In "Urban Legend" kann nur gewinnen, wer seine Gesichtszüge unter Kontrolle hat und nicht aufgeregt wirkt. © Screenshot Achim Fehrenbach

Dystopische Überwachungsszenarien sind ein beliebtes Thema in Computerspielen. Man denke nur an Half-Life, Shadowrun oder Deus Ex. Solche Spiele kritisieren Kontrollwahn, indem sie totalitäre Staaten und allmächtige Konzerne zeigen. Aber eben nur zeigen.

Das Spiel Urban Legend wählt einen direkteren Weg: Es observiert nicht nur die Figur im Spiel, sondern auch gleich den Spieler vor dem Computer. Mit einer Webcam werden dessen Gesichtszüge beobachtet, wer sie im entscheidenden Moment nicht unter Kontrolle hat, der verliert. "Wir wollen damit die Vierte Wand durchbrechen und das Gefühl eines Überwachungsstaats vermitteln", sagt Thomas Schmieder, Forscher an der Hochschule Mittweida und Betreuer des Projekts.

Der Staat, den Urban Legend entwirft, erfasst das Verhalten seiner Bürger maschinell und analysiert es, um Sehnsüchte und Konflikte zu kennen – und zum Schweigen zu bringen. Die gleichgeschalteten Medien erzeugen Erinnerungen an erfüllte Bedürfnisse, um die Menschen mit diesen unterschwelligen Botschaften ruhig zu stellen. Doch das System hat Risse: Eine urbane Legende erzählt von einer "allmächtigen" Telefonnummer – wer sie anruft, erhält die Kontrolle über das eigene Leben zurück, heißt es. Dahinter steckt eine Rebellenorganisation, die von dem mysteriösen Byron gelenkt wird.

In Urban Legend treten zwei Gruppen von Spielern gegeneinander an: Auf der einen Seite die Revolutionäre, auf der anderen die Polizeimacht des Staates. Schauplatz des Konflikts ist ein Stadtviertel, dessen düster-futuristische Atmosphäre an den Film Blade Runner erinnert.

Aufgabe der Rebellen ist es, möglichst viele elektronische Plakatwände zu hacken. Die eingeblendete Staatspropaganda wird dann durch eine Ansprache von Byron ersetzt. Die Polizisten wiederum versuchen, die Hacker an ihrem Tun zu hindern. Sie müssen Rebellen in der Masse der Menschen auf der Straße erkennen, anhand ihrer Mimik.

Jeder Teilnehmer sitzt vor einer Webcam, die seine Gesichtsregungen aufzeichnet. Eine Software ordnet die Mimik verschiedenen Zuständen zu, von überrascht bis traurig oder wütend. Die Gesten werden dabei auf das Gesicht des Avatars übertragen, auch Augenzwinkern und das Öffnen des Mundes werden in Echtzeit animiert.

Nur Lächeln schützt vor Enttarnung

Mit mobilen Scannern können Polizisten die Passanten analysieren. Wer gescannt wird, sollte seine Gesichtszüge beherrschen können. Nur wer ein kontrolliertes Dauerlächeln zur Schau trägt, bleibt unerkannt. Gelingt das nicht, fliegt die Tarnung auf. Dann bleibt nur noch die Flucht vor den Betäubungs-Tasern der Polizei.

Beim Ausreißversuch kann der Revolutionär versuchen, die Polizisten vorübergehend zu blenden, er kann allen Umstehenden ein identisches Aussehen verpassen, oder den Polizisten so einkleiden, dass er, ohne es selbst zu merken, wie ein Bürger aussieht. Gerade Letzteres stiftet häufig Verwirrung: Polizisten tasern sich gegenseitig, weil sie auf der Verfolgungsjagd selbst wie ein hektischer Flüchtling wirken.

Aber auch die Ordnungshüter haben nützliche Tools: Sie können sich über Sprechfunk koordinieren und Verdächtige temporär mit Markierungen versehen. Hilfe erhalten sie von einer dritten Spielerkategorie, dem Mechaniker: Der kann gehackte Plakatwände reparieren und sieht auf einer Echtzeitkarte, wo die Rebellen zuletzt zugeschlagen haben. Daraus lässt sich ableiten, wo sie als nächstes angreifen werden. Am Ende siegt das Team, das die meisten Punkte gesammelt hat.