VerkaufsverbotWenn Games und Geopolitik kollidieren

Vergessene Grenzen, umgedrehte Flaggen, religiöse Verse oder Homosexualität: Worauf Publisher achten müssen, damit ein Spiel nicht irgendwo auf der Welt verboten wird. von Peter Steinlechner

Mass Effect

Homosexualität im Spiel Mass Effect 3 – in manchen Ländern führt das zum Verkaufsverbot für ein Spiel.  |  © BioWare / Screenshot ZEIT ONLINE / YouTube

Zeberiah "Zeb" Wedell, bei Microsoft für die Vorbereitung von Spielen zum Verkauf in verschiedenen Ländern zuständig, hat nachgezählt. Auf rund 70 Games ist er gekommen, die in den vergangenen Jahren irgendwo auf der Welt verboten worden sind – "aber vermutlich sind es viel mehr", sagte er bei der Games Developer Conference in San Francisco. In den USA war der erste ihm bekannte Fall das Actionspiel Death Race von Atari, das 1976 aus den Läden genommen wurde. "Heute lacht man darüber, weil da nur ein paar Cartoonfiguren überfahren wurden, aber damals war das ein Aufreger", sagte Wedell.

Er ist mit seinem Team dafür zuständig, dass neue Spiele von Microsoft möglichst unbeschadet überall auf der Welt durch die Altersfreigabekontrollen kommen. Denn für die Entwickler sind Verkaufsverbote oft eine Katastrophe, weil sie entgangene Einnahmen bedeuten.

Anzeige

So wurde Black Ops 2 in Pakistan verboten, weil nach Auffassung der Zensurbehörden die pakistanische Armee negativ dargestellt wurde. Das erste Mass Effect hatte in Singapur und den Vereinigten Arabischen Emiraten ein Problem, weil homosexuelle Beziehungen zwischen Spielfiguren möglich waren; in Singapur wurde der Verkaufsstopp später aufgehoben. Pokémon hat in Saudi-Arabien Schwierigkeiten, weil Glücksspielelemente nicht gerne gesehen sind, und der Football Manager 2005 ist in China auf dem Index gelandet, weil Taiwan und Tibet als eigenständige Länder aufgelistet wurden.

Fünf Punkte sind es, auf die Entwickler nach Auffassung von Wedell besonders achten müssen. An erster Stelle problematischer Inhalte stehen religiöse Symbole. So wurde bei der Produktion von Perfect Dark Zero erst kurz vor Fertigstellung festgestellt, dass ein Teppich im Spiel ein für einige Muslime nicht hinnehmbares Symbol enthielt. Auch die Musik müssen seine Mitarbeiter gründlich prüfen: Im Soundtrack von Kakuto Chodin etwa wurde ein Refrain mit Versen aus dem Koran gefunden. Er wurde dann zwar noch geändert, aber eine weltweite Vermarktung war dann nach Angaben von Wedell kaum noch möglich.

Twin Towers mussten kurzfristig aus einem Spiel entfernt werden

Weitere Probleme drohen aus einer ganz anderen Ecke: So berichtete Wedell, dass bei Forza Motorsport 4 erst im letzten Moment aufgefallen ist, dass auf der Weltkarte die Grenze zwischen Nord- und Südkorea gefehlt hat. Auch bei Flaggen müssen seine Mitarbeiter aufpassen – die von Nordkorea, einem besonders sensiblen Staat, tauchte beispielsweise versehentlich mehrfach verkehrt herum in Spielen auf.


Auch Vorgänge in der echten Welt müssen die Entwickler berücksichtigen, sagte der Lokalisierungsexperte. Beispielsweise mussten seine Mitarbeiter in Project Gotham Racing kurzfristig nach den Anschlägen von 2001 die Twin Tower des World Trade Center in New York entfernen. Ein anderes Problemfeld sind Wörter, die nur in einigen Ländern ein No-Go sind. So sei das Wort "Spastic" in den USA nicht weiter anstößig, in Europa hingegen schon.

Die deutsche Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) sei für ihn ein vergleichsweise kleines Problem, sagte Wedell. "In Deutschland gibt es nur Probleme mit Gewalt, sonst eigentlich mit nichts." Allerdings sei die Freigabestelle ist nur begrenzt bereit, mit unfertigen Betaversionen zu arbeiten – andere Länder seien da flexibler.

Winzige Probleme, schwerwiegende Folgen

Dafür lauern dort teils andere unschöne Überraschungen. In Brasilien etwa trat die Freigabestelle 2012 in einen Streik, Einreichungen waren längere Zeit nicht möglich. In Südafrika wurde über Nacht das Abrechnungssystem geändert, so dass plötzlich keine Altersfreigaben bearbeitet wurden. In Südkorea müssen die Publisher auch begleitende Apps mit einreichen und freigeben lassen – was aber laut Wedell nicht funktioniert, weil die Behörde gar nicht über die entsprechenden Smartphones und Tablets verfügt.

Für Wedell gehört die gründliche Prüfung im Hinblick auf potenzielle Verkaufsverbote oder -Einschränkungen zu den wichtigsten Aufgaben der Publisher. "Einen Bug können wir nachträglich beheben, aber auch ein winziges geopolitisches Problem führt unter Umständen zu einem dauerhaften Verkaufsverbot".

Erschienen auf golem.de

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • PerPro
    • 27. März 2013 14:30 Uhr
    1. [...]

