Blick auf die Ingress-App mit einem Portal © Niantic Labs

Als Agent des Widerstands habe ich es nicht leicht bei diesem Winterwetter. Mit meinem Smartphone bewaffnet laufe ich durch die verschneiten Berliner Straßen. Plötzlich piepst es aus der Jackentasche, eine Computerstimme meldet sich – ein Portal ist ganz in der Nähe! Ich nähere mich verstohlen dem Signal, zücke rasch mein Handy und hacke das Portal der gegnerischen Fraktion – erfolgreich! Den Portalschlüssel und einige Erfahrungspunkte nehme ich als Ausbeute gerne mit. Mehr ist für den Augenblick nicht drin, denn als Neuling muss ich mir zunächst ein persönliches Arsenal aufbauen. Das heißt vor allem: Hacken, hacken, hacken, bevor ich Portale auch zerstören und anschließend einnehmen kann.

Portale, Schlüssel, Resonatoren, exotische Materie und XMP-Burster sind die Währung im mobilen Spiel Ingress, einer Mischung aus Geocaching – einer Art digitaler Schnitzeljagd – , Augmented Reality und Echtzeit-Strategie. Entwickelt wurde das Spiel von Niantic Labs, einem Google-Projekt. Seit dem offiziellen Start im November erfreut es sich immer größerer Beliebtheit. Und das, obwohl Ingress noch in der geschlossenen Beta-Phase steckt, und neue Spieler nur per Einladung mitmachen dürfen. Zudem funktioniert die Spiel-App nur auf Android-Geräten.

Frösche gegen Schlümpfe

Bei Ingress stehen sich zwei Fraktionen gegenüber, die Erleuchteten und der Widerstand, unter Spielern aufgrund ihrer Farben aber meist bloß "die Frösche und die Schlümpfe" genannt. Sind Fraktion und Nutzername erst einmal gewählt, geht es raus in die Welt, exotische Materie (XM) sammeln. Die gibt es vor allem in der Nähe der virtuellen Portale. Sie befinden sich meist an besonderen Plätzen, Monumenten, Kunstwerken oder Lokalitäten. Ziel des Spiels ist es, möglichst viele Portale einzunehmen und diese anschließend zu Feldern zu verlinken. Je größer das Gebiet innerhalb der verlinkten Portale ist, desto mehr sogenannte Mind Units bekommt die jeweilige Fraktion zugesprochen. Dieser Wert fließt weltweit zusammen und zeigt die virtuelle Vormachtstellung an.

Um die eigenen Portale zu schützen, werden sie mit Resonatoren bestückt. Bis zu acht Stück kann jedes Portal besitzen, und nur wenn alle ausreichend Energie haben, ist eine Verlinkung möglich. Mit den entsprechenden XMP-Burstern lassen sich die gegnerischen Resonatoren zerstören. Der Trick ist deshalb, die Portale mit möglichst hochwertigen Resonatoren zu schützen. Die allerdings besitzen nur Spieler, die auch ein entsprechend hohes Level haben. Denn für fast jede Aktion gibt es Erfahrungspunkte, mit denen man nach und nach aufsteigt.

Kein Spiel für Einzelgänger

Davon kann ich als Ingress-Neuling nur träumen. Nach einigen Stunden bei Minusgraden habe ich immerhin das zweite Level erreicht und dabei mein erstes Portal eingenommen, das ein gegnerischer Spieler mit nur einem mageren Level-2-Resonator gesichert hatte – Anfänger! Der technische Aufwand ist gering: Spieler können auf dem Smartphone einfach die gewünschte Aktion – vom Hacken bis zum Verstärken eines Portals – aus einem Menü auswählen.

Wieder zu Hause logge ich mich in die Intel-Map auf der Ingress-Website ein. Dort sind im Gegensatz zur App nämlich nicht nur die Portale in der Nähe, sondern alle Portale in Echtzeit aufgeführt. Ideal also, um seine nächste Runde vorab zu planen und sich mit anderen Spielern abzusprechen.

Das sollte man auch, denn Ingress ist kein Spiel für Einzelgänger. Zwar kann auch ein Sololauf seinen Reiz haben, doch wer schnell aufsteigen möchte, benötigt die Hilfe erfahrener Spieler: Sie zerstören die gegnerischen Portale, die Neulinge bauen sie anschließend auf und kassieren dafür reichlich Erfahrungspunkte. Vor allem an den sogenannten Farmen, an Orten, an denen es besonders viele Portale in kurzer Distanz zueinander gibt, treffen sich teilweise Dutzende Spieler gleichzeitig, um Punkte zu ergattern und die Gegner zu ärgern. Oder die Behörden: In Ohio wurde offenbar ein Spieler verhaftet, weil er sich in der Nähe einer Polizeistation herumtrieb. Und auch im Park von Schloss Charlottenburg wird der Wachdienst nach Angaben einiger Spieler bereits argwöhnisch.