellt den Spieler immer wieder vor wichtige Entscheidungen. Ein spannenderes Spiel als Persona 4: Golden gibt es für die PlayStation Vita derzeit nicht.

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Leserkommentare
  1. "Die Persona (lat. Maske) ist der repräsentative, nach aussen gerichtete Aspekt des Ich-Bewusstseins und entspricht der äusseren Persönlichkeit. Sie dient der Anpassung an die Aussenwelt im Sinne eines normgebundenen, sozialverträglichen Verhaltens." - http://de.wikipedia.org/w...

    Das hätte man aber auch zumindest umschreiben können und nicht direkt in seinen Artikel reinkopieren müssen, oder?

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  • Schlagworte Spielkonsolen | Rollenspiele | Konsolenspiele | Sony | Japan
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