Reales Vorbild für die Figur Jodie aus dem Spiel "Beyond: Two Souls" ist die Schauspielerin Ellen Page. © Quantic Dream


Game-Designer David Cage ist ein scharfer Kritiker der eigenen Zunft. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit ergreift der Franzose das Wort, um die Einfallslosigkeit der Spieleindustrie anzuprangern. "Wie viele First-Person-Shooter kann man noch machen? Wie viele Monster, Aliens und Zombies kann man in Spielen noch töten?", fragte Cage auf der Gamescom 2012. "Es gibt einen Moment, an dem wir erwachsen werden müssen."

Wie das gelingen kann, darüber hegt der Schöpfer des Spiels Heavy Rain keinerlei Zweifel: "Der Heilige Gral aller Spielemacher ist, den Spieler emotional zu packen." Dafür brauche es eine Mischung aus erwachsenen Themen, glaubwürdigen Figuren, einer realitätsnahen Grafik und einer Bildsprache, die sich am Kino orientiert.

Mit seinem selbstbewusst vorgetragenen Credo hat sich Cage in der Branche nicht nur Freunde gemacht. Kritiker werfen ihm Arroganz vor und kontern seine Forderungen mit Häme. Häufig macht sich die Kritik auch an den – durchaus vorhandenen – Unzulänglichkeiten von Heavy Rain fest: Die Jagd nach einem Serienmörder bot zwar jede Menge Spannung und wechselnde Protagonisten. Klischees und eine unausgereifte Steuerung aber schmälerten den Spielgenuss. Mit seinem neuen Spiel Beyond: Two Souls – es erscheint im Herbst für die Playstation 3 – will es Cage besser machen – und beweisen, dass er mit seiner Philosophie auf dem richtigen Weg ist.

Das Spiel erzählt die Geschichte von Jodie, die mit übersinnlichen Fähigkeiten ausgestattet ist. Seit ihrer Kindheit wird Jodie von einem Geistwesen begleitet, das sie auf den Namen Aiden getauft hat. Aiden ist Jodies unsichtbarer Beschützer, der aber auch eifersüchtig und wütend werden kann und dann mit seinen gewaltigen Kräften viel Schaden anrichtet. Diese ständige Gratwanderung zwischen Kontrolle und Kontrollverlust hindert Jodie daran, ein auch nur annähernd normales Leben zu führen.

Beyond: Two Souls begleitet Jodie 15 Jahre lang, vom achten bis zum 23. Lebensjahr. In diesen Zeitraum fallen Momente des Glücks, aber auch existenzbedrohende Krisen. Spieler steuern nicht nur Jodie, sondern wechseln per Knopfdruck auch in die Rolle von Aiden und erkunden so das Geheimnis der Mensch-Geist-Symbiose. "In diesem Spiel geht es um den Tod. Darum, was mit uns passiert, wenn wir sterben", sagt David Cage. "Und je nachdem, wie man spielt, wird Jodie das herausfinden oder nicht."

Quantic Dream, das Studio von Cage, betreibt bei der Produktion einen enormen Aufwand. Per Motion Capture hat das Studio rund 23.000 verschiedene Animationen erstellt, die kontextabhängig zum Einsatz kommen: Ob Jodie eine Tür ängstlich, forsch oder nur vorsichtig öffnet, wird man an ihren Bewegungen erkennen können. Die Hauptrollen von Beyond sind prominent besetzt: Ellen Page (Juno, Inception) spielt Jodie, Willem Dafoe den Wissenschaftler und Vaterersatz Nathan Dawkins. Aussehen, Mimik und Gestik der beiden Hollywood-Schauspieler wurden für Beyond bis ins Detail nachgebildet. Die Aufnahmen dauerten mehrere Monate, allein von Jodie gibt es 40 verschiedene "Versionen".

David Cage ist überzeugt, dass Spielfiguren dank Motion Capture und leistungsfähiger Grafik ähnlich ausdrucksstark werden können wie Schauspieler in Filmen. Er selbst sieht sich gleichermaßen als Regisseur und Game-Designer. Sein langfristiges Ziel ist die Überwindung des "Uncanny Valley", das die Akzeptanz künstlicher Figuren beeinträchtigt. Kritiker werfen Cage allerdings vor, der Grafik zu viel Bedeutung beizumessen: Ein Mehr an Polygonen bedeute noch kein Mehr an Emotionen.