    Entfernt. Bitte kommentieren Sie den Inhalt des Artikels. Die Redaktion/mak

  1. "...So wurde bei der Produktion von Perfect Dark Zero erst kurz vor Fertigstellung festgestellt, dass ein Teppich im Spiel ein für einige Muslime nicht hinnehmbares Symbol enthielt. Auch die Musik müssen seine Mitarbeiter gründlich prüfen: Im Soundtrack von Kakuto Chodin etwa wurde ein Refrain mit Versen aus dem Koran gefunden...."

    Erinnert stark an die Geschichte vom Verkaufsverbot eines bestimmten Autoreifens in Saudi-Arabien, bei dem die Religionspolizei so etwas wie Koranverse im Profil entdeckt hat.

    Die haben vielleicht Probleme...

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    genau, und wenn man in wow vor bob steht hört maN Auch deutlich die worte "giev us your money" von den geistern ;-)))

  2. ... dass das WTC in den USA illegal ist.

  3. ...und brauchen sich vor verbotenen Bücher, Filmen und Bildern nicht länger zu schämen :-)

  4. "Worauf Publisher achten müssen, damit ein Spiel nicht irgendwo auf der Welt verboten wird."
    --------------------------------
    Man sollte eben genau NICHT auf solche Dinge achten. Es gilt die Meinungszensur zu ändern statt sich nach ihr zu richten!

    8 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • okmijn
    • 28. März 2013 18:01 Uhr

    eine naive Forderung, da es ums Geld geht. Man möchte einfach keine Märkte verlieren - also Selbstzensur bereits im Vorfeld. Das geht über die tatsächlichen Verbote natürliche weit hinaus - insbesondere was das Einhalten von Normen anbelangt.

    • MaxS2
    • 27. März 2013 15:59 Uhr

    Mir wäre es lieber, wenn Publisher nicht zu pingelig auf solche Dinge achten würden. Natürlich sollten Sachen korrekt sein (Flaggen, etc...), aber Selbstzensur religiöser oder politischer Symbole oder Texte aus politischer Korrektheit lehne ich ab.

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... aber die Buchhaltung sagt ihm etwas anderes, zumal bei großen Märkten wie China.

    Nach Golde drängt,
    Am Golde hängt
    Doch alles. Ach wir Armen.

  5. So klein sind diese Probleme dafür nicht unbedingt. Wer schon einmal versucht hat auf Steam mit deutscher IP Spiele in der normalen anstatt der kastrierten "low-violence"-version zu bekommen, wird attestieren können dass diese freiwillige Selbstzensur für (erwachsene) Verbraucher ein sehr großes Problem darstellt. Von dem kategorischen Verbot sämtlicher Spiele in denen Hakenkreuze vorkommen mal ganz zu schweigen.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wenn zum Beispiel ein Spiel nicht rauskommt, weil in dem Spiel ein Hakenkreuz auftaucht finde ich das eine Form von historischer Verleumdung, denn dieses Symbol ist nunmal der Bestandteil der traurigen Geschichte Deutschlands.

    Ich kann verstehen, dass Spiele kritisiert werden, wenn sie falsche Fakten liefern (falsche Flagge, oder das ignorieren von Staatsgrenzen), aber im Grunde gibt es zwei Möglichkeiten. Ein Spiel hat ein komplett fiktives Setting, oder aber eben ein reales und zweiteres der Fall ist, dann bin ich gegen Zensur, solange das Spiel nicht diskriminierend und volksverhetzend ist. Im Umkehrschluss ist zum Beispiel die Zensur, von z.B. Homosexualität auch eine Form von Hetze, der man entgegentreten sollte.

    Wenn ein Spiel Fehler enthält, wie z.B. eine falsche Flagge, dann ist es jedoch auch sinnlos es zu verbieten von dem Land mit der falschen Flagge, denn man sollte ja davon ausgehen, dass die Einwohner des Landes wissen, wie ihre Flagge aussieht.

    Games als Medien der Zukunft, vor allem mit politischen Inhalten sollten verantwortungsbewußt gestaltet sein, denn sie können interessante neue Perspektiven einem breiten, sehr heterogenen Publikum sichtbar machen und diese Chance sollte genutzt werden.

    Auf der anderen Seite sollten sich "Staaten" etwas locker machen, denn sonst würde ich als Gamedesigner diesen in den Games gnadenlos veräppeln und somit auf Mißstände hinweisen.

    Ich erinnere immer wieder mit größter Begeisterung auf die ersten beiden Teile der Call of Duty Reihe, bei denen das Hakenkreuz durch ein seltsames rundes Gebilde ersetzt wurde.

    Generell tuen sich viele der älteren Generation einfach noch ein bisschen schwer Spiele als eine Form von Kunst zu verstehen. Gerade bei den Amerikanern stellt man die Diskrepanz zwischen der Aufregung um Spielchen und dem Gegenüber die reißende Begeisterung für Serien wie "Game of Thrones", das auch homosexuelle Elemente enthielt. Mit der Zeit und dem "Aussterben" dieser Generation wird sich das auch geben.

  6. ... aber die Buchhaltung sagt ihm etwas anderes, zumal bei großen Märkten wie China.

    Nach Golde drängt,
    Am Golde hängt
    Doch alles. Ach wir Armen.

    3 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Microsoft | Apps | Atari | Football | Motorsport | Smartphone
Service