Indie-GamesSpiele, die keinen Spaß machen sollen

"Cart Life", ein Spiel über den Existenzkampf von Niedriglöhnern, gewinnt den Hauptpreis beim Independent Games Festival. Auch andere Beiträge üben Gesellschaftskritik. von 

Cart Life

Szene aus Cart Life  |  © Richard Hofmeier


Die Protagonisten von Cart Life sind alles andere als typische Videospielhelden. Andrus ist aus der Ukraine in die USA gekommen, um ein neues Leben zu beginnen, die Miete für sein schäbiges Hotelzimmer verdient er als Zeitungsverkäufer am Straßenrand. Melanie hat gerade eine Scheidung hinter sich und ihren Bürojob verloren. Sie kämpft um das Sorgerecht für ihre Tochter und jobbt an einem Kaffeestand. Und auch der alleinstehende Vinny hat es nicht leicht: Sein Job als Bagel-Bäcker wirft kaum genug Geld ab, um die hohe Wohnungsmiete zu finanzieren.

Cart Life schildert den täglichen Existenzkampf der drei Hauptdarsteller als Kreislauf eilig ausgeführter, monotoner Aufgaben, gespickt mit bürokratischen Hindernissen. Der melancholische "Einzelhandelssimulator" des US-Amerikaners Richard Hofmeier gewann in der Nacht zum Donnerstag den Hauptpreis beim Independent Games Festival in San Francisco.

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Das IGF findet jedes Jahr im Rahmen der Game Developers Conference statt. Als Treffpunkt unabhängiger Spieleentwickler ist es so etwas wie das Sundance-Festival der Games-Branche. Im IGF-Pavillon des Moscone Center können Messebesucher alle Spiele ausprobieren, die es ins Finale der Preisverleihung geschafft haben. Die insgesamt neun Awards werden dann in Kategorien wie "Excellence in Visual Art" oder "Technical Excellence" vergeben.

Dass Cart Life den Hauptpreis abräumte, darf durchaus als Überraschung gelten. Im Vorfeld galt das Spiel als Außenseiter. Gerechtfertigt ist die Entscheidung der Jury allemal, denn Cart Life entwickelt mit seinem nüchternen Protokoll prekärer Arbeitsverhältnisse eine tiefgehende Wirkung. In Melanies Rolle bereiten Spieler verschiedene Kaffeesorten per Quicktime-Event zu; ein falscher Handgriff, und sie muss wieder von vorne beginnen. Andrus entpackt Zeitungsstapel, setzt Preise fest, gibt immer möglichst schnell Wechselgeld, damit die Kunden nicht die Geduld verlieren – und bekommt dann doch eine saftige Geldstrafe aufgebrummt, weil er noch keine Verkaufslizenz besitzt.

Gerichtsanhörungen, Mietzahlungen und Knebelverträge lassen den Figuren kaum Zeit zum Atmen. Für die tägliche Tretmühle dopen sie sich mit Nikotin und Koffein. Freizeit ist für sie ein Fremdwort. Dass Cart Life in all seiner Hetzerei Spaß macht, lässt sich nicht behaupten. Allerdings gerät man in eine Art Flow, wenn man die Aufgaben automatengleich (und ohne viel nachzudenken) ausführt. Der Grind des Alltags schafft durchaus Erfolgserlebnisse. Am Ende bleibt dennoch ein bitterer Beigeschmack.

Cart Life ist eines der wenigen Spiele im IGF-Finale, das seine Gesellschaftskritik offen vor sich herträgt. Ein anderes ist das Browsergame dys4ia von Anna Anthropy: Darin schildert die Transgender-Gamedesignerin und Bloggerin, die sich auch "Auntie Pixelante" nennt, ihre Erfahrungen, die sie während einer klinischen Hormonersatztherapie gemacht hat. Anthropy erzählt von Vorurteilen und lästigen Fragen, die ihr entgegenschlugen, aber sie tut das mit einem Pong-Klon, der abgefeuerte Sprechblasen reflektiert. Auch die anderen Episoden ihres Erfahrungsberichts ähneln wohlbekannten Spielkonzepten: Der ungewohnte Besuch auf der Damentoilette wird zum labyrinthischen Hindernislauf, das Pillenschlucken gegen Bluthochdruck zum Auffangspiel, das Zurechtfinden im eigenen Körper zur Tetris-Aufgabe. Gerade die banale Buntheit dieser Minispiele ist es, die den Schmerz der Therapie erahnen lässt.

Anna Anthropy ist nicht zum ersten Mal beim Independent Games Festival dabei: Im vergangenen Jahr protestierte sie gemeinsam mit anderen Gamedesignern gegen die Politik der IGF-Jury. Anlass war die erneute Nominierung des Spiels Fez, das schon 2008 einen Preis gewonnen hatte. Anthropy kritisierte, bei der Preisvergabe würden nur Spiele prominenter Indie-Designer berücksichtigt, die Werke unbekannter Spielemacher hingegen vernachlässigt. Kommerziell erfolgreiche Indie-Studios seien ohnehin nicht mehr so stark auf die Preisgelder angewiesen, die zwischen 3.000 und 30.000 US-Dollar betragen.

Anthropy mag im letzten Punkt recht haben. Gleichwohl sollten die IGF Awards weiterhin als Bühne für die besten Indie-Games dienen – und deren Erfolg bemisst sich eben auch am Publikumszuspruch. Sowohl die IGF-Gewinner Fez (2012) als auch Minecraft (2011) wurden kommerzielle Erfolge, weil sie originelle Ideen konsequent umsetzten.

Leserkommentare
  1. wichtig, um vielleicht die kommenden Generationen aufwachen zu lassen, wie bekloppt unsere Gesellschaft eigentlich ist.

    Statt innovativ nach vorn zu gehen und der Gesellschaft zu helfen, wird immer nur monoton auf Geldscheffeln,wachstum,funktionieren hingearbeitet.

    3 Leserempfehlungen
  2. bei Spielen wie "Cart Life" frage ich mich jedoch, welchen praktischen Zweck das haben soll. Ohne Unterhaltungsfaktor werden nur wenige dieses Spiel anfassen - und diejenigen, die es tun, werden sich des Problemfeldes wohl sowieso bewußt machen.

    Abgesehen davon: das beste Spiel, um Menschen die Ungerechtigkeit unserer Reichtumsverteilung klarzumachen, ist und bleibt Monopoly...

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • chri.s
    • 30. März 2013 21:21 Uhr

    wird für den armen arbeiter am anfang ein fingerschnipsen nur mit einem verächtlichen blick belohnt wird dieses fingerschnipsen (als metapher, natürlich), wenn man es schafft sich über eine gewisse zeit (oder mehrere generationen) hoch zu arbeiten mit immer höheren geldsummen belohnt. das verlangt natürlich eifer und entsprechende konsequenz.

    dies zeichnet die geschichte, gerade der letzten 500 jahre, auch sehr gut nach. Monopoly spricht darin Bände, bringt ein einfaches Haus am Anfang gerade so viel, dass man seine Ausrutscher im Würfeln wieder wett machen kann bringt das letzte der 4 Häuser an der richtigen Stelle so viel, dass ein Kontrahent direkt aus dem Spiel gefegt werden kann. Trotzdem ist der Kapitalismus das einzige Wirtschaftssystem, das mit dem Menschen funktioniert - weil es wie der Mensch funktioniert. Ist schade, nur leider genau so, der Mensch ist Natur, und die Natur hat eben diese Regeln. Nicht aufgestellt, aber sie praktiziert sie. Dieses Spiel um "den sozialsten" kann man in der westlichen Hemisphäre auch nur so lange leben, wie die unsozialen soviel Überschuss produzieren, dass die sog. sozialen (oft genug auch aus verstecktem Eigennutz, in wie fern auch immer) auch zu einer gewissen Stärke kommen.

    Beispiel aus der Geschichte: Athen wäre nie zur Metropolis geworden, hätte Sparta nicht über die Menschlichkeit gegenüber dem Menschlich unmenschlichen gewacht.

    LG und schöne Ostern

    • chri.s
    • 30. März 2013 21:21 Uhr

    wird für den armen arbeiter am anfang ein fingerschnipsen nur mit einem verächtlichen blick belohnt wird dieses fingerschnipsen (als metapher, natürlich), wenn man es schafft sich über eine gewisse zeit (oder mehrere generationen) hoch zu arbeiten mit immer höheren geldsummen belohnt. das verlangt natürlich eifer und entsprechende konsequenz.

    dies zeichnet die geschichte, gerade der letzten 500 jahre, auch sehr gut nach. Monopoly spricht darin Bände, bringt ein einfaches Haus am Anfang gerade so viel, dass man seine Ausrutscher im Würfeln wieder wett machen kann bringt das letzte der 4 Häuser an der richtigen Stelle so viel, dass ein Kontrahent direkt aus dem Spiel gefegt werden kann. Trotzdem ist der Kapitalismus das einzige Wirtschaftssystem, das mit dem Menschen funktioniert - weil es wie der Mensch funktioniert. Ist schade, nur leider genau so, der Mensch ist Natur, und die Natur hat eben diese Regeln. Nicht aufgestellt, aber sie praktiziert sie. Dieses Spiel um "den sozialsten" kann man in der westlichen Hemisphäre auch nur so lange leben, wie die unsozialen soviel Überschuss produzieren, dass die sog. sozialen (oft genug auch aus verstecktem Eigennutz, in wie fern auch immer) auch zu einer gewissen Stärke kommen.

    Beispiel aus der Geschichte: Athen wäre nie zur Metropolis geworden, hätte Sparta nicht über die Menschlichkeit gegenüber dem Menschlich unmenschlichen gewacht.

    LG und schöne Ostern

    • gube
    • 22. September 2013 23:56 Uhr

    sehr realitätsnah, wofür es einen daumen gibt, aber echt anstrengend und langweilig nach kurzer zeit ....

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Award | David Lynch | Independent | Minecraft | USA | Ukraine
